Zweiter Ökumenischer Kirchentag in München Christentreffen in Krisenzeiten


Im Schatten des katholischen Missbrauchsskandals hat der zweiten Ökumenische Kirchentag in München begonnen. Das Christentreffen will auch als Neuanfang der zuletzt abgekühlten Beziehungen zwischen der katholischen und evangelischen Kirche gelten.

Vor 19 Monaten haben die Organisatoren des zweiten Ökumenischen Kirchentags (ÖKT) ihr Leitwort festgelegt - heute erscheint das Motto auf eine bedrückende Weise aktuell. "Damit ihr Hoffnung habt" heißt das Bibelwort, unter dem die mehr als 100.000 in München erwarteten Dauerteilnehmer von Mittwochabend bis Sonntag reden, beten und singen wollen. Hoffnung erscheint im Moment fast das einzige, was den Gläubigen aus evangelischer und katholischer Kirche geblieben ist: Die Protestanten trauern ihrer über eine Alkoholfahrt gestürzten Bischöfin Margot Käßmann nach. Die Katholiken fürchten gar, dass die Fundamente ihrer Kirche im Missbrauchskandal zerbröseln.

Der erste ökumenische Kirchentag war vor sieben Jahren in Berlin. Von damals ist nur die nach katholischem Kirchenrecht illegale gemeinsame Abendmahlfeier am Rande des offiziellen Programms in Erinnerung geblieben. Ein katholischer Geistlicher hatte 2003 mit einem Protestanten zusammen Abendmahl gefeiert, der Katholik verlor darauf hin sein Priesteramt.

Dieses Mal verzichten die damals bei dem Gottesdienst federführenden amtskirchenkritischen Gruppen auf solch eine Provokation - angesichts der Skandalserie würde es wohl der katholischen Kirche nur noch weiteren Schaden zufügen. Und ein weiteres Anwachsen der Kirchenaustrittswelle wollen auch die Kirchenkritiker nicht. Das Bistum Augsburg, wo nach dem Skandal um den von Papst Benedixt XVI. nun im Eilverfahren abgelösten Bischof Walter Mixa in Scharen Katholiken austreten, zeigt die zerstörerischen Folgen für die Kirche.

Der diesjährige ÖKT zeichnet sich dadurch aus, dass das Thema Missbrauchskandal wenigstens nicht verdrängt wird. Kurzfristig nahmen die Veranstalter zwei Podiumsdiskussionen ins Programm auf, außerdem stehen Psychologen und Berater bereit, denen sich Opfer vor Ort in München anvertrauen können. Auf ebenso großes Interesse dürfte auch der erste große Auftritt von Margot Käßmann nach ihrem Rücktritt vom Ratsvorsitz der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) werden. Käßmann übernimmt einen der Hauptvorträge, sie referiert zu dem Thema "Sind die Kirchen ein Zeichen der Hoffnung in der Welt?".

Unabhängig von den jüngsten Skandalen gaben beide Kirchen zuletzt wenig Grund zu Optimismus. Katholiken und Protestanten leiden unter wachsenden strukturellen Problemen. In der Ökumene kommt als Problem hinzu, dass es in den vergangenen sieben Jahren praktisch keine Fortschritte gegeben hat. Im Gegenteil: Papst Benedikt XVI. hat sich deutlich stärker den Orthodoxen als den Protestanten zugewandt. Katholische und evangelische Bischöfe gaben 2005 die gemeinsame Überarbeitung der Einheitsübersetzung der Bibel auf. Und die EKD verärgerte die Bischofskonferenz zuletzt mit einem abwertenden internen Papier über deren Vorsitzenden, den Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch.

Zollitsch griff jetzt zu einem historischen Vergleich, um trotz der vielen negativen Vorzeichen die Hoffnung der ÖKT-Teilnehmer auf Fortschritte zu nähren. "Vor 25 Jahren habe ich auch nicht zu hoffen gewagt, dass die Berliner Mauer so plötzlich fällt. Ich habe das damals als Geschenk Gottes gesehen. Und ich schließe - ich sage das jetzt mal in Anführungszeichen - ein solches Wunder auch in der Ökumene nicht aus", sagte er dem "Focus". Mit fast 3000 Veranstaltungen - von Bibelarbeiten in Kleingruppen über Vorträge bis zu Konzerten mit zehntausenden Teilnehmern - wollen die ÖKT-Teilnehmer ihren Beitrag dazu leisten.

Ralf Isermann, AFP AFP

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