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Zwischenruf: Raucher, aufstehen!

Die neuen Gesetze zum Rauchverbot sind weit übers Ziel hinausgeschossen: Sie dienen nicht dem Schutz von Nichtrauchern, sondern der Unterdrückung der Raucher - und verletzen damit Freiheitsrechte und Menschenwürde.

Von Hans-Ulrich Jörges

Ich rauche. Und ich lasse mir das nicht verbieten. Ich rauche nur in meinem Büro - Pfeife. Gelegentlich in einem Restaurant eine Zigarre, wenn ich niemanden störe. Früher habe ich alles geraucht: Zigaretten mit und ohne Filter, Zigarren, Zigarillos, Pfeife. Zweimal habe ich auch schon über Jahre gar nicht mehr geraucht. Ich habe wieder angefangen, weil ich das Rauchen genieße. Ich bin so frei.

So weit mein Eingangsgeständnis, das Kreuzzügler wider den Tabak in schiere Raserei versetzen wird. Ich habe das immer wieder erlebt. Der Furor ideologisch verbissener Nichtraucher rückt Menschen wie mich gelegentlich in die Nähe von Triebtätern. Diesen Satz schreibe ich nicht leichtfertig. Bekennende Raucher werden mitunter behandelt wie Dreck, Abschaum, Auswurf der Gesellschaft, der mit Flammenschwert vom Antlitz der Erde getilgt gehört.

Freiheit der Nichtraucher war verletzt

Dennoch habe ich jedes Verständnis für den Schutz von Nichtrauchern. Ich finde es richtig, dass Rauchen in Ämtern, in Bahnhöfen, in Schulen und an anderen Orten verboten wird, die Nichtraucher nicht meiden können und wo sie sich belästigt fühlen. Verquarzte Raucherabteile in Zügen habe ich immer als grauenerregende Krebsstationen empfunden. Daher befürworte ich auch als Raucher stringente Nichtraucher-Schutzgesetze. Denn die Freiheit der Nichtraucher gilt es zu verteidigen. Sie war verletzt.

Was schon seit dem Sommer in einigen Bundesländern praktiziert wird und vom 1. Januar an in den meisten anderen folgen wird, ist aber kein Nichtraucher-Schutz mehr, sondern mit Akribie und Perfidie in Szene gesetzte Raucher-Unterdrückung. Das ist keine Kleinigkeit, keine Übergangserscheinung einer zunehmend dem Gesundheitsschutz verpflichteten Gesellschaft. Das greift in die Grundrechte der Verfassung ein - und es verletzt massiv die Würde des (rauchenden) Menschen. Das berührt nicht mehr nur Raucher, es muss auch politisch wache Nichtraucher empören.

Denn es geht um Freiheit. Schon das von der EU oktroyierte Werbeverbot für Tabak ist ein flagranter Eingriff in Freiheitsrechte. Jedes legale Produkt muss auch beworben werden dürfen. Wird diese Regel einmal durchbrochen, steht mehr zu befürchten. Und in Brüssel wird ja auch schon über mehr diskutiert.

Dass aber Raucher keine Orte mehr haben, kein Restaurant, keine Kneipe, keine Bar, wo sie leben dürfen, wie sie wollen, überschreitet das Erträgliche. Die Gesetze sind absichtsvoll so schikanös konstruiert - Raucherkneipen sind ganz verboten, eventuelle Raucherstuben müssen kleiner sein als die Nichtraucherräume, sie dürfen keine Durchgangszimmer sein zu Toiletten oder Küchen, sie müssen abgeschlossen und speziell entlüftet sein -, dass sie auf ein effektives Rauchverbot in Gaststätten hinauslaufen. Das Verbot, Restaurants und Kneipen durch ein Schild am Eingang als Rauchergaststätten zu kennzeichnen und jedem Nichtraucher offen zu lassen, ob er sie dennoch betreten möchte, halte ich für unerträglich. Und für verfassungswidrig.

Raucher sind eine Minderheit, zugegeben. Nicht mehr als ein Drittel der Deutschen raucht. Das erklärt den Opportunismus und die Prinzipienlosigkeit der Politik, keine Hand zu rühren für den Schutz ihrer Rechte. Aber es entschuldigt nicht die Feigheit gegenüber dem bedingungslosen Herrschaftsanspruch notorischer Volkserzieher und Denunzianten.

Freiheit steht nicht ganz oben auf der Werteskala der Deutschen. Die lieben eher Sicherheit. Jedenfalls in ihrer großen Mehrheit. Deshalb muss Freiheit erkämpft werden, gerade wenn es die Freiheit der anderen, einer Minderheit, ist. Bei der Buchmesse in Frankfurt habe ich erlebt, an welche Abgründe die Diktatur der Nichtraucher führt. Einen Freund, der spätabends nach dem Essen eine Zigarre rauchen wollte, begleitete ich in einen dafür empfohlenen Club, neben dessen Raucherzimmer ein gebrochen Deutsch sprechender Mann vor einer Wand von Monitoren saß - was er da überwachte, blieb unklar - und drohte, man möge schleunigst verschwinden, sonst werde er einem die Knochen brechen.

Ich fühlte mich an die Prohibition erinnert, das Alkoholverbot der 20er Jahre in den USA: Rauchen nur noch in kriminellem oder halbkriminellem Milieu. Oder unter menschenverachtend demütigenden Bedingungen: in der Kälte unter Heizpilzen, in Zelten und Hütten vor Kneipentüren oder in verseuchten Kabinen in Büros und Flughäfen, die den Anschein erwecken, sie sollten den ersticken, der sie betritt. Verfassungsbeschwerden und Volksbegehren werden nun vorbereitet gegen die neuen Gesetze. Vordergründig geht es um gekennzeichnete Raucherlokale und die Existenz von Wirten, in Wahrheit aber um die Verteidigung der Freiheit - von allen. Raucher, aufstehen!

Rauchen in Deutschland: Wie sieht's in den Bundesländern aus?

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