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Kommentar

Hafen-Boulevard: Hamburgs peinlichste Baustelle - fast acht Jahre Bauzeit für nicht mal einen Kilometer

Seit 2011 wird gebuddelt: Hamburg baut sich einen neuen Hafenboulevard - in fast acht Jahren Bauzeit. Dabei ist die Strecke gerade mal 625 Meter lang. Irrsinn! Doch das Endergebnis ist noch viel schlimmer.

Hamburg Baumwall

Hamburgs Endlos-Baustelle: Die Bauarbeiten zwischen Baumwall und Landungsbrücken dauern noch bis Ende 2018.

Egal ob es regnet oder schneit: Seit sechseinhalb Jahren fahre ich grundsätzlich nur noch mit dem Fahrrad zur Arbeit. Grund ist die Baustelle direkt vor der Tür des Verlagshauses: Dort, an der Elbe zwischen Hafencity und Michel, erneuert die Stadt Hamburg den Hochwasserschutz und baut die Promenade zu einem prächtigen Hafenboulevard um. Auf den Planungen von Starachitektin Zara Hadid sieht die neue Hafenmeile fantastisch aus. Doch längst entpuppt sie sich für Hamburgerinnen und Hamburger als Stauhölle und ewig andauerndes Ärgernis.

Seit März 2011 wird schon gebuddelt - sage und schreibe sechs Jahre! Doch wer jetzt denkt, es handle sich um eine kilometerlange Strecke, der irrt. Es sind gerade mal 625 Meter Boulevard, für die eine Bauzeit von  mehr als sieben Jahren vorgesehen ist. Geplante Fertigstellung Ende 2018. Das macht 93 Monate oder 409 Wochen oder 2863 Tage. Wahnsinn. Pro Tag kommt die Baustelle demnach 21 Zentimeter voran. Eine Schnecke ist schneller.

Das ganze Elend auf einen Blick: Die weißen Betontreppen am bereits fertig gestellten Abschnitt sind total vermoost, der Mülleimer mit dem WC-Schild ist mit einer Kette befestigt. Schick geht anders.

Das ganze Elend auf einen Blick: Die weißen Betontreppen am bereits fertig gestellten Abschnitt sind total vermoost, der Mülleimer mit dem WC-Schild ist mit einer Kette befestigt. Schick geht anders.


Aus den fertig gestellten Mauern sifft weiße Flüssigkeit: Für diesen Anblick muss der Hamburger Steuerzahler fast 80 Millionen Euro berappen.

Aus den fertig gestellten Mauern sifft weiße Flüssigkeit: Für diesen Anblick muss der Hamburger Steuerzahler fast 80 Millionen Euro berappen.


Hier fühlen sich nur die Tauben wohl: Ein riesiger Aufgang zur viel befahrenen Straße. Die Treppen sind auch hier grau und unansehnlich. 

Hier fühlen sich nur die Tauben wohl: Ein riesiger Aufgang zur viel befahrenen Straße. Die Treppen sind auch hier grau und unansehnlich. 


Begrünung der anderen Art: Auf dem Boulevard wuchert das Gras.

Begrünung der anderen Art: Auf dem Boulevard wuchert das Gras.


Die Baustelle am Baumwall am Sonntagmorgen: Endlich mal kein Stau, aber auch keine Bauarbeiter.

Die Baustelle am Baumwall am Sonntagmorgen: Endlich mal kein Stau, aber auch keine Bauarbeiter.

China lacht uns aus 

"Ein so umfangreiches und vielschichtiges Projekt umzusetzen ist eine echte Herausforderung. Zeitweise Beeinträchtigungen für die Verkehrsteilnehmer sind dabei unvermeidbar", sagt Verkehrsstaatsrat Andreas Rieckhof. Klar, die Aufgabe ist nicht trivial, schließlich musste eine Schiffstankstelle umgesetzt werden, nach Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg gesucht und Spuntwände in die Elbe getrieben werden. Aber es ist nicht so, dass Hamburg bei diesem Projekt Gas geben würde.

Queen Mary 2 trifft auf Elphilharmonie

Am Wochenende ruhen die Arbeiten ebenso wie nach 18 Uhr. Wofür China vermutlich nicht mal sieben Monate brauchen würde, dafür benötigt Hamburg sieben Jahre. Und das obwohl die angrenzende Straße Vorsetzen, eine wichtige Verkehrsader in die Innenstadt, seit Beginn der Bauarbeiten nur noch einspurig befahrbar ist. Dadurch staut sich seit nunmehr sechs Jahren der Verkehr morgens teilweise über zwei Kilometer bis zum Fischmarkt. Doch im Rathaus scheint man sich davon ebenso wenig aus der Ruhe bringen zu lassen wie von der Tatsache, dass auch Touristen und Fahrradfahrer seit Jahr und Tag nervige Umwege in Kauf nehmen müssen.

Als im September die Cruise Days in Hamburg stattfanden, mussten sich über eine Million Menschen durch die Umleitung an der Baustelle quälen. Das gleiche Bild am Hafengeburtstag. Die "bekannteste Hafenpromenade der Stadt", wie sie die Behörde nennt, ist seit sechs Jahren für Fußgänger eine Sackgasse.

Der fertig gestellte Teil vermoost

Doch richtig peinlich wird es erst, wenn man sich das Endergebnis des insgesamt knapp 80 Millionen Euro teuren Projekts anschaut. Ein erster Abschnitt ist bereits eröffnet. Wer ihn an einem Herbsttag wie heute entlang schlendert, dem bietet sich ein trauriger Anblick. Die weißen Betontreppen, die zur Elbe und zur Straße reichen, sind vom Moos versifft. Auf dem Boulevard selbst hat die Architektin offenbar die Mülleimer in ihrer Planung vergessen. Vor die Designerleuchten hat die Stadtreinigung deshalb graue Tonnen an Geländer gekettet. Ein Schildbürgerstreich. Idiotie. Hässlich. 

Wenn voraussichtlich Ende 2018 der gesamte Boulevard eröffnet, dann wird Berlin und sein Flughafen wieder die peinlichste Baustelle Deutschlands sein. Bis dahin wird Hamburg der Hauptstadt auch nach Fertigstellung der Elbphilharmonie Konkurrenz machen. Mit der Bummel-Baustelle Baumwall-Boulevard.

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