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Umstrittener Kanzlerfreund Wo Maschmeyer bewundert wird


Finanztipps vom "Geld-Genie", und das lediglich für 538 Euro. Wenn der Milliardär Carsten Maschmeyer einen Vortag hält, geben sich Geschäftleute die Klinke in die Hand.
Von Wigbert Löer und Oliver Schröm

Er badet jetzt, in Menschen, in Bewunderung. Und er macht das gut. Ein Blick in die Kamera, ein Lächeln, angedeutet, eine Umarmung, ebenfalls angedeutet. Der Nächste bitte.

Fußballstars machen so etwas, nach dem Training, und vielen sieht man dabei an, dass sie eine lästige Pflicht erfüllen. Carsten Maschmeyer aber sieht aus, als genieße er es, im Foyer eines Theaters zu stehen und mit ihm unbekannten Menschen für Fotos zu posieren. Er signiert auch Exemplare seines 2012 erschienenen Buches "Selfmade", die er mitgebracht und verschenkt hat. Die Leute, die anstehen, haben ihm gerade noch zugehört. Nun können sie ihm nahe kommen.

Das Theater heißt Colosseum steht im Zentrum Essens. 2000 Menschen arbeiteten einst in dem Gebäude aus rotem Backstein, das zur Krupp-Gussstahlfabrik gehörte und "8. Mechanische Werkstatt" hieß. Sie fabrizierten Rahmen für Lokomotiven und Kurbelwellen für Schiffe. Harte, ehrliche Arbeit würde man das heute nennen, das Stahlgebälk erinnert daran.

Eintritt inklusiv After-Show: 538 Euro

An diesem Samstag im Sommer 2014 wird das Colosseum von rund 750 Männern und ein paar Frauen besucht, deren Beruf es ist, Produkte zu verkaufen. Die "Salesleaders" richten eine Veranstaltung aus, die sie "Top-Event" nennen. "Machen Sie sich, Ihre Mitarbeiter und Vertriebspartner fit für die täglichen Herausforderungen im Vertrieb!", heißt es im Programm. Eine Eintrittskarte mit After-Show-Party kostet 538 Euro. Die Veranstaltung ist ausverkauft. Unter Verkäufern besteht offenbar Bedarf nach Tipps und Vorbildern. Maschmeyer ist der Schlussredner.

Die Männer, die vor ihm auf die breite, schwarze Bühne treten, heißen "Top-Speaker". Sie haben viele "Speaker"-Auszeichnungen bekommen. "Motivierende Impuls-Vorträge" sind den Zuhörern versprochen. Die Zwischenmoderation übernimmt Frauke Ludowig, die im Fernsehen "Exklusiv. Das Star-Magazin" präsentiert.

"Sind Sie zufrieden?"

Es ist 17.30 Uhr, als Carsten Maschmeyer mit einem kleinen Gefolge die Bühne betritt. Die Stuhlreihen vor ihm sind leer, die Zuhörer draußen im Foyer, Kaffeepause. Gerade baut Speaker Lothar Seiwert Requisiten auf, Wasserflaschen, eine Zeitung, 5- und 500-Euro-Scheine. Seiwert ist vor Maschmeyer dran. Der Professor hat nach Angaben Frauke Ludowigs fünf Millionen Bücher verkauft. Sein Vortrag heute lautet: "Simplify Your Time". Man solle seine Zeit vereinfachen, bedeutet das auf Deutsch.

Maschmeyer wird verkabelt. Der Tontechniker eilt an sein Pult.

"Sagen Sie bitte etwas", hallt es durch den Saal. "Sind Sie zufrieden?", fragt Maschmeyer. "Etwas hallig", sagt der Techniker. "Wie wird das, wenn hier gleich die Leute sitzen?", fragt Maschmeyer. "Nicht so hallig", antwortet der Tontechniker. "Gut", sagt Maschmeyer.

Dann gongt es, der Saal füllt sich und Lothar Seiwert trichtert ein, "was wirklich wichtig" ist. Er erzählt von Seminaren in den USA, da schrieben Teilnehmer ihre eigene Grabrede und mussten sich dann in einen offenen Sarg legen. Dann wurde die Rede verlesen. So weit will Seiwert aber nicht gehen. Nach einer dreiviertel Stunde ist er fertig. Freundlicher Applaus.

"Was wollen Sie hören?"

Frauke Ludowig erscheint, kündigt den letzten Speaker an, eigentlich, sagt sie, müsse man ihn nicht vorstellen. Musik ertönt, eher laut als triumphal, dann steht Maschmeyer im Licht zweier Scheinwerfer. "Was wollen Sie hören?", fragt er.

Manche erhofften sich bei seinen Auftritten dies, manche das, beginnt er, "und manche auch, dass der seine Veronica mitbringt". Doch die Schauspielerin Veronica Ferres wollte der Milliardär den versammelten Verkäufern nicht bieten. "Vielleicht kann ich ein bisschen helfen, dass das, was möglich ist, auch möglich wird", sagt er. Dagegen hat das Publikum nichts einzuwenden.

Er spricht schnell, eilt auf der breiten Bühne mal nach rechts und mal nach links. In der kommenden Stunde wird er sich null Mal versprechen. Bestimmte Botschaften lässt er zum Mitlesen an die Leinwand hinter ihm beamen, die Schlüsselworte erscheinen in Rosa. "Wer sagt, er gibt 100 Prozent, dem sage ich, er gibt 50 Prozent", sagt Maschmeyer.

Dass er die Zuhörer trotz solcher Sätze zu packen bekommt, liegt wohl vor allem an Maschmeyers Geschichte. Er prahlt nur moderat mit seinem Reichtum, einerseits. Andererseits ist da immer wieder sein Aufstieg aus der Armut. Die Mutter verpasste ihm einen ostpreußischen Kurzhaarschnitt und zuhause beim Abendessen durfte er keinen Ton sagen. Bei der Bundeswehr war er den Launen seines Vorgesetzten ausgeliefert. Und Medizin studierte er, weil seine Mutter gerne selbst Ärztin geworden wäre. Überall Widerstände, nirgends Geschenke. "Ich war nie reich", ruft Maschmeyer, kurze Pause. "Aber traumreich."

Und dann leuchten hinter ihm alte Charts, die für Verkäufer tatsächlich ein Traum sein müssen: "Umsatzlisten von Willy Kerth aus Wiesbaden", ist zu lesen, "Landesdirektors des Finanzvertriebs OVB". Zahlen und Namen auf vergilbten Blättern, in Schreibmaschineneschrift. OVB, hier hat Maschmeyer angefangen. Sein Name klettert in den Listen nach oben, die von ihm umgesetzte Summe steigt und steigt. Maschmeyer rattert die Zahlen herunter – bis plötzlich ein Artikel zu sehen ist, "Bild", Ausgabe Hannover: "Das Geld-Genie. Europas erfolgreichster junger Unternehmer".

Maschmeyer macht sich über das Foto lustig, das den Artikel illustriert, späte achtziger Jahre, sein Hawaii-Hemd in Rosa, Schnauzbart und volles, gewelltes Haar. Lachen im Saal. Seine Mutter habe damals seinem Chef geschrieben, ihr Sohn solle doch studieren. "Dann hat sie mir mit Enterben gedroht, das hat mich aber nicht gestört, da waren ja nur Schulden", erzählt er. Diesmal lacht niemand.

Auf der Leinwand erscheint jetzt ein Foto seines ersten Büros, danach die üppige AWD-Zentrale in Hannover. Er geht das Heute durch, das Jetzt, den Lebenstraum habe er sich ja erfüllt und mit 50 Jahren die Firma verkauft. Nun besitzt er Investmentfirmen, die "Alstin", die sich mit zwischen zwei und 50 Millionen an Unternehmen beteilige, die "Paladin", die nur Aktien erwerbe. Anteile an 60 Firmen gehören ihm, sagt Maschmeyer, und in dem Moment erscheint hinter ihm eine Weltkarte, gesprenkelt mit Punkten auf fast jedem Kontinent.

Das "Geld-Genie"

Die Welt ist ihm aber auch genug. Maschmeyer investiert auch in Firmen junger Existenzgründer. "Wissen Sie, warum ich mich um die jungen Leute kümmere?", fragt er. Ein paar Minuten zuvor hat er zwar noch erklärt, dass sich heute Geld verdienen lasse, wenn man sich an wachsenden Unternehmen beteilige. Nun aber erklärt er: "Ich habe so viel vom Leben bekommen und möchte ein bisschen was zurückgeben." Er klingt dabei nicht ironisch.

Es folgen Sprachbilder ("Lieber ein paar Tropfen Gefühl als eine Pfütze voller Fakten"), Wortspiele ("Armut ist arm an Mut") und, als es um Kommunikation geht, klare Ansagen an seine Zuhörer: "Heilen Sie Ihre Ich-Krankheit! Betreiben Sie Anti-iching!" Gespräche seien wie Schaufenster, sagt Maschmeyer, mit Sprache lasse sich viel gewinnen, "Wörter sind die Schlüssel zum Erfolg". Er erzählt von der "Taufe von Schröders Sohn", da habe der Pastor gesagt, "danke, dass sie nach der Predigt wieder ihre Handys einschalten". Das sei doch viel besser als "Machen Sie Ihre Handys aus", findet Maschmeyer.

Nach 57 Minuten verlässt er die Bühne, nach einer weiteren Dreiviertelstunde gelingt es seinen persönlichen Assistenten, das Bad in der Menge zu beenden und ihren Chef aus dem Foyer nach draußen zu geleiten. Auf der After-Show-Party werden geschmorte Ochsenbacke, Süßkartoffelpüree und später Mango-Kokos-Mousse gereicht. Da ist Maschmeyer schon wieder auf dem Weg zu seinem Flugzeug.


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