Der Investigativ-Blog Osteuropa ist Spielwiese der Fußball-Wettmafia

Der Investigativ-Blog: Osteuropa ist Spielwiese der Fußball-Wettmafia

Jeder achte professionelle Fußballspieler in Osteuropa ist bereits gefragt worden, ob er ein Spiel manipulieren würde. Schlecht bezahlt, mies behandelt - die Situation der Spieler ist schockierend.

Wenn Griechenlands Nationalelf morgen zur EM-Eröffnung gegen Gastgeberland Polen antritt, werden wohl auch Spieler auf dem Platz stehen, die alles andere gewohnt sind als sauberen, gut entlohnten Profisport. In einer anonymen Umfrage bezeichnen sich fast 32 Prozent der griechischen Profis als Gewaltopfer, körperlich drangsaliert vor allem von Fans oder dem Club-Management. Höher ist dieser Anteil in keinem der elf weiteren Länder, die in die Umfrage der Spielergewerkschaft FIFPro mit rund 3.000 Profi-Fußballern aus Osteuropa einbezogen wurden.

Viele Spieler trauen sich nicht, offen über die Zustände in ihren Vereinen und Ligen zu sprechen. Doch es gibt Ausnahmen.

Alexandros Tzorvas, Torwart der Griechischen Nationalmannschaft:
"Die Fans von Olympiakos (Piräus, d. Redaktion) - wenn man sie so nennen kann - haben uns geschlagen bis wir es in den Tunnel geschafft haben. Ich war verletzt und ich bin mir sicher, dass es wieder geschehen wird", sagte er in einem Interview 2011. "Ständig wird irgendetwas nach uns geschmissen, von Handys bis Glasflaschen. Das Komische daran ist, dass wir uns daran gewöhnt haben."

Unsicher ist auch die Bezahlung vieler osteuropäischer Spieler. Etwa 50 Prozent der Befragten warten regelmäßig auf ihre Bonuszahlungen, zwei von fünf bekommen auch ihr Gehalt nicht pünktlich. Dafür fehle den Clubs schlicht das Geld, sagen die meisten der unregelmäßig bezahlten Profis. Sieben Prozent jedoch fühlen sich damit von ihren Clubs unter Druck gesetzt. Das Geld käme zu spät, damit sie in Gehaltskürzungen einwilligten – oder sogar kündigten.

Der bosnische Mittelfeldspieler Adis Stambolija spielte bis Anfang des Jahres bei FC Karlovac in der kroatischen Liga. Neun Monate lang habe er kein Gehalt bekommen, so FIFPro. "Willst du wissen, wie es aussieht, wenn wir zum Training kommen? Wir öffnen unsere Geldbörsen und zählen die Münzen um einen Kaffee zu kaufen und ein Sandwich. Es gibt Spieler, die haben nicht mal einen Euro in der Tasche."

Wenn die Bezahlung auf sich warten lässt, steckt dahinter oftmals ein viel größeres Problem: Viele der Fußballer sind gar nicht erst fest bei ihren Clubs angestellt. Rund 15 Prozent der Befragten bezeichnen sich als selbstständig, knapp 8 Prozent haben gar keinen Arbeitsvertrag. In Ungarn spielen offenbar besonders viele Spieler ohne vertragliche Grundlage, hier liegt der Anteil bei 30 Prozent.

Unter solchen Verhältnissen leiden nicht nur die Profis, sondern auch der Fußball selbst. Das zeigt die FIFPro-Umfrage sehr eindrucksvoll. Ob ihnen schon einmal angeboten worden sei, mit der Manipulation von Spielen Geld zu verdienen, wurden die Profis gefragt. Jeder achte Befragte bejahte das. Bei den Spielern, die unregelmäßig bezahlt wurden, war es jeder zweite.

Genau in diesem Zusammenhang sieht Raymond Beaard von der Spielergewerkschaft FIFPro den Knackpunkt. "Viele sagen, das größte Problem der europäischen Profis sei Manipulation, aber davon gäbe es viel weniger, wenn die Vereine pünktlich und angemessen zahlten", sagt er.

Evgeny Levchenko, ehemaliger ukrainischer Nationalspieler:
"Als ich bei FC Saturn Moskau spielte, kam einer meiner Teamkollegen einmal in die Umkleidekabine und sagte, wir hätten ein Angebot des anderen Clubs. Er fragte, ob wir uns etwas Geld verdienen wollten. Das Team hat entschieden, es nicht zu tun. Aber stellen Sie sich vor, sechs oder sieben Spieler hätten ja gesagt. Ich war schockiert. Ich war 30 Jahre alt, als das passierte und ich hatte so etwas noch nie erlebt. Ich bin froh, niemand wollte das Angebot annehmen."

Repressalien erleben viele der osteuropäischen Profis auch im Training. Knapp 16 Prozent der Befragten wurden dabei schon einmal von ihrer Mannschaft ausgeschlossen, 27 Prozent haben das bei Kollegen erlebt. Nach den Gründen dafür gefragt, verweisen die meisten Betroffenen auf Schwierigkeiten mit dem Management, der Club habe ihren Vertrag beenden oder verändern wollen.

Vladimir Radivojevic ist Profifußballer in Serbien. Er wollte seinen Vertrag bei Mladost Lucani, der im Januar 2012 auslief, nicht verlängern. Laut FIFPro hat der Coach des Vereins angeordnet, Radivojevic müsse zwei Mal am Tag allein trainieren, um 7:15 Uhr und um 23:45 Uhr. "Ich erlebe eine echte Quälerei bei den Trainings. Alles, was ich tue, ist laufen. Samstag nacht um Mitternacht, in der Dunkelheit, bin ich 15 Kilometer gerannt", sagte Radivojevic einer Zeitung. Derzeit versuche er, allen Anweisungen des Clubs zu folgen, damit ihm nicht Vertragsbruch vorgeworfen werden kann.

Isoliertes Training als Druckmittel – davon berichten die Spieler aus Kasachstan, Ungarn und Griechenland besonders häufig, während ihre Kollegen in Russland offenbar am seltensten betroffen sind. Allerdings dürfte dieser Anteil in der Realität höher liegen. Denn fast jeder zweite russische Fußball-Profi gibt in der Umfrage zu, jemanden zu kennen, der schon alleine trainieren musste. Nicht ausgeschlossen, dass manche damit sich selbst meinen.

Die Spielergewerkschaft hat ihre Umfrage zusammen mit Fallbeispielen an die Verbände der betroffenen zwölf Länder geschickt – unter dem Titel "Schwarzbuch Osteuropa". "Wir hoffen, dass wir sie aufgeweckt haben und dass sie nun bereit sind, mit uns zu kooperieren", sagt Raymond Beaard. Die Veröffentlichung des Schwarzbuchs soll die Probleme der Fußballer deutlich machen und damit ihnen und dem Fußball in Osteuropa helfen. Doch rund fünf Verbände haben verlauten lassen, sie hätten kein Buch erhalten oder es gebe keine Probleme.

Bei der UEFA sieht es inzwischen anders aus. Sie hat ein Abkommen unterzeichnet, das vorsieht, die Probleme gemeinsam mit FIFPro anzugehen. Im August soll das erste Treffen einer Arbeitsgruppe stattfinden. Der UEFA sei bewusst geworden, dass sie die Kenntnisse der FIFPro über die Missstände benötige, so die Spielervereinigung. Für FIFPro ein Meilenstein.

von Christina Elmer und Nina Plonka

Illustration: Philipp Möller


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