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Uefa-Skandal "Der Schuss ist nach hinten losgegangen"


Die Uefa hat den Rücktritt ihres Disziplinarchefs Peter Limacher verkündet. Auf Seiten des europäischen Fußballverbandes versucht man nun, den Skandal auf die sanfte Art aus der Welt zu schaffen - viele Fragen bleiben ungeklärt.
Von Johannes Gunst, Minsk

Draußen ist es klirrend kalt, der Ort ist symbolträchtig ausgewählt. Die Granden der Uefa tagen im sechsten Stock des noblen "Crowne Plaza" in Weißrusslands Hauptstadt Minsk, und sowohl nach Polen als auch in die Ukraine ist es von hier aus nicht weit. An diesem Montag, dem 4. Oktober, sollen letzte Zweifel ausgeräumt werden, ob diese beiden Länder die Europameisterschaft 2012 tatsächlich stemmen können. Der ukrainische Vertreter, Grigority Surkis, sitzt stolz auf dem Podium im Blitzlichtgewitter, neben ihm Uefa-Boss Michel Platini und dessen Generalsekretär Gianni Infantino. Der Ukrainer lobt die "große Weisheit" des Exekutivkomittees, Platini und Infantino loben den Ukrainer. Man scheint mit sich zufrieden zu sein. Es hätte ein schöner Tag werden können in Minsk - wäre da bloß nicht die brisante Affäre um Peter Limacher.

Zusammen mit dem Münchner Kroaten Robin Boksic, nach eigenen Angaben "BND-Agent", hatte der Uefa-Disziplinarchef den FC Bayern gegenüber dem stern und der spanischen Staatsanwaltschaft der Bestechlichkeit bezichtigt. Der stern machte die Affäre öffentlich, enttarnte Robin Boksic vor drei Wochen. Die Uefa trennte sich wenig später von ihrem Ermittler. Da hatte der FC Bayern bereits Anzeige wegen Verleumdung gestellt.

Nun, am Montag um 17.26 Uhr Ortszeit, verkündet Uefa-Generalsekretär Gianni Infantino in Minsk die nächste Konsequenz - und die reicht durchaus weiter: "Peter Limacher hat sich entschieden, von seiner Position als Uefa-Disziplinarchef zurückzutreten." Ein leises Raunen geht durch die versammelte Journalistenschar. Infantino fährt fort: "Mr. Boksic hat vorgegeben, jemand zu sein, der er offensichtlich nicht ist. Die Uefa wurde tatsächlich betrogen."

"Kein irgendwie gearteter Beweis"

Peter Limacher sei, so die Interpretation der Uefa, ein "Opfer". Warum er zurücktrete? "Herr Limacher hat einen schweren professionellen Fehler gemacht. Er hat mit den Medien geredet, insbesondere mit dem stern." Etwas leiser ergänzt der Generalsekretär: "Es gibt keinen Grund, über einen Fall zu reden, der nicht existiert."

Damit ist die angebliche Spielmanipulation durch den FC Bayern im Uefa-Cup-Halbfinale 2008 gemeint. Es ist das späte Eingeständnis, dass Peter Limachers Disziplinarabteilung den Vorzeigeklub aus München diskreditiert hat. Es gebe "keinen irgendwie gearteten Beweis" einer Spielmanipulation, muss Gianni Infantino einräumen.

Was bleibt, ist die Frage nach Limachers Motivation, sich mehrfach mit stern-Journalisten auszutauschen. "Er dachte vielleicht, er könne seinerseits Informationen von den Medien erhalten", mutmaßt Infantino.

Kommt die Uefa damit durch?

Das Beschreiben nicht existenter Beweise im Austausch gegen Einblicke in journalistische Rechercheergebnisse? Eine merkwürdige Arbeitsweise wäre das gewesen für einen Chef der Uefa-Disziplinarabteilung. "Na ja, der Schuss ist wohl nach hinten losgegangen", sagt Infantino abschließend.

Die Strategie im Krisen-Management der Uefa wird in seinen Worten deutlich: Peter Limacher sei nicht vorzuwerfen, Boksic eingeschleust zu haben, schließlich, so Infantino, sei "auch die deutsche Justiz" auf Boksic hereingefallen. Warum Limacher dem dubiosen Ermittler Zugänge zu hochsensiblen Bereichen der Uefa ermöglichte - diese entscheidende Frage beantwortet Infantino nicht.

Mehrfach hingegen stellt er fest, dass der Uefa durch Robin Boksic "kein materieller Schaden" entstanden sei. Neue stern-Recherchen legen nahe, dass auch die erst kürzlich installierte, mehrere tausend Euro teure "Integrity Line" bei der Uefa vom Skandal betroffen sein könnte, an die sich "Whistleblower" vertrauensvoll wenden können (lesen Sie mehr dazu im am Donnerstag erscheinenden neuen stern). Peter Limacher werde in der Uefa weiterarbeiten, wenn auch in einer "anderen Position".

Es ist der Versuch, den Skandal auf sanfte Art aus der Welt zu schaffen. Die Frage ist, ob die Uefa damit durchkommt.

Mitarbeit: Rüdiger Barth, Christian Bergmann, Wigbert Löer, Andreas Mönnich, Nina Plonka, Oliver Schröm

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