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Gotteskämpfer Wo, bitte, geht's hier zum Heiligen Krieg?


Sein Lebensinhalt war Kiffen. Dann will M. ein großer Kämpfer sein, zieht in den Krieg für al-Qaida - und scheitert kläglich. Nun steht er vor Gericht. Seine Anstifter und Komplizen laufen frei herum, viele leben in Deutschland. Der stern hat sie aufgespürt.

Als M. am 1. November 2007 das erste Mal eine Nachricht in ein islamistisches Internetforum tippt, mangelt es ihm an vielem. Er besitzt keinen gottesfürchtigen Lebenslauf, kennt sich kaum aus mit dem Koran und mit dem "Heiligen Krieg" schon gar nicht. Immerhin hat er es kurz zuvor, nach Jahren der Dauerdröhnung, geschafft, mit dem Kiffen aufzuhören. Im Ramadan. Seitdem mangelt es ihm an einem nicht mehr: Entschlossenheit.

M., damals 22 Jahre alt und gut 125 Kilo schwer, möchte sein Leben ändern. Keine Zigaretten, kein Haschisch, auch Partys: vorbei. Der Sohn syrischer Eltern sucht seinen Rausch ab sofort im "Krieg auf dem Wege Gottes".

Wie man Gotteskrieger wird, weiß er nicht, er setzt auf das Internet. M. schreibt in das Forum: "Bruder nehmen wir an ich möchte zum Jihad, wer bringt mich über die Grenze ...??? Müssen meine Eltern bescheit wissen, (Sie beten nicht) ..." Der Administrator des Forums der "Globalen Islamischen Medien-Front" antwortet leicht genervt: "Wir können dir hier sicher kein Fahrplan ausstellen wie du dahin kommst." Doch M. wird zu seinem Ziel kommen. Er wird innerhalb von anderthalb Jahren Leute finden, die ihm einen Fahrplan in den Dschihad besorgen, er wird Predigten voller Hass in sich aufsaugen, wird auf Menschen treffen, die sich seine Brüder nennen und ihn doch verraten.

"Außenminister" von al-Qaida

Dreieinhalb Jahre nach seinem unbeholfenen Eintritt in die Welt der selbst ernannten Gotteskrieger steht M. ab jetzt als Angeklagter vor Gericht. Er gilt als einer der wichtigsten Kronzeugen der Ermittler. Es waren vor allem seine Angaben über geplante Terroranschläge, die im vergangenen November dazu führten, dass der damalige Innenminister de Maizière die Sicherheitsmaßnahmen in Deutschland drastisch verschärfte und Polizisten mit Maschinenpistolen auf Flughäfen und Bahnhöfen patrouillieren ließ.

Denn M. hat sich vom kleinkriminellen Kiffer zum gut informierten Gotteskrieger gewandelt, ließ sich in Ausbildungslagern der al-Qaida zum Terroristen schulen. Dort, so gibt M. nach seiner Festnahme im Juni 2010 preis, habe er Scheich Younis al-Mauretani getroffen, den "Außenminister" von al-Qaida. Dieser habe ihm von neuen Anschlagsplänen berichtet:

"Das, was wir im Kopf haben, da kommt nicht mal der Teufel drauf." Er habe von einem großen Anschlag in Europa gesprochen, und M. hatte ihm versprochen, 20.000 Euro für den Terror zu sammeln. Jener Scheich ist es nach stern-Informationen auch, der die drei Mitglieder der "Düsseldorfer Zelle" führte, die am Wochenende festgesetzt wurden.

Zusammen mit zehn Gesinnungsgenossen aus Hamburg war M. 2009 in die pakistanische Bergregion Waziristan aufgebrochen.

Wer formt junge Menschen in Deutschland zu Terroristen?

Doch der Krieg wurde ihm zu anstrengend. Ende Juni 2010 wollte er nach Deutschland zurück. Pakistanische Sicherheitskräfte fingen ihn ab und lieferten ihn schließlich nach Deutschland aus. Wer aber brachte diesen manipulierbaren jungen Mann dazu, vom Dschihad zu träumen?

Wer formt junge Menschen in Deutschland zu Terroristen?

Die Suche nach den Wegbereitern des Terrors führt in einen Münchner Gerichtssaal, einen Orient-Shop in Bonn und zu einem Konvertiten in Hamburg. Sie erzählt von Demagogen, Naivlingen, Spitzeln, Stümpern und besorgten Müttern. Ganz am Ende wird man auch auf die Ehefrau M.s treffen, die damals den Computer ihres gesuchten Mannes bei Ebay ausgerechnet an die Polizei verhökerte.

Beginnen wird sie aber mit dem Mann, dem M. damals in die Terrorszene folgte - und den heute die Szene verfolgt.

Der falsche Freund

Irfan P. ist ein schlaksiger 22-Jähriger mit gestutztem Vollbart. Er wirkt blass in diesen Tagen, und das hat seine Gründe: Vor drei Wochen wurde er in München bei dem Prozess gegen die deutsche Sektion des islamistischen Terrorforums "Globale Islamische Medien-Front" als V-Mann des Verfassungsschutzes enttarnt.

Seitdem bedrohen ihn ehemalige Freunde, er gilt als Verräter in der Islamistenszene.

Irfan P. ist der Mann, den M. im Herbst 2007 im Internet fragte, wie er es denn anstellen könne mit dem Dschihad. Der gebürtige Serbe ist zu diesem Zeitpunkt 18 Jahre, hat den radikalen Islam auf einer Reise in die Heimat für sich entdeckt und ist gerade aufgestiegen zum deutschen Chef der Gotteskrieger im Internet; von Bayern aus verbreitet er Al-Qaida-Werbevideos für den deutschen Terrormarkt.

Es sind diese Propagandavideos von getöteten Kindern in Palästina und gefolterten Muslimen im Irak, die M. in eine neue Welt ziehen. Es sind Sequenzen voller Hass, Parolen und Heilsversprechen, simple Sinnangebote für einen jungen Mann auf der Suche nach Halt.

Bald trifft der Internetmissionar seinen Gläubigen auch in der realen Welt, Irfan P. und M. verstehen sich gut. Gemeinsam steigern sie sich in die Idee hinein, in den Krieg nach Afghanistan zu ziehen. Irfan P. kennt die Größen der Szene, auch ein Kontaktmann der Sauerlandbomber ist dabei.

Irfan P. wird nach Nürnberg verfrachtet

Anfang 2008 chattet Irfan P. mit M., dieser wird immer ungeduldiger: "Nun brauchen wir einer der uns führen kann nach draussen. Und bitte dich drum etwas zu organisieren." P. schreibt ein paar Tage später:

"ein bruder vor kurezem aus deutschland ist shaheed (Märtyrer, Anm. d. Red.) geworden in Pakistan ... Isch habe kontakte mach dir deswegen keine sorgen das ist meien aufgabe." Doch aus dem gemeinsamen Kampf wird nichts. Im August 2008 schlägt Irfan P. zusammen mit zwei weiteren Männern einen Handyverkäufer zusammen. Untersuchungshaft in Weiden statt Dschihad in Afghanistan.

Zwei Monate nach seiner Festnahme stehen SEK-Beamte in seiner Zelle. Irfan P. wird nach Nürnberg verfrachtet. Dort sitzt er in verschärfter Untersuchungshaft, angeordnet vom Bundesgerichtshof wegen seiner Führungsrolle im islamistischen Terrorforum.

Die Haft zermürbt Irfan P. Eines Tages besucht ihn ein Herr vom Verfassungsschutz. P. packt aus, wird im Sommer 2009 unter Auflagen freigelassen und arbeitet ab Winter als Spitzel in Berlin. Später wird das Ermittlungsverfahren gegen ihn eingestellt, während einfache Mitglieder des Terrorforums in diesen Tagen in München vor Gericht stehen.

Sein Freund M. ist schon mehrere Monate im fernen Waziristan und macht sich keinen Kopf um Konspiration. Er mailt ihm Fotos und Reiseberichte. Mails, für die sich der Verfassungsschutz brennend interessiert.

Inzwischen arbeitet Irfan P. nicht mehr als V-Mann. Für seine Sicherheit sorgen noch immer staatliche Stellen.

Der Prediger

Der Mann, der noch vor Jahren als Starprediger der radikalen Szene galt, steht hinter dem Glastisch eines Lädchens in der Bonner Kölnstraße, "Neueröffnung" klebt am Schaufenster. Er starrt auf einen Computer.

Mohamed G. trägt Brille und Bart, der Gurt seines Geldbeutels hält kaum seinen Bauch. Ein Duft von Rosenwasser hängt über den Accessoires, die der strenggläubige Muslim hier anbietet.

Fragt man ihn nach Abu Ubayda, starrt er nervös auf den Computerbildschirm.

Er predige schon seit Jahren nicht mehr, sagt er später, "das gibt nur Ärger".

Als er unter dem Namen Abu Ubayda noch Islam-Vorlesungen gab, reisten M. und Irfan P. mindestens einmal im Monat nach Bonn. Offenbar gab Abu Ubayda den beiden Islamisten dort Ausreisetipps an die Hand.

Nach einem Treffen mit dem Prediger im Mai 2008 unterhalten sich M. und P. im Auto, das längst von deutschen Behörden verwanzt ist. M. sagt:

"Wir haben einen Weg. Abu Ubayda akhi." Irfan P.: "Ich habe keinen Bock mehr zu warten." Kurz darauf sagt er: "Vielleicht gibt Abu Ubayda nächste Woche schon die Entscheidung."

Der Schleuser

Doch die Entscheidung soll später nicht Abu Ubayda fällen, sondern Assadullah Muslih. M. lernt ihn in Hamburg kennen.

Dort lebt der Afghane allein, seit er seine Frau und fünf Kinder nach Pakistan geschickt hat. In Hamburg durften sie ohne ihn nicht die 42-Quadratmeter-Wohnung verlassen. Bei einer Nachbarin beklagt sich der Islamist über fehlende Moral und Keuschheit in Deutschland. Muslih betet in der Al-Quds-Moschee, die auch die Hamburger Hintermänner des 11. September besuchen. Kurz vor den Terroranschlägen prahlt er:

"Wir machen Dschihad." Er hat nur eine große Klappe, denkt sich eine Bekannte.

2002 wird gegen ihn wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung ermittelt. Er soll in einer islamischen Buchhandlung in Hamburg einen "Märtyrerschwur" geleistet haben - für die Ziele des Islam das Leben zu lassen.

In Ermittlerkreisen hält man ihn jedoch für einen Aufschneider, gibt man Muslih den Spitznamen "Radio" wegen seines großen Mundwerks. Muslih bleibt auf freiem Fuß. 2004 ziehen seine Frau und Kinder nach Pakistan. Seitdem pendelt er mehrmals im Jahr zwischen Hamburg und Peschawar.

Als er sich am 23. Januar 2009 mit M. und anderen in einer Hamburger Wohnung trifft, sind in der Szene seine guten Kontakte in das afghanisch- pakistanische Grenzgebiet längst bekannt. Wer in ein Terrorlager reisen möchte, der müsse nur Muslih fragen, heißt es, Muslih könne die bestmögliche Unterbringung im Kampfgebiet garantieren. Und Muslih organisiert die Fahrt der Hamburger in den Terror, seine Reisegruppe nennt ihn respektvoll "Unser Löwe".

Anfang Februar macht er sich auf die Reise nach Peschawar. Als Vorauskommando der deutschen Gotteskrieger. Im März soll er Michael W. und einen weiteren Islamisten in Empfang nehmen.

Doch die beiden schaffen es nicht. Muslih ruft an, gibt die Anweisung, nun von Hamburg aus Geld für "Waisenkinder und Arme" zu sammeln. Das LKA hört mit, vermutet, dass Muslih in Wirklichkeit Geld für "dschihadistische Aktivitäten" eintreiben will.

Der Konvertit

Wäre alles nach Plan gelaufen, säße Michael W. vermutlich heute in einem Al-Qaida-Lager im pakistanischen Grenzgebiet. Doch für Michael W. läuft nichts nach Plan, und das ist sein Glück.

Am Tag der Abreise Richtung Pakistan am 11. März 2009 ruft Ws. Mutter bei der Polizei an, sie mache sich Sorgen um ihren Sohn.

Der hatte ihr gesagt, er wolle nach Saudi-Arabien reisen. In seinem Kleiderschrank fehlen aber warme Pullover und Hosen. Was will ihr Sohn mit Winterbekleidung im Wüstenstaat? Mutter W. hat Angst um ihn. Schon lange.

Mit 16 hatte ihr Sohn erklärt, er sei nun Muslim. Mit 18 will er kein Schweinefleisch mehr essen, später lässt er sich einen Bart wachsen, verbannt Computer und CDs aus seinem Zimmer.

2009 ist Michael der Mutter endgültig entglitten. W. will mit zwei Glaubensbrüdern als Nachhut der Hamburger Islamistenclique über Wien nach Pakistan, doch schon in Wien werden sie aufgehalten, das BKA hatte den Österreichern einen Tipp gegeben.

Die Mutter weint, und W. grinst breit

Besonders schlau war es von W. nicht, einen mit "Regeln des Dschihad" überschriebenen Zettel einzustecken, den die Beamten bei ihm finden. Die Tipps hätte er sich auch so merken können: "Ruhig sein während des Kampfes. Nicht schreien", "Keine Frauen und Kinder töten, es sei denn, sie töten unsere". W. und ein Glaubensbruder dürfen weiterreisen.

Als sie in Peschawar landen, soll Muslih sie abholen, doch vor dem Flughafen warten Polizeibeamte.

Sie stülpen Muslih, W. und dessen Begleiter Säcke über den Kopf und verfrachten sie in ein Gefängnis. Während Muslih nach einem Tag freigelassen wird, müssen W. und sein Mitreisender knapp zwei Monate in einem Kellerverlies ausharren, ehe sie nach Deutschland ausgeliefert werden.

Als W. am Hamburger Flughafen landet, warten dort seine Mutter - und LKA-Beamte. Die Mutter weint, und W. grinst breit.

Er wird nicht festgenommen.

Die Folgsame

Jasmin S. trägt ein langes, schwarzes Gewand und ein Kopftuch, das nur ihr blasses Gesicht freigibt.

Sie spricht leise. Die Ehefrau von M. sitzt auf einem Spielplatz nahe ihrer Wohnung in Hamburg, doch sie hat ihre beiden Töchter nicht mitgebracht. Die Jüngere geht noch nicht in den Kindergarten, ihr Vater ist der Mann, über den jetzt alle mit ihr reden wollen.

Jasmin S. ist Deutsche, sie kam 1983 zur Welt. Als sie ihren ersten Ehemann, einen Türken, kennenlernte, konvertierte sie zum Islam.

Doch die Ehe zerbrach. M. lernte sie Anfang 2008 über eine Internetkontaktbörse kennen. Er besuchte sie in Hamburg, sie zeigte ihm die Moscheen.

Im Mai 2008 heirateten sie in der Al-Quds-Moschee, obwohl Jasmin noch immer verheiratet war, nach deutschem Recht.

Wenn ihr Mann Gäste hat, macht sie Essen und zieht sich in das Kinderzimmer zurück. Ganz folgsame Ehefrau. Wie viel sie von seinen Plänen wusste, erzählt Jasmin S. nicht. Sie sagt:

"Ich kann mir nicht vorstellen, dass mein Mann in einem Terrorlager war." Fest steht, dass die beiden miteinander telefonieren und chatten, als M. in Waziristan ist. Ende 2009 schreibt Jasmin ihm, sie wolle so schnell wie möglich hinterherreisen, habe Angst, dass er sich eine Zweitfrau zulegen würde. M. versucht, seiner Frau die Reise auszureden, vergebens.

Sie wartet auf ihn

Das Ehepaar hinterlässt viele Spuren im Internet. Im Frühjahr 2010 braucht Jasmin S. Geld, sie bietet neben einer Burberry- Handtasche auch einen PC zum Verkauf an. Schnell findet sich für den Rechner ein Abnehmer, der für 140 Euro per Sofortkauf zuschlägt: eine verdeckte Ermittlerin der Polizei. Auf der Festplatte finden die Ermittler islamistische Videos und Szenen von Hinrichtungen. Kurz darauf wird ihr Mann festgenommen.

Sie wartet auf ihn.

Für M. wurde das, was aus den Haschschwaden in ein sinnvolles Leben führen sollte, zum Horrortrip. Zum großen Krieger wollte er werden und endete als großer Versager. In einem Brief an die Bundesanwälte schrieb er:

"Ich habe einen Fehler begangen und bereue es zutiefst." Für Reue wird er viel Zeit haben, im Gefängnis.

Als Zeuge, der bereitwillig auspackt wie kaum ein anderer, dürfte er allerdings noch glimpflich davonkommen: mit weniger als vier Jahren, statt der Höchststrafe von zehn Jahren für die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung.

Von Johannes Gunst, Nina Plonka, Nicolas Büchse, Oliver Schröm, Michael Lehmann, Dirk Liedtke, Andeas Mönnich

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