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Karnevalsauftakt Warum die Wut auf die Kölner Party-Jecken in die Irre führt

Dicht gedrängt und meist ohne Maske: Tausende Menschen feiern den Karnevalsauftakt in Köln
Dicht gedrängt und meist ohne Maske: Tausende Menschen feiern den Karnevalsauftakt in Köln
© Henning Kaiser / DPA
Es war zu erwarten: Zehntausende feiern dicht gedrängt in Köln den Karnevalsauftakt – und das Netz dreht mal wieder frei. Doch die Empörung ist wohlfeil und pharisäerhaft. Ein Plädoyer für etwas mehr Gelassenheit auch in harten Coronazeiten.

Tausende feiern dicht an dicht in der Kölner Innenstadt. Bier in der Hand. Jederzeit zum Bützen bereit. Ausgelassen und fröhlich – so, als ob es Corona nicht geben würde. Ich muss zugeben: Auch bei mir haben die Bilder vom Karnevalsauftakt in Köln zunächst für den naheliegenden Reflex gesorgt: Muss das sein? Gehen die Corona-Zahlen nicht gerade durch die Decke? Laufen die Intensivstationen nicht wieder voll wie zu Beginn der Pandemie? Eben so, wie es ZDF-Comedian und Twitter-Instanz Jan Böhmermann dort zusammenfasste: "Alaaf! Heute als 'Sexy Krankenschwester' auf der Zülpicher Straße, an Weihnachten als 'Sexy Intubierte' in der Uniklinik."

Sicher. Die Empörung liegt nahe. Aber sie ist auch wohlfeil und pharisäerhaft. Wir werden aus dieser Pandemie nicht heil herausfinden, wenn wir reflexhaft immer wieder mit dem Finger auf andere zeigen. Hier die Karnevalisten. Dort die Fußballfans. Und demnächst die Glühweintrinker auf dem Weihnachtsmarkt. Man muss das nicht gut finden, was die Menschen in Köln heute getrieben haben. Aber halten wir fest: Die Veranstaltung war von den Behörden gestattet. Es galten 2G-Bedingungen. Und es handelte sich (in großen Teilen) zumindest um Dinge, die sich unter freiem Himmel abgespielt haben.

Die Feiernden im Viertel haben womöglich etwas Unvernünftiges, aber nichts Verbotenes getan. Wenn die Politik, egal ob Bund, Land oder Stadt, all das Ernst nimmt, was sie zu Corona im Laufe der letzten Wochen und Monate verkündet hat, dann muss sie auch den Mut haben, unbequeme Entscheidungen zu treffen und sie dann auch durchsetzen. Dann soll man den Mumm haben, den Karneval, die Bundesliga, die Weihnachtsmärkte abzusagen. Doch dazu fehlt der Mut. Es fehlen auch eine schlüssige Kommunikation und vor allem ein klares Regelwerk, wie wir denn in den nächsten Monaten mit der Coronapandemie umgehen sollen.

Halten wir es für vertretbar, derzeit Großveranstaltungen und Konzerte in klar abgestecktem Rahmen wieder durchzuführen oder nicht? Diese Frage muss die Politik beantworten. Und wenn sie "Ja" dazu sagt, dann darf man hinterher nicht mit Fingern auf all die zeigen, die bereit sind, an einer solchen Veranstaltung teilzunehmen.

Kein falscher Zungenschlag: Hätte ich mich den Massen auf der Zülpicher Straße angeschlossen? Vermutlich nicht. Aber auch ich gehe inzwischen – 2 x geimpft – wieder zu den Spielen meines Lieblingsvereins am Millerntor. Ich schaue wieder, was im Kino und im Theater läuft, und an meinem Dunstabzug kleben ein Dutzend Konzertkarten für die nächsten Monate. Ist das verrückt? Unvernünftig? Sollte ich das lassen?

Ich finde nicht. Denn ich tue dasselbe, was ich auch zuvor jederzeit im Alltag getan habe. Ich treffe meine eigene, persönliche Risikoabwägung, im Rahmen der geltenden Gesetze. So wie wir das alle in unserem Leben machen: Ist Radfahren gefährlich? Sicher, aber wir tun es trotzdem. Kann mein Flieger nach Malle abstürzen? Ja, aber die Wahrscheinlichkeit ist kleiner als ein Sechser im Lotto. Natürlich ändert sich diese Einschätzung auch von Woche zu Woche. Und ich gebe zu: Nach diesem höchst lesenswerten Text meines Kollegen Frank Ochmann über die aktuelle Coronalage bin ich vermutlich wieder deutlich vorsichtiger im Alltag als noch vor vier Wochen.

Mein Plädoyer für etwas mehr Gelassenheit in diese aufgeregten Zeiten soll auch keinesfalls ein Freibrief für irgendwelche Querdenker und Impfverweigerer sein. Weiß Gott nicht. Ich bin mir bewusst, dass es nicht allein um mich geht, sondern auch darum, andere Menschen zu schützen: meine Eltern, die Verkäuferin, meinen Nachbarn in der U-Bahn. Ich weiß auch, dass auf den Intensivstationen immer weniger Pfleger um das Leben von immer mehr Coronapatienten kämpfen. Deswegen tue ich das, was meiner Meinung nach Not tut: Trage eine Maske, wo es angezeigt ist. Fahre mit dem Fahrrad statt mit der Bahn. Und lasse mich auch als Doppelt-Geimpfter testen, wenn ich meine betagten Eltern besuche.

Doch anders als zu Beginn der Pandemie habe ich mich zuletzt im Alltag wieder halbwegs sicher gefühlt durch die Impfung und war deshalb bereit, meinem Leben etwas mehr Leine zu geben. Das hat gut getan und sollte auch weiterhin – entsprechend der von Wissenschaft und Politik vorgegebenen Leitplanken – wieder möglich sein. Ich weiß: Die Lage ist nach wie vor ernst, und ich nehme sie auch ernst. Aber ich gönne mir inzwischen ohne schlechtes Gewissen wieder Freiheiten, die ich mir vor einem halben Jahr nicht gegönnt habe. Und ich halte das momentan auch noch für vertretbar.

Schon klar: Mit dem Virus kann man nicht verhandeln. Es holt sich seine Beute – und wahrscheinlich sind jede Menge Menschen darunter, die heute in der Zülpicher Straße Karneval gefeiert haben. Oder morgen im Stadion gesungen und übermorgen auf dem Weihnachtsmarkt Glühwein getrunken haben. Doch wenn das tatsächlich zu gefährlich ist, dann soll die Politik Karneval, Fußball und Glühwein verbieten. Ich finde es einfach nicht in Ordnung, im Nachhinein Prügel zu beziehen für Dinge, die mir zuvor als unbedenklich gestattet worden sind.


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