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Prozess um jahrelangen Missbrauch: Erst als die Fotografen den Saal verlassen, zeigt der Hauptangeklagte im Fall Lügde sein Gesicht

Der Schutz der jungen Opfer wird den Prozess um den massenhaften Kindesmissbrauch von Lügde prägen. Die Anklage wurde hinter verschlossenen Türen verlesen. Die beiden Hauptangeklagten haben die Taten inzwischen weitgehend gestanden.

Andreas V. hält sich einen Aktenordner vors Gesicht. Umklammert die Pappe mit beiden Händen, so sehr fürchtet er offenbar, gefilmt und fotografiert zu werden. Es ist voll im Saal 165 des Landgerichts Detmold. Die Anwälte der Opfer - es sind laut Anklageschrift 34 - sitzen in zwei Reihen. Im Zuschauerraum ist kein Stuhl mehr frei. Journalisten aus dem In- und Ausland haben sich für den Prozess akkreditiert. 

Andreas V. trägt eine graue Kapuzenjacke, die ihn zusätzlich vor den Kameras schützt.  Auch sein mutmaßlicher Komplize Heiko V. hält sich einen Schnellhefter vors Gericht. Nur Mario S. stellt sich den Blicken und Kameras.

Andreas V. wird 298-facher Missbrauch vorgeworfen

Die drei Männer müssen sich von diesem Donnerstag an vor dem Landgericht Detmold verantworten. Sie sollen über Jahre Kinder sexuell missbraucht haben. Alleine dem mutmaßlichen Haupttäter Andreas V. wird Missbrauch in 298 Fällen vorgeworfen. Der 54-Jährige lebte als Dauercamper in einer barackenartigen Behausung auf einem Campingplatz in Lügde. Er bezog Hartz IV. Trotzdem vertraute ihm das Jugendamt eine Pflegetochter an, die Andreas V. laut Anklage wie eine Sexsklavin gehalten haben soll. 

Sein Komplize Mario S. trägt eine schwarze Hose, schwarzes T-Shirt. Das Gesicht des 34-Jährigen wirkt fast kindlich, daran ändert auch sein langer Bart nichts. Mario S. soll mit Andreas V. befreundet gewesen sein, hatte ebenfalls einen Wohnwagen auf dem Campingplatz. Er lebte noch bei seinen Eltern in Steinheim. Auch ihm wird schwerer sexueller Missbrauch von Kindern vorgeworfen. 162 Mal soll er acht Mädchen und neun Jungen missbraucht haben. Den Missbrauch soll er gefilmt haben.

Der dritte Täter ist Heiko V. aus Stade. Er ist 49 Jahre alt. Er soll den Missbrauch über eine Webcam gesehen und kommentiert haben. Laut Anklage besaß er über 40 kinderpornografische Bilder und Videos. Er trägt ein kariertes Hemd und eine schwarze Cordhose.

Richterin: Es geht nicht um Behördenversagen in Lügde

Als die Kameraleute und Fotografen den Saal verlassen, lässt Andreas V. den Ordner sinken. Er ist bleich, schlecht rasiert. Unter der grauen Kapuzenjacke trägt er ein T-Shirt mit Palmen und eine ausgeblichene Jeans. Als Richterin Anke Grudda ihn nach seinen Personalien fragt, spricht er leise, aber seine Stimme klingt fest. Die Richterin spricht ein paar einleitende Worte.  Zweifellos sei das, was in Lügde "passiert sein soll (...) abscheulich“. Dennoch gelte für die Angeklagten die "Unschuldsvermutung". Die Kammer würde das Strafverfahren "unparteiisch und sachlich" führen. Das Behördenversagen sei "nicht Gegenstand des Verfahrens."

Tatsächlich gab es früh Hinweise darauf, dass Andreas V. auf dem Campingplatz Kinder missbrauchte. Doch Jugendämter und auch die Polizei schlugen Warnungen in den Wind. Anzeigen verliefen im Sande. Trotz der Hinweise vertraute das Jugendamt Andreas V. sogar noch ein Pflegekind an. Ein Untersuchungsausschuss des Landtages in Nordrhein-Westfalen soll nun klären, wie es dazu kommen konnte. Gegen mehrere Beamte und Mitarbeiter von Jugendämtern wird nun wegen Strafvereitelung im Amt sowie Verletzung der Fürsorgepflicht ermittelt.

Gericht schließt Öffentlichkeit aus

Für die Journalisten wird es an diesem Morgen ein kurzer Prozess. Die Strafkammer des Landgericht Detmold schließt die Öffentlichkeit für die Verlesung der Anklage aus. Die Opfer sollen geschützt werden. Es könnte auch ein kurzer Prozess für die Opfer werden. Wenn die Täter gestünden, müssten sie nicht aussagen.

Update: Nach dem Verlesen der Anklageschrift haben die beiden Hauptangeklagten Andreas V. und Marios S. Geständnisse abgelegt. Sie räumten die ihnen zur Last gelegten Taten weitestgehend ein, meldet die Nachrichtenagentur DPA.