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M. Winnemuth: Um es kurz zu machen: Ein Tagebuch zu führen hilft dabei, sich zu erinnern, was schön war

Ins Tagebuch schreibt man meist nur, um sich auszuheulen. Wie blöd! Das kleine Gute flutscht so durch. Doch gerade das lohnt sich doch festzuhalten.

Von Meike Winnemuth

Ein Tagebuch hilft, sich zu erinnern, was schön war

Ein Tagebuch hilft, sich zu erinnern, was schön war

Getty Images

Am 11. November 2010 habe ich den vorerst letzten Versuch gestartet, ein Tagebuch zu schreiben. Durchgehalten habe ich bis zum 5. Dezember, was ich auch nur deshalb weiß, weil ich gerade zufällig das Fragment in den unaufgeräumten Schubladen meines Laptops gefunden habe. Ich habe ein legendär schlechtes Gedächtnis – zur Erheiterung oder Verzweiflung meiner Freunde und Familie, die mir gelegentlich mit Schlüsselmomenten meiner Biografie aushelfen müssen. Das Leben rauscht irgendwie vorbei, und schon ist man steinalt und fragt sich: War was?

Erdnussflips in Brausepulver getunkt

Was war, zumindest was 25 Tage lang war, entnehme ich dieser Tagebuchruine. Kein langes Gelaber, lediglich Notizen in drei Kategorien: Was war heute gut, was war neu, was war schlecht. Da stehen dann unter "gut" so Sachen wie: Dawn Up shaw singt Góreckis 3. Symphonie. Nachmittags auf dem Sofa eingeschlafen, herrlich. Milde Luft, halkyonischer Tag. Netzhaut-Untersuchung, allet jut. Mitten in der Rushhour in einen komplett leeren Bus gestiegen, Busfahrer: "Bin gerade erst gestartet, wo soll ich Sie rauslassen? Können Sie sich aussuchen." Perfekt reife Mango. TV-Doku über "La Paloma", das meistgespielte Lied der Welt, in nahezu jedem Land mit anderem Text. Tee bei Barbara, sie liest mir aus der "FAS" ein Gedicht von Heinrich Detering über Wrist vor. Bei "neu" steht unter anderem: ein Kugelschreiber in Leuchtturmform, rotweiß geringelt. Das Wort Antimakassar (ursprünglich Schonbezug auf Möbellehnen zum Schutz gegen Haaröl, heute das Stoffläppchen, das oben an die Rückenlehnen von Flugzeugsitzen geklettet wird). Nina P. kennengelernt, gutes Gespräch. Abends Kinderquatsch bei Wilbert: Erdnussflips in Brausepulver getunkt.

Unter "schlecht": nichts geschafft, nur rumgedödelt. Bauchweh.

Das Geschreibsel wird keinen Goldschnittband nach meinem Tod füllen, so viel ist sicher. Ich erwähne es bloß, weil mir etwas aufgefallen ist: Schon nach wenigen Tagen machte ich nur noch Notizen in den Kategorien "gut" und "neu"; "schlecht" ließ ich einfach weg. Wer braucht schon eine Erinnerung an vergangene Gewichtzunahmen und Katerkopfschmerzen? An das ernsthaft Miese werde ich mich schon ohne Hilfe erinnern, muss ich mir damals wohl gedacht haben, das kleine Gute oder beiläufig Neue hingegen flutscht einfach durch, das lohnt sich festzuhalten.

Wenn ich das heute lese, Antimakassar und Górecki und Leuchtturm-Kuli (den ich übrigens immer noch habe), freue ich mich gleich ein zweites Mal. Ich freue mich über meine Freude von damals, ich sage mir, ach ja, Górecki, lange nicht gehört, gleich mal streamen (damals hätte ich gesagt: auflegen – so viel ist inzwischen in der Kategorie "neu" passiert).

Im Tagebuch wird sich meist nur ausgeheult

Wie schade, dass man meist nur Tagebuch schreibt, wenn man eine Klagemauer braucht. Wenn man sich ausheulen muss über die Ungerechtigkeit der Welt und die Gemeinheiten dieses einen blöden pickeligen Jungen, der für zwei Monate im Sommer 1974 das Zentrum des Universums war. Dumm, denke ich mir jetzt, dass mir ganze Jahre, wenn nicht Jahrzehnte abhandengekommen sind. Mich hätte wirklich interessiert, was ich so getrieben habe zwischen 30 und 40.

Ich habe wieder angefangen, klar. Jeden Tag fünf Minuten ein paar Notizen in eine Tagebuch-App (mir gefällt Day One, es gibt auch andere wie Grid Diary). Was war gut, was war neu, diese zwei Fragen genügen. Verrückterweise gibt es tatsächlich jeden einzelnen Tag Antworten darauf. Das Wissen allein, dass man am Abend kurz zurückblicken wird, lässt einen tagsüber Dinge sehen, die zum Staunen sind.

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