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Winnemuth: Um es kurz zu machen: Einfach nur so: Das Prinzip vom "interesselosen Wohlgefallen"

Das ist wahre Freude: sich Dingen zu widmen, die keinem besonderen Zweck dienen und erst recht niemanden beeindrucken sollen.

Über die Freude an den scheinbar sinnlosen Dingen und Tätigkeiten

Meike Winnemuth über die Freude am Müßiggang

Schon von ferne sah ich heute Morgen den älteren Herrn in seinem Campingstuhl am Meeresufer sitzen, weit vorgebeugt. Mein Hund rannte vor, auch ich ging schneller, war er zusammengesackt? Ohnmächtig geworden? Nee, alles okay. "Moin", sagte er, als ich näherkam, und hielt mir ein milchiges graugelbes Steinchen hin. "Ostsee-Jade, kennen Sie, nech? Gucken Sie mal durch!"

Die Freude steckt oft im Einfachen

Ach so, ein Steinesammler. Ein systematischer und gemütlicher zudem: Im feuchten Sand sah man die Kufen-Abdrücke seines Stuhls, den er Meter um Meter weiterrückte, um im Sitzen nach Bernstein, Donnerkeilen und fossilierten Seeigeln zu schauen. Super Idee, das mit dem Stuhl, dachte ich und fragte mich im selben Moment, wie man wohl Steinebestimmung lernt und ob es in der Nähe einen Geologiekurs gebe und wo ich ...

Stopp. Nicht noch eine neue Obsession, es gibt so viele in meinem Leben derzeit. Gärtnern, sowieso, Insekten- und Vogelbeobachtung, fast folgerichtig. Ein Tagpfauenauge von einem Admiral und einem Distelfalter unterscheiden zu können und eine Schwebfliege von einer Wespe, das hätte mich noch vor zehn Jahren null interessiert, ich hätte es sogar für komplette Zeitverschwendung gehalten. Was habe ich eigentlich damals mit meiner Zeit gemacht? Wieso muss man jahrzehntelang seine Lebenszeit in Meetings verschwenden, bevor man kapiert, worauf es wirklich ankommt: nämlich auf das, worauf es eigentlich nicht ankommt?

Ich lese gerade ein entzückendes kleines Buch mit dem Titel "Fünfzig Dinge, die erst ab fünfzig richtig Spaß machen" von Andrea Gerk, in dem es genau darum geht: die kleinen Freuden, die erst ab einem gewissen Alter überhaupt zu Freuden werden. Dinge, für die man eine gewisse Reife braucht und die in jungen Jahren oft undenkbar sind. Zum Beispiel: die Party schwänzen und einfach zu Hause bleiben. Rezepte kochen, die absurd aufwendig sind. Im Chor singen. Zu Fuß gehen. Alte Liebesbriefe lesen. An einer Stadtführung in der eigenen Stadt teilnehmen. Pilze suchen. Mitglied bei einem Verein werden. Bücher nicht zu Ende lesen.

Ich kann die Liste problemlos ergänzen: Pflaumenmarmelade kochen. Sternbilder lernen. Sich ein Barometer zulegen. Endlos lange mit dem Hund auf dem Rasen balgen, dann nebeneinander im Gras liegen bleiben und einfach nur so in die Gegend gucken.

Wohltemperiert und schmerzfrei

Das Prinzip des "Nur so", das aus "interesselosem Wohlgefallen" geschieht, wie das berühmte Zitat von Kant sagt, das also von keiner Erwartung geleitet und auf kein Ergebnis fixiert ist, ist tatsächlich etwas, das ich erst mit 50 gelernt habe. Ich bin überzeugte Nursoistin, ich verwende meine Energie und Aufmerksamkeit zunehmend für Dinge, die keinem besonderen Zweck dienen, nicht dem Broterwerb und erst recht nicht der Beeindruckung meiner Umgebung. Ab 50 entwickelt man in der Regel eine gesunde Scheiß-drauf-Haltung, das erleichtert vieles und eröffnet einen ganzen neuen Kosmos an Vergnügungen, siehe oben. Das Tun wird wichtiger als das Ergebnis: Da muss nix bei rauskommen. Ob man nun einen Donnerkeil findet oder nicht, ist fast schon egal, das Suchen ist Belohnung genug.

Einer der hübschesten Einträge in Andrea Gerks kleinem Büchlein heißt "Bekanntschaften machen und pflegen", ein Loblied auf die "nahezu zweckfreie und beglückend konsequenzlose Möglichkeit, wie Menschen einander begegnen und guttun können". Wohltemperiert, unaufgeregt und mit viel Freiraum für die Beteiligten. Zugewandt, aber schmerzfrei.

Großartig. Und jetzt gehe ich die Tomaten hochbinden.

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