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M. Abdollahi: Die Lösung ist ganz einfach Einmal negativ, bitte! – über die trügerische Sicherheit der Corona-Schnelltest-Zentren

Privates Corona-Schnelltest-Zentrum am Berliner KitKat-Club
Hier wird abgestrichen, nicht gegurgelt: privates Corona-Schnelltest-Zentrum am Berliner KitKat-Club
© Jörg Carstensen / DPA
Haben Sie sich schon auf Corona testen lassen? Vielleicht im Kiosk nebenan? Oder im Lieblings-Imbiss? stern-Stimme Michel Abdollahi wundert sich in seiner ersten Kolumne über die Schnelltest-Zentren landauf, landab – und präsentiert dazu gleich eine Lösung.
In einem Land, in dem der gesamte Alltag der Menschen bis ins Detail reguliert ist, ist ein Gallisches Dorf aufgetaucht, dass einen durchatmen lässt. Endlich.
Einmal ein Snickers, eine Packung Marlboro Blue Advance und einen Schnelltest bitte. Wie, Sie waren noch nicht in einem Corona-Schnelltest-Zentrum, das Sie jahrelang als den Kiosk ihres Vertrauens kannten oder als den netten Vietnamesen von nebenan? Nasen-Rachen-Abstrich ist ihnen zu unangenehm? Kein Problem, auch da gibt es Lösungen. Sie gurgeln einfach auf der Reeperbahn. Das ist neu und auch nicht besonders weit verbreitet und das RKI sagt, dass die Zuverlässigkeit nur schwer eingeschätzt werden kann, aber Hauptsache angenehm testen, vielleicht weniger zuverlässig, aber angenehm und dann hoffentlich negativ. Und dann ab zu den Großeltern.

Einfach fest dran glauben, dass negativ auch negativ bedeutet

Und falls doch versehentlich positiv, macht man schnell einen Zweiten, zur Sicherheit, und wenn der dann negativ ist, ist alles gut. Sie kriegen auch ein Zertifikat. Oder eine SMS. Oder was auch immer. Wahrscheinlich war der erste Test verunreinigt oder Fehlalarm. Hauptsache der Kioskbesitzer sagt ihnen, Sie seien negativ. Und das zählt, nicht andersrum.
In einem Land, in dem Kosmetikstudios nicht öffnen dürfen, aber Fußpflegesalons; in dem ein mit einem ausgezeichneten Hygienekonzept ausgestatteter Kulturbetrieb, wo es nachweislich keine einzige Ansteckung gab, schließen muss, während Busfahren mit hundert anderen Menschen morgens um acht kein Problem darstellt, in diesem Land darf jetzt jeder testen. Corona ist nämlich weiterhin eine Glaubensfrage, insbesondere bei Schnelltests. Sie wollen sich schnell und unkompliziert testen? Dann müssen Sie nur fest dran glauben, dass negativ auch negativ bedeutet. Wirkliche Sicherheit dafür gibt es nicht. Zumindest nicht im Kiosk oder beim Gurgeln.
Letztendlich ist es aber, wie bei allem, was wir im kapitalistischen Westen machen, nichts anderes als ein Geschäft. Wir kaufen uns ein Stück Sicherheit, das keine Sicherheit ist. Online kosten die Schnelltests um die zehn Euro. Getestet wird dann für 30 bis 50 Euro. Das nenne ich eine stattliche Marge. Ich überlege auch ins Testgeschäft einzusteigen. Jeder kann die Dinger ja online bestellen. Ich habe mal welche für einen Videobeitrag gekauft, um zu zeigen, wie absurd es sein kann, wenn ungeschultes Personal Tests durchführt. Am Ende haben wir einen Arzt über die Aufnahmen schauen lassen, der aus dem Kopfschütteln nicht mehr rauskam. Vor allem was ist, wenn ein Test mal positiv ist? Überprüfungen durch die Behörden gibt es keine. Auch nicht, wer sie durchführt. Werden positive Ergebnisse wie vorgeschrieben gemeldet? Wer weiß das schon so genau. Nach eigenen Angaben hat die Sozialbehörde Hamburg über die Anbieter schon lange keinen Überblick mehr. Laut Bund brauchen Schnelltest-Anbieter ja keine Genehmigung.

Eine Lösung ganz im Sinne des Kapitalismus

Das ist schon etwas bizarr. Da testet mich der örtliche Asia-Imbiss und bescheinigt mir Corona-Freiheit und ich laufe mit dieser trügerischen Sicherheit in der Gegend rum und bin vielleicht positiv. Alles sehr abstrakt, ich weiß. Bis letzte Woche die kerngesunde Mutter einer meiner Freunde plötzlich an Corona verstarb. Symptome, Intensivstation, Beatmungsgerät, tot. Glauben Sie mir, die Gespräche mit meinem Freund möchten sie nicht führen. Und als wäre das nicht genug, sitzt er selbst mit Corona zu Hause in Quarantäne und trägt seine Mutter quasi über Fernzugang zu Grabe. Das geht einem sehr, sehr nahe.
Dabei ist die Lösung ganz einfach: Ein Staat, der das öffentliche und private Leben bis ins kleinste Detail reguliert, sollte das Auswerten der Ansteckung mit einem tödlichen Virus nicht in die Hand von Laien legen, sondern die Schnelltestzentren dazu zwingen, medizinisches Fachpersonal einzustellen, wenn sie denn ein Testzentrum sein wollen. Ich glaube mit einer Gewinnmarge von 500 Prozent sollte da etwas Geld für eine gelernte Fachkraft übrigbleiben. Oder vielleicht gleich auf Provisionsbasis, ganz im Sinne des Kapitalismus.
wue

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