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"Superspreader-Event" Nach Beerdigung am offenen Sarg des Corona-Toten: Kirchenoberhaupt infiziert

Ein Trauergast beugt sich dicht über den aufgebahrten Leichnam des Bischofs.
Obwohl auch in Montenegro die Infektionszahlen rapide steigen, drängen sich zahlreiche Trauergäste auf der Beerdigung des Bischofs – ohne eine Maske zu tragen.
© Savo Prelevic / AFP
Wenige Tage, nachdem der montenegrinische Bischof Amfilohije Radović an Covid-19 gestorben war, hat sich auch Serbiens religiöses Oberhaupt, angesteckt. Und es soll noch mehr Infizierte geben: Bei der Beerdigung am offenen Sarg hatten Trauernde den Körper des Toten geküsst.

Das Oberhaupt der serbisch-orthodoxen Kirche wurde am Mittwoch mit dem Coronavirus in ein Krankenhaus eingeliefert. Laut Medienberichten hatte der 90-jährige Patriarch Irinej wenige Tage zuvor an der öffentlichen Beisetzung von Bischof Amfilohije Radović aus Montenegro teilgenommen. Dieser war an Covid-19 gestorben und in einem offenen Sarg aufgebahrt worden.  

Über tausend Trauernde waren zu der Beerdigung gekommen. Wie unter anderem die britische "BBC" berichtet, hätten die zahlreichen anwesenden Gäste bei der Beerdigung von Amfilohije Radović nicht nur auf das Tragen von Masken verzichtet, sondern teilweise auch seinen Leichnam geküsst. Der designierte montenegrinische Premierminister Zdravko Krivokapic hatte als Trauerredner ebenfalls unmaskiert an der Veranstaltung in Podgorica teilgenommen. Auch der Präsident Serbiens, Aleksandar Vučić , sei vor Ort gewesen, habe jedoch einen Mund-Nasen-Schutz getragen. Patriarch Irinej hatte die Beisetzungszeremonie des mit 82 Jahren verstorbenen Bischofs geleitet. 

Bischof Amfilohije bezeichnete Pilgerfahrten als "Gottes Impfstoff" 

In beiden Ländern stiegen die Infektionsfälle zuletzt rapide – Behörden hätten deshalb gewarnt, dass die Trauerfeier eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit darstelle. Bischof Amfilohije galt selbst als Corona-Skeptiker und weigerte sich, eine Maske zu tragen. Er ging sogar soweit, Pilgerfahrten als "Gottes Impfstoff" zu bezeichnen.  

Das serbische Verteidigungsministerium erklärte am Donnerstag, dass Irinej in einem Militärkrankenhaus in Belgrad unter medizinischer Aufsicht und Kontrolle stehe. Wie die Kirche zuvor mitteilte, weise Irinej keinerlei Symptome auf und befindet sich in einen "ausgezeichneten Zustand". Berichten zufolge haben sich neben dem Kirchenoberhaupt auch weitere Gäste mit dem Virus angesteckt – unter anderem der Nachfolger des Verstorbenen. 

Verstorbener Bischof unterstützte Kriegsverbrecher und äußerte sich homophob 

Die serbisch-orthodoxe Kirche verfügt in Serbien und in Montenegro über enormen Einfluss. Laut der Nachrichtenagentur "Reuters" identifizieren sich ein Drittel der 620.000 Montenegriner als Serben. Wegen ihrer Macht kann die Kirche für Politiker ein wichtiger Verbündeter – oder ein gefährlicher Gegner – sein. 

Amfilohije selbst zählte zum dogmatischen Flügel der serbisch-orthodoxen Kirche und war ein entschiedener Gegner der Unabhängigkeit Montenegros. Er fiel immer wieder durch homophobe Äußerungen auf. Den vom Haager Tribunal zu einer lebenslänglichen Gefängnisstrafe verurteilten bosnisch-serbischen Kriegsverbrecher Radovan Karadzic glorifizierte er wiederum als "Giganten des serbischen Volkes".

Auch Serbiens Präsident Aleksandar Vučić gerät immer wieder mit der Kirche aneinander: Im Mittelpunkt des Konflikts steht die Position der Kirche zum Status des Kosovo. Vučić bemüht sich die kompromisslose Haltung der Religionsführer mit seinem Ziel, Serbien in Richtung EU-Mitgliedschaft zu lenken, in Einklang zu bringen. 

Quellen: BBC Al JazeeraABC

yks mit dpa

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