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"Oma-Hilfdienst" Ein Opa, den man sich mieten kann

Carola Pflüger und Werner Wulf haben sich auf Anhieb gut verstanden. Die junge Mutter weiß ihre Söhne bei ihm in besten Händen
Carola Pflüger und Werner Wulf haben sich auf Anhieb gut verstanden. Die junge Mutter weiß ihre Söhne bei ihm in besten Händen
© Ann-Christin Baßin
Werner Wulf und seine Frau Kerstin kann man mieten. Nein, nicht, was Sie jetzt denken. Das Hamburger Ehepaar hat sich vor einem halben Jahr bei der Agentur Jung & Alt e.V. für den Oma- und Opa-Hilfsdienst beworben. Eine Aufgabe, die sie nicht mehr missen möchten.

„Wir hätten auch so gern eine liebe Oma oder einen lieben Opa für unsere Kinder!“, das ist meist der erste Satz, den die Mitarbeitenden von Jung & Alt e.V. von Familien hören. Der gemeinnützige Hamburger Verein vermittelt bereits seit 1979 SeniorInnen im Projekt „Oma-Hilfsdienst“. Ein Angebot, von dem beide Seiten profitieren, denn heutzutage wohnen die eigenen Großeltern oft weit entfernt oder können aus anderen Gründen nicht so für ihre Enkelkinder da sein, wie es sich junge Eltern wünschen. Den älteren Menschen wiederum tut der Kontakt zu den Kindern gut.

„Es ist schön, noch gebraucht zu werden und wieder mitten im Leben zu stehen“, sagt Ruth Herntier. „Ich bekomme so viel zurück. Das fühlt sich wie Familie an, auch wenn es nicht die eigene ist.“ Die 72-Jährige engagiert sich schon seit mehr als zehn Jahren ehrenamtlich für junge Familien und konnte so zu mehreren Kindern langjährige, feste Bindungen aufbauen.

Auch Werner Wulf (64) und seine Frau Kerstin (62) gehören seit Kurzem zu den ca. 100 Senioren, die der Oma-Hilfsdienst vermittelt.  „Beim Abgeben der Bewerbungspapiere Anfang November 2020 wurde ich gleich für meinen ersten Einsatz eingeteilt“, erinnert sich der 64-Jährige. „Der fand bereits zwei Tage später statt.“

Werner Wulf (64) holt Ole (1) und Anton (3) bei Mutter Carolin in Hamburg-Barmbek zum Spielen ab
Werner Wulf (64) holt Ole (1) und Anton (3) bei Mutter Carolin in Hamburg-Barmbek zum Spielen ab
© Ann-Christin Baßin

Oft wohnen die Enkel weit entfernt

Was hat ihn und seine Frau bewogen, sich beim Oma-Hilfsdienst zu melden? Und welche Voraussetzungen braucht man dazu?

„Wir haben zwei erwachsene Kinder und zwei Enkel, die in Berlin leben – also weit weg“, berichtet Kerstin Wulf, die als Kinderkrankenschwester arbeitet. „Und weil ich den Alltag mit unseren Enkelkindern so vermisst habe, wollte ich mich gern hier in Hamburg ehrenamtlich um kleine Kinder kümmern. Bei meiner Suche im Internet wurde ich dann auf den Oma-Hilfsdienst von Jung und Alt aufmerksam.“

Ihr Mann Werner war Justizwachmeister, bevor er wegen einer Augenerkrankung vorzeitig in Rente ging. „Für diese Aufgabe braucht man ein einwandfreies erweitertes polizeiliches Führungszeugnis, ein ärztliches Attest sowie eine Selbstverpflichtungserklärung“, erklärt der Leih-Opa. Außerdem vonnöten: viel Zeit und ein Herz für Kinder.

Mittlerweile gab es fünf Einsätze bei Familie Pflügner und ihren Söhnen Anton (3) und Ole (1). Einmal war das Ehepaar Wulf auch gemeinsam vor Ort in Hamburg-Barmbek.

Wenn Zeit ist, besucht Carolin Pflüger (33) ihre Söhne und Werner Wulf kurz auf dem Spielplatz
Wenn Zeit ist, besucht Carolin Pflüger (33) ihre Söhne und Werner Wulf kurz auf dem Spielplatz
© Ann-Christin Baßin

Opa Werner hat viel Zeit zum Spielen

„Es hat von Anfang an gepasst“, schwärmt Kerstin Wulf. „Die Kinder sind einfach klasse. Mein Mann hatte beim ersten Mal nur den kleinen Ole. Werner ist ja dunkelhaarig und trägt Bart, da weinen viele Kinder in dem Alter, doch Ole hat ihn nur sehr interessiert angeguckt. Ich finde auch die Eltern toll. Wir sind zu den Pfügners reingekommen, und alles war selbstverständlich. Es war sozusagen Sympathie auf den ersten Blick. Carolin und  Robert  haben die gleiche Auffassung vom Leben wie wir. Wir mussten auch in Sachen Erziehung nichts groß besprechen.“

Das kann Carolin Pflügner nur bestätigen. „Wir sind durch Freunde auf den Oma-Hilfsdienst aufmerksam geworden“, sagt die 33-Jährige. „Eine super Lösung, gerade jetzt, wo mein Mann und ich im Homeoffice arbeiten und die Kitas geschlossen haben. Vor der ersten Begegnung musste ich Anton darauf vorbereiten, dass nun auch ,Großeltern‘ aus Hamburg auf ihn und seinen Bruder aufpassen würden.“

Anton zeigt Mama, wie gut er schon klettern kann
Anton zeigt Mama, wie gut er schon klettern kann
© Ann-Christin Baßin

Was soll man mit sechs Großeltern?

Daraufhin reagierte der Dreijährige ganz verwundert: „Aber wir haben doch schon Oma Gabi und Opa Micha und Oma Iris und Opa Steffen!“

Doch die echten Großeltern wohnen weit weg in Thüringen. Mittlerweile freut sich Anton immer sehr auf „Opa Werner“ und will ihm unbedingt alles Neue zeigen. In der Adventszeit hat Kerstin Wulf mit den Kindern gebacken, ansonsten gehen sie meistens raus: fahren S-Bahn, machen einen Ausflug in die Bücherhalle oder auf den Spielplatz.

„Neulich musste Anton richtig weit laufen – bis zum Barmbeker Bahnhof, das hatte er vorher noch nie gemacht. Da war er sehr stolz“, berichtet Carolin Pflügner. „Wir würden uns wünschen, dass wir Werner oder Kerstin Wulf nun, wo die Kitas zu sind, jeden Monat zweimal sehen. Dann lernen wir uns noch besser kennen und die Kinder haben eine Beständigkeit.“

Am liebsten geht Opa Werner mit den Brüdern nach draußen: zum Spielplatz, S-Bahn fahren oder sie machen einen Ausflug in die Bücherhalle, um neuen Lesestoff zu holen
Am liebsten geht Opa Werner mit den Brüdern nach draußen: zum Spielplatz, S-Bahn fahren oder sie machen einen Ausflug in die Bücherhalle, um neuen Lesestoff zu holen
© Ann-Christin Baßin

Das Babysitting ist ehrenamtlich

Aussagen, die Beate Schmidt, Geschäftsführender Vorstand von Jung & Alt e.V., nur zu gern hört. „Wir verbinden gern neue Ehrenamtliche mit neuen Projektnutzern, damit sich eine Beziehung entwickeln kann“, erklärt die Initiatorin des Vereins. Auch Familie Pflügner hatte sich kurz zuvor zum ersten Mal beim Oma-Hilfsdienst gemeldet. Für eine Aufnahmegebühr von 35 Euro und monatlich 30 Euro können Eltern das Babysitting zweimal pro Monat in Anspruch nehmen. Die Kinder werden in ihrem gewohnten Umfeld zu Hause betreut, und die Senioren bekommen Fahrgeld, Verpflegung und ein kleines „Dankeschön“ vor Ort. Schließlich erhalten sie kein Geld für ihren Dienst.

Spielen, vorlesen, spazieren gehen, trösten – die Ehrenamtlichen haben, wie richtige Großeltern, viel Zeit und Ruhe. Das entlastet die Eltern, die während der Betreuung mal wieder Zeit für etwas Anderes haben, und sei es nur, in Ruhe einzukaufen.


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