HOME

Schlag 12 - der Mittagskommentar aus Berlin: Schützenvereine sind nicht schützenswert

Was ist eigentlich typisch deutsch? Darüber entscheidet die Unesco. Ihr Urteil: Schützenvereine sind es nicht. Gut so, denn sie diskriminieren Menschen, die keine Christen sind.

Von Anja Lösel

Die Unesco-Kultur-Kommission hat entschieden: Schützenvereine sind nicht schützenswert. Den Spaß an der Ballerei werden die Vereine wie der Meißner Schützenverein 1460 e.V trotzdem nicht verlieren.

Die Unesco-Kultur-Kommission hat entschieden: Schützenvereine sind nicht schützenswert. Den Spaß an der Ballerei werden die Vereine wie der Meißner Schützenverein 1460 e.V trotzdem nicht verlieren.

Schon mal vom Finkenmanöver gehört? Oder vom Biikebrennen? Nein? Kein Wunder. Die sind nämlich so unbekannt, dass sie nun geschützt werden sollen. 27 Themen und Begriffe haben es auf die deutsche Liste des immateriellen Kulturerbes geschafft. Und streben nun auf die große, internationale Liste der Unesco. Eigentlich waren es mal 28, aber die Schützenvereine wurden wieder runtergeschubst. Weil sie einen Moslem nicht zum Bezirksschützenfest zulassen wollten. Vereinsordnung ist Vereinsordnung, und da sind nun mal nur Christen vorgesehen. Ändern? Geht nicht. Wo kämen wir denn da hin? Dabei ist Mithat Gedik, Unternehmer mit türkischen Wurzeln und Schützenkönig von Sönnern (NRW), allseits beliebt und bestens integriert. Aber beim Dachverband der Schützen bleiben die Christen lieber unter sich. Für so viel Sturheit hatten die Kulturerbe-Hüter der deutschen Unesco-Kommission kein Verständnis.

Tja, ihr deutschen Christenschützen, nun werdet ihr nicht geschützt. Vielleicht ist euch das egal. Aber gut sieht das nicht aus: rauf auf die Liste, runter von der Liste. Plötzlich fragt man sich nämlich: Warum sollten Schützenvereine überhaupt geschützt werden? Was an ihnen ist so wunderbar, dass es unter die Obhut der Unesco gestellt werden müsste? Ihr Umgang mit Großkaliber-Waffen? Das Rumgeballere bei sogenannten Shotevents? Die Kalaschnikow-Meetings? Oder die karnevalesken Aufmärsche in Phantasieuniformen und mit "Fahnenschlag"? Auch auf Kuriositäten wie das Vogelschießen, das Ringstechen und das Scheibenschießen könnten wir gut verzichten. Und wenn die Schützen dazu noch reaktionäres Gedankengut verbreiten, dann tschüss.

Schützenswerte Kuriositäten

Aber was wollen wir dann schützen? Gucken wir mal auf die Liste des immateriellen Kulturerbes. Da steht das Finkenmanöver, ein wirklich kurioses Wettsingen der Buchfinken. Oder das Biikebrennen, eine Art Frühlingsfeuer. Schön und bestimmt sehr schützenswert. Das "Singen der Lieder der deutschen Arbeiterbewegung", auch die "Genossenschaftsidee", die "Passionsspiele Oberammergau", der "Rheinische Karneval" und die "Schwäbisch-Alemannische Fastnacht". Die Falknerei, die Flößerei, der Orgelbau, das Reetdachdecker-Handwerk und die Deutsche Brotkultur. Ja, das ist alles wertvoll, und wir wollen es gern hüten und bewahren. Wenn es sein muss auch die "Auseinandersetzung mit dem Rattenfänger von Hameln". Die schafft es, wenn es gut läuft, vielleicht sogar mal auf die internationalen Kulturerbe-Liste der Unesco, wo schon der argentinische Tango und der vietnamesische Ca trù-Gesang auf Verstärkung warten. Glauben Sie nicht? Doch, doch, großes Ehrenwort.

Aber wo bleiben die Taubenzüchtervereine und das Schusterhandwerk? Die bayrischen Goaßlschnalzer und die Gamsbartbinder? Kann noch werden, im zweiten Durchgang vielleicht, ist ja alles im Fluss und in Arbeit. Irgendwann wird es uns gelingen, die gesamte Welt zu schützen. Bei den Bauten und Landschaften sind wir schon ziemlich weit. 1007 Denkmäler in 161 Ländern haben schon den Status des materiellen Weltkulturerbes. Geld gibt es dafür zwar nicht, aber viel Ehre und Aufmerksamkeit. Was das bringt? Gute Frage. Der Altstadt von Aleppo in Syrien hat ihr prächtiger Listenplatz jedenfalls nichts genutzt: Sie ist inzwischen fast vollständig zerstört.

Anja Lösel liebt Kultur und möchte gern möglichst viele Kulturgüter schützen. Schützenvereine aber lieber nicht. Die sollen erst mal ihre diskriminierenden Satzungen ändern.

Themen in diesem Artikel