HOME

stern crime: Terror einer Stalkerin: Ich muss dich haben

Und wenn du mich verschmähst, dann wird es übel für dich. Die Geschichte einer enttäuschten Liebe, die Geschichte eines perfiden Rachefeldzugs.

Von Kerstin Herrnkind

Sie begegnen sich auf einer Flirtparty im Hamburger Hafen. Jule Nowak* fällt Lars Vogt* sofort auf. Sie hat langes, blond gelocktes Haar und ist besonders zierlich. Sie wirkt so zerbrechlich, dass es Lars Vogt rührt. An der Cocktailbar kommen sie ins Plaudern. Jule Nowak ist 26 und macht gerade ein Praktikum im Kindergarten. Erzieherin will sie werden. Lars Vogt ist 32 und hat eine Transportfirma. Als der Morgen graut, tauschen sie Handynummern.

Lars Vogt besucht Jule Nowak ein paarmal in Zeven, einer kleinen Stadt zwischen Hamburg und Bremen, wo sich die angehende Erzieherin eine winzige Dachwohnung mit einer Freundin teilt. Sie gehen essen. Und anschließend ins Bett.

Lars Vogt will Sex, aber keine Beziehung. Er glaubt, dass das klar ist zwischen ihm und Jule. Schließlich hat er nie von Liebe und Zukunft gesprochen. Doch sie erhofft sich mehr. Denn Lars Vogt ist nicht nur attraktiv, er scheint auch Geld zu haben. Und das ist für Jule Nowak, wie sie einer Freundin verrät, "nicht unwichtig".

Sie wuchs in einer Kleinstadt in Mecklenburg-Vorpommern auf, wo fast jeder Dritte arbeitslos war. Auch ihr Stiefvater. Ihre Mutter trank. Nach dem Hauptschulabschluss und einer Lehre als Hauswirtschafterin zog sie mit ihrem Freund nach Zeven. Das Paar heiratete, als Jule Nowak gerade 20 war. Zwei Jahre später war ihre Ehe am Ende. Bevor sie sich anschickte, Erzieherin zu werden, jobbte sie im Imbiss und im Sonnenstudio. Geld ist immer knapp. Mit Lars Vogt würde sich das vielleicht ändern.

Aus Eifersucht wird ein Racheplan geschmiedet

Doch dann meldet er sich einfach nicht mehr. "Für mich war das keine Beziehung, aus der man sich verabschiedet", wird er später sagen. Per Zufall trifft Jule ihn noch einmal in einem Club auf der Hamburger Reeperbahn. Er tut so, als wäre nie etwas zwischen ihnen gewesen, schwärmt von einer anderen Frau. Von Cora, die nach einem Verkehrsunfall im Krankenhaus liege und um die er sich nun "kümmern müsse". Jule Nowak fühlt sich, wie sie später zu Protokoll geben wird, "zutiefst gedemütigt".

Bei StudiVZ, einem sozialen Netzwerk für Studenten, findet sie heraus, dass Lars Vogt eine Cora Bachmann* zu seinen Freundinnen zählt. Sie ist 29 Jahre alt, hat ein paar Semester Textilingenieurswesen studiert und arbeitet als Bekleidungstechnikerin. Cora Bachmann ist blond wie Jule, aber ansonsten vom Typ her das genaue Gegenteil. Auf ihrem Profilfoto trägt sie ein Dirndl und stemmt 16 Maß Bier auf einem Tablett. Keine zerbrechliche Elfe.

Jule Nowak heckt einen perfiden Plan aus, um sich an Lars zu rächen. Am Ende schädigt sie allerdings nicht nur ihren Ex, sondern fünf weitere Menschen, die unschuldig in den Strudel dieser verhängnisvollen Affäre geraten.

Handynummer herauszugeben war Coras Fehler

Bei StudiVZ legt sich Jule Nowak ein gefälschtes Profil zu. Sie heißt hier "Alexander Pezzo", vielleicht weil dieser Name ein bisschen nach Latin Lover klingt. Sie stellt das geklaute Foto eines muskulösen, gut aussehenden Mannes im Sporttrikot dazu. Und dichtet "Alexander Pezzo" eine interessante Biografie an. Lässt ihn – wie Cora Bachmann – 29 Jahre alt sein und "darstellende Kunst" studieren, und zwar an derselben Schule, die ihre Nebenbuhlerin besucht hat. Als "Alexander Pezzo" schreibt Jule Nowak Cora Bachmann nun eine Mail. "Hallo, ich habe dich neulich auf dem Hamburger Kiez gesehen. Du bist mir aufgefallen." Cora Bachmann schöpft keinen Verdacht. "Warum hast du mich nicht angesprochen?", fragt sie arglos zurück. "Alexander Pezzo" antwortet prompt: "Ich bin ein schüchterner Typ. Außerdem habe ich mich gerade von meiner Freundin getrennt."

Bald schreiben sich "Alexander Pezzo" und Cora Bachmann regelmäßig. Beiläufig fragt "Alex" sie nach ihrem Ex aus. Cora vertraut ihrem virtuellen Freund an, dass es immer hin- und hergehe zwischen ihr und Lars. Dass beide nicht miteinander könnten, aber auch nicht ohne. "Vergiss diesen Mann", rät "Alexander Pezzo". Bachmann schickt ihm ihre Handynummer. Sie will reden. Doch "Alex" sperrt sich. "Zeig mir einen Mann, der gerne telefoniert." Cora wird schnell erfahren, dass es ein Fehler war, ihre Telefondaten rauszugeben.

Jule Nowak fälscht weitere Identitäten

Jule Nowak schreibt als "Alexander Pezzo" auch eine Mail an Lars Vogt. "Hallo Lars, ich kenne dich zwar nicht, aber ich wollte dich mal warnen vor deiner Ex Cora. Die zieht voll über dich her. Solchen Weibern ist alles zuzutrauen. Wenn man nicht aufpasst, ist der Ruf ruiniert. Wir Männer müssen zusammenhalten." Lars Vogt antwortet nicht. "Ich dachte, was ist das denn für ein Schwachsinn."

Doch Jule Nowak lässt nicht locker. Sie fälscht ein zweites Profil, erfindet einen "Niklas T.". Auch er ist "Student", engagiert sich ehrenamtlich als "Rettungsassi". Das Foto, das Jule Nowak als sein Porträt ins Netz stellt, zeigt einen Mann beim Motocross. "Moinmoin Lars", schreibt sie als "Niklas T." nun an Vogt. "Bin der beste Kumpel von Alex Pezzo. Sagt dir der Name Cora was? Alter, sie hat mich gefragt, wie man sich am Besten bei seinem Ex rächen kann. Die will dich fertigmachen. Was es doch für kranke Weiber gibt." Auch diese Mail beantwortet Lars Vogt nicht.

Kurz darauf klingelt mitten in der Nacht sein Handy. Als er rangeht, antwortet niemand, er hört nur leises Atmen. Kaum hat er aufgelegt, klingelt es wieder. Die ganze Nacht geht das so. Weil der Unternehmer rund um die Uhr erreichbar sein muss, kann er das Handy nicht einfach ausschalten. Am nächsten Tag geht der Terror weiter. Beleidigungen per SMS: "Du Schwein, du Dreckskerl." Im Absender steht die Handynummer von Cora Bachmann. Lars Vogt versteht zwar nicht, warum sie sauer auf ihn sein sollte, beschließt aber, nicht zu reagieren. "Ich dachte, die beruhigt sich schon wieder."

Gewonnen, aber noch nicht fertig

Jule Nowak fälscht unterdessen ein drittes Profil auf StudiVZ. Diesmal nennt sie sich "Christiane Wenzel", verpasst ihrer Fantasiefrau das Gesicht einer fröhlich lachenden Frau, deren Foto sie wieder irgendwo im Netz geklaut hat. "Christiane Wenzel" kommt aus Hamburg und studiert "Bühnen- und Filmgestaltung". "Wir kennen uns nicht", schreibt "Christiane Wenzel" nun an Cora Bachmann. "Eine Freundin von mir ist jetzt mit Lars zusammen. Deswegen möchte ich dich echt bitten, die beiden in Ruhe zu lassen." Die Nachricht versetzt Cora Bachmann "einen Stich". Auf die Idee, dass Nachricht und Account gefälscht sein könnten, kommt sie nicht. "Ich bin kein misstrauischer Mensch", sagt sie heute. Damals beschließt sie, Lars in Ruhe zu lassen.

Damit ist Jule Nowak eigentlich am Ziel: Sie hat Lars und Cora im Netz gegeneinander ausgespielt. Sie könnte ihre Intrigen nun beenden. Doch ihre Wut ist zu groß.

Als Lars Vogt morgens aus dem Haus kommt, ist sein Mercedes mit Edding beschmiert. Der Stern ist abgebrochen, die Scheibenwischer sind verbogen. Wutentbrannt schreibt er Cora eine SMS: "Das hätte ich nie von dir gedacht."

Cora Bachmann sitzt gerade im Büro an ihrem Schreibtisch, als die SMS sie erreicht. "Was ist los, verstehe nur Bahnhof", tippt sie mit zittrigen Fingern ins Handy. Die Antwort trifft sie wie eine Ohrfeige: "Du weißt wohl am besten, was du getan hast. Lass mich endlich in Ruhe. Ich bin fertig mit dir." Lars Vogt geht noch einen Schritt weiter; er meldet sich bei Coras Vater. "Ich wollte sie nicht anzeigen, deshalb habe ich ihn gebeten, seine Tochter zur Vernunft zu bringen."

Plötzlich Stalkerin

Cora ist noch immer ganz aufgewühlt, als ihr Vater anruft. "Lass Lars in Ruhe", herrscht der sie an. "Papa, ich weiß nicht, wovon ihr redet." – "Du belästigst Lars seit Wochen, rufst ihn an, schreibst Kurznachrichten. Und nun das mit seinem Auto. Spinnst du?!" – "Papa, ich habe nichts damit zu tun." Doch ihr Vater glaubt Cora nicht. "Die Kurznachrichten, die Lars bekommt, tragen doch deine Handynummer als Absender", brüllt er. "Das kann nicht sein", verteidigt sich Cora. "Vielleicht weißt du gar nicht mehr, was du tust und bist verrückt geworden." Als der Vater auflegt, hört er auf dem linken Ohr plötzlich nichts mehr. Hörsturz.

Cora Bachmann schreibt Lars einen Brief. "Ich habe mit all diesen Dingen nichts zu tun." Doch Lars Vogt, der im Internet gelesen hat, dass man sich von Stalkern zu keiner Reaktion hinreißen lassen sollte, antwortet nicht. Er glaubt ihr kein Wort. "Ihre Handynummer stand doch im Absender der Kurznachrichten." Was Lars Vogt nicht weiß: Es gibt Firmen, die ihren Kunden einen zweifelhaften Service anbieten – Kurznachrichten mit einer beliebigen Absendernummer zu verschicken. Schon für ein paar Cent pro Nachricht. Das ist zwar verwerflich, aber nicht illegal.

Cora Bachmann verzweifelt: Lars Vogt hält sie für eine Stalkerin. Ihr Vater glaubt, dass sie verrückt ist. Sie schläft schlecht, leidet unter Ohrenschmerzen. Ihre Neurodermitis, die sie längst besiegt glaubte, bricht wieder auf. Trost findet sie ausgerechnet bei ihrem virtuellen Freund "Alexander Pezzo". "Ich habe gemerkt, dass ich super oft an dich denken muss", schmeichelt er ihr. Doch noch immer will "Alex" nicht mit ihr telefonieren oder sie treffen.

Der dubiose Freund bei Facebook

Cora Bachmann fährt nach Thailand, will Abstand gewinnen. Lars Vogt lernt unterdessen eine neue Frau kennen, die Betriebswirtin Bettina Wilms. Er geht mit ihr essen, bringt sie nach Hause. Am nächsten Tag ist der Lack seines Wagens zerkratzt. Wutentbrannt ruft er den Vater von Cora an. Der sagt ihm, dass seine Tochter im Urlaub sei und den Schaden nicht verursacht haben könne.

Jule Nowak, die wahre Täterin, fälscht einen vierten Account. Als "Julia Benninger" schreibt sie an Lars Vogt. Sie will den Verdacht auf seine neue Bekannte lenken. "Was Bettina mit deinem Auto gemacht hat, war zwar nicht in Ordnung. Aber wahrscheinlich hast du es verdient." Sie schreckt auch nicht davor zurück, die junge Frau zu verleumden: "Pass mal auf deinen Umgang auf. Bettina ist HIV-positiv." Obwohl Lars Vogt das für Unsinn hält, ruft er Wilms an. "Hast du den Lack an meinem Wagen zerkratzt?" Wortlos legt sie auf. Er hört nie wieder von ihr.

Plötzlich hat Lars Vogt einen Verdacht. Steckt Jule Nowak etwa hinter dem ganzen Terror? Er hatte seine Kurzzeitbeziehung aus Zeven von Weitem gesehen, als er mit Bettina Wilms essen war. Verfolgte sie ihn etwa heimlich? Und im Club hatte er ihr von Cora vorgeschwärmt.

Als die aus Thailand zurückkehrt, reden sie endlich miteinander. Sie stellen fest, dass sie einen gemeinsamen Freund bei StudiVZ haben: "Alexander Pezzo". Lars zeigt Cora die Kurznachrichten. Im Absender steht tatsächlich ihre Handynummer. Im Internet stoßen die beiden auf die dubiosen Angebote, Kurznachrichten mit fremder Absendernummer zu verschicken. Sofort ändert Cora ihre Telefonnummer. Der Strom beleidigender Kurznachrichten an Lars versiegt. Ein letztes Mal loggt sich Cora Bachmann bei StudiVZ ein. "Ich weiß alles", schreibt sie an "Alexander Pezzo". Dann löscht sie ihr Profil und erstattet Anzeige.

Unverschlüsseltes Netzwerk benutzt

Die Kripo findet schnell heraus, dass "Alexander Pezzo", "Niklas T.", "Christiane Wenzel" und "Julia Benninger" unter derselben IP-Adresse im Internet surfen. Die führt sie nach Zeven zu Ralph Meyer* und seiner Frau Rena*, die gerade ihr erstes Baby erwarten. Eine Risikoschwangerschaft. Die werdende Mutter darf sich nicht aufregen. Doch als sie die Vorladung von der Kripo für ihren Mann öffnet, gerät sie in helle Aufregung. "Mein Blutdruck schoss sofort in die Höhe."

Rena Meyer stellt ihren Mann zur Rede. Doch er hat keine Erklärung dafür, warum die Kripo ihn verdächtigt, ein Stalker zu sein. Während er sich mit seiner Frau streitet, blickt er aus dem Fenster. Im Nachbarhaus steht ein Laptop auf dem Fensterbrett. Jule Nowak wohnt dort. Und Ralph Meyer fällt ein, dass er seinen Internetzugang nicht verschlüsselt hat. So kommt die Kripo Jule Nowak auf die Spur.

Nur 600 Euro Strafe dank einer kleinen Lüge

Die angehende Erzieherin legt ein umfassendes Geständnis ab. "Ich habe mich in meinem ganzen Leben noch nie so gedemütigt gefühlt. Ich war sauer und eifersüchtig." Das Amtsgericht Zeven erlässt einen Strafbefehl über 600 Euro gegen sie. Die Staatsanwaltschaft Stade hätte das Verfahren auch einstellen können, mit der Auflage, dass sich Jule Nowak einer Therapie unterzieht. Doch die Ermittler wissen nichts von ihrem Berufswunsch. Sie hat den Kripobeamten vorgeflunkert, sie sei Studentin.

Jule Nowak hat Cora Bachmann geschrieben. "Ich bin kein schlechter Mensch, einfach nur zu tief verletzt worden, wie noch nie zuvor in meinem Leben." Und auch die Meyers haben Post bekommen. "Ich habe nicht nachgedacht, dass ich mit meiner Aktion andere Menschen in Schwierigkeiten bringen könnte." Das Ehepaar hat die Entschuldigung nicht angenommen. Auch Cora Bachmann kann ihr nicht verzeihen. "Das war kein böser Ausrutscher. Ich kann nur allen Leuten raten: Seid nicht so gutgläubig im Internet." Sie ist aus Hamburg weggezogen und im Netz nicht mehr zu finden. Auch Lars Vogt nicht.

Nur Jule Nowak ist noch immer dort aktiv. Sie hat ein Video von sich ins Netz gestellt, tanzt im engen, schwarzen Catsuit zu "Call Me Maybe" (Ruf mich vielleicht mal an). Auf Facebook nennt sie sich "Magnolia", wie die schöne, aber etwas giftige Blume. Und auch bei StudiVZ war sie noch eine Weile unterwegs. Als "Tante Grete". Ihr Lieblingszitat, ein Spruch der Frauenrechtlerin Edith Stein: "Schiffe stranden an Felsen, menschliche Beziehungen oft schon an Kieselsteinen."

*alle Namen wurden von der Redaktion geändert


Mitarbeit: Inken Ramelow
Themen in diesem Artikel