"Cap Anamur" Jahrelanger Prozess statt Freispruch


Vor zwei Jahren hat der ehemalige Vorsitzende einer Hilfsaktion, Elias Bierdel, 37 Afrikaner aus Seenot vor Sizilien gerettet. Jetzt muss er sich vor Gericht verantworten. Der Vorwurf: Beihilfe zur illegalen Einwanderung. Bierdel hatte auf Freispruch gehofft.

Mehr als zwei Jahre nach einer umstrittenen Rettungsaktion im Mittelmeer hat in Agrigent auf Sizilien der Prozess gegen den ehemaligen Vorsitzenden der Hilfsorganisation Cap Anamur, Elias Bierdel, begonnen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm und zwei Mitangeklagten Beihilfe zur illegalen Einwanderung in einem besonders schweren Fall vor.

Nach einem ersten gerichtlichen Termin im Juli beginnt nun die Hauptverhandlung. "Eigentlich hatten wir auf sofortigen Freispruch gehofft", sagte Bierdel im vergangenen Juli. "Jetzt wird es möglicherweise einen monate- oder gar jahrelangen Prozess geben." Der Prozess geht am 11. Dezember mit ersten Zeugenvernehmungen weiter. Im Falle einer Verurteilung drohen Bierdel zwölf Jahre Haft.

Die Aktion der "Cap Anamur" hatte im Sommer 2004 weltweit für Schlagzeilen gesorgt. Bierdel sowie der mitangeklagte damalige Kapitän Stefan Schmidt und der erste Offizier Vladimir Daschkewitsch hatten 37 Afrikaner aus Seenot gerettet. Nach einer dreiwöchigen Irrfahrt vor der sizilianischen Küste setzte die "Cap Anamur" in einem Tauziehen mit den italienischen Behörden durch, dass die Afrikaner in Sizilien an Land gehen konnten.

"Vorwurf der Schlepperei absurd"

"Der Vorwurf der Schlepperei ist absurd", sagte Bierdel nach der Sitzung. "Unsere Organisation hat niemals TV-Bilder für Geld verkauft." Bierdel war als einziger Angeklagter zum Auftakt des Hauptverfahrens persönlich vor dem Gericht erschienen.

Die italienischen Behörden hatten seinerzeit die Ansicht vertreten, die Afrikaner seien in maltesischen Gewässern gerettet worden und hätten daher auf Malta von Bord gehen müssen. Daher hatten sie der "Cap Anamur" wochenlang die Einfahrt in den sizilianischen Hafen Porto Empedocle verweigert. Zeitweise drohte der Kapitän, auch ohne Genehmigung den Hafen anzusteuern, weil sich die Lage an Bord zugespitzt habe. Später wurde die "Cap Anamur" zeitweise beschlagnahmt, Bierdel kam für kurze Zeit in Italien in Haft.

Medienwirksame Inszenierung

Kritiker in Deutschland warfen Bierdel damals eine medienwirksame Inszenierung der Rettungsaktion vor. Kurz nach dem Eklat wurde er in der Führung der Kölner Organisation Cap Anamur abgelöst, die vor 27 Jahren vom Journalisten Rupert Neudeck gegründet worden war. Weltweite Schlagzeilen machte sie in den 80er Jahren durch die Rettung Tausender Vietnam-Flüchtlinge im Südchinesischen Meer.

Rund 20 Menschenrechtsorganisationen in Deutschland forderten ein schnelles Ende des Prozesses. Die Eröffnung der Verhandlung sei ein Skandal, sagte der Europareferent von "Pro Asyl", Karl Kopp.

DPA DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker