HOME

Berüchtigter Schwerkrimineller: "Die Nase" Willem Holleeder muss lebenslang in Haft. Doch die Familie kann weiter nicht aufatmen

"Die Nase" muss lebenslang ins Gefängnis. Der berüchtigtste Verbrecher der Niederlande mordete und machte Millionen mit Spielhallen, Sexclubs und Erpressung. Selbst seine Mutter und seine Schwestern wollen ihn im Knast schmoren sehen.

Willem Holleeder Zeichung

Willem Holleeder (M.) im April 2019 vor Gericht

Picture Alliance

Sie ist eine der bekanntesten Frauen der Niederlande - doch kaum einer weiß, wie Astrid Holleeder aussieht. Es gibt keine aktuellen Fotos von ihr. Sie lebt an einem geheimen Ort, fährt in einem gepanzerten Auto. Die Amsterdamerin steht auf der Todesliste ihres eigenes Bruders. "Er will mich töten, lieber heute als morgen", sagt die 52-Jährige. Und sie versteht ihn: "Ich habe das Unvorstellbare getan. Ich habe ihn verraten."

Nichts an Willem Holleeder ist komisch

Der Bruder, Willem Holleeder, 61, wird "die Nase" genannt, wegen der Größe des Körperteils. Doch das ist nicht komisch. Nichts an dem Mann ist komisch. Holleeder ist der berüchtigtste Schwerverbrecher des Landes. Seit mehr als 30 Jahren dominiert er die Unterwelt. Bis jetzt. Auch wegen der Aussage seiner Schwester muss er lebenslang ins Gefängnis. Der berüchtigtste Verbrecher der Niederlande wurde unter anderem für fünf Morde und einen Fall von Todschlag verurteilt.

Der Jahrhundertprozess gegen Holleeder fesselte das Land ein Jahr lang. Denn der Mann war mehr als 35 Jahre eine herrschende Figur des organisierten Verbrechens. Machtgier und Geldgier waren seine Motive, seine Opfer meist ebenfalls führende Kriminelle. Verurteilt werden konnte er nur, weil seine Schwestern Astrid und Sonja jahrelang Gespräche mit ihm heimlich abgehört und die Bänder der Staatsanwaltschaft übergeben hatten. Im Prozess traten sie als Kronzeugen auf, sie wollten ihn hinter Gitter sehen. Er selbst weist jede Schuld von sich und wirft seinen Schwestern vor, sie wolle ihn als Monster darstellen.

Vertraute wider Willen

Für den Bruder war das ein Schock. Denn Astrid war über Jahre seine Vertraute. "Wider Willen", betont sie selbst. Als einzige der vier Geschwister hatte sie studiert, Jura. Mit den kriminellen Geschäften ihres Bruders hat sie zwar nichts zu tun, doch sie kommt lange auch nicht von ihm los. Er umklammere die Familie wie eine bösartige Krake, sagt Astrid, halte sie mit Drohungen im Würgegriff. "Er sieht uns als seinen Besitz an."

Vor ein paar Jahren veröffentlichte sie zwei Bücher über ihre Familie. Eines heißt "Judas: Wie ich meinen Bruder verriet, um das Morden zu beenden." Es ist ein internationaler Bestseller und wurde auch verfilmt. Auch Mutter Stien hat sich von ihrem Sohn losgesagt. Sie bat die Justiz darum, Willem nie wieder aus dem Hochsicherheitsgefängnis zu entlassen. "Er hat versucht meine Töchter erschießen zu lassen", schrieb sie. Tatsächlich hatte ein Zeuge ausgesagt, dass Holleeder aus der Haft heraus den Auftrag gegeben habe, seine Schwester Astrid umzubringen. Diese hat ihre Arbeit als Anwältin aufgegeben und ist in die Anonymität abgetaucht.

Lieblos - ein einziges Wort nur beschreibt die Kindheit im Jordaan, damals ein armes Arbeiterviertel in Amsterdam. Erst drangsaliert ein brutaler Vater, ein Alkoholiker, Frau und Kinder. Später macht Bruder Willem weiter. "Willem hasst uns", sagt Astrid. "Er ist nicht fähig zu lieben." "Willem wollte immer Macht. Sein Ziel war es, 100 Millionen Euro zu besitzen. Er kam auf 40 Millionen." Spielhallen, Sexclubs, Erpressung. Er will Angst verbreiten, sagt seine Schwester. "Willem ist ein Psychopath."

35 Millionen Gulden für Freddy Heineken

1983 entführt der Bruder mit seinem Komplizen Cor van Hout den Bierbrauer Freddy Heineken und erpresst 35 Millionen Gulden. Das Verbrechen macht weltweit Schlagzeilen. Holleeder ging für elf Jahre ins Gefängnis. Ein Teil des Lösegeldes tauchte niemals wieder auf. Nach Verbüßung seiner Haftstrafe macht Willem mit einem großen Teil des Lösegeldes einen rasanten Aufstieg zu einem der gefürchtetsten Bosse der Unterwelt.

2003 wird sein früherer Komplize Cor van Hout, inzwischen der Mann seiner Schwester Sonja, auf offener Straße ermordet. Die Schwestern sind davon überzeugt, dass ihr eigener Bruder dahinter steckt. "Er hat sogar gedroht, Sonjas Kindern etwas anzutun, wenn sie was sagt", sagt Astrid. Sonjas Mann hatte mit dem Journalisten Peter R. de Vries ein Buch über die Heineken-Entführung geschrieben, das verfilmt werden sollte. "Mein Bruder wollte daran mitverdienen. Er hat ihr gesagt, sie könne eine Münze werfen, welches ihrer Kinder zuerst sterben solle", so Astrid im vergangenen Sommer im stern.

Willem Holleeder Prozess

Amsterdamer Gerichtssaal, in dem der Prozess gegen Willem Holleeder stattfand

DPA

2012 dann traf sie eine folgenschwere Entscheidung. "Das Morden muss stoppen."  Einmal habe er Sonjas und Cors siebenjährigem Jungen eine Pistole an den Kopf gehalten, um zu erfahren, wo sich Cor versteckte. "Ich habe lange an den Mythos der Familientreue geglaubt. Aber als ich sah, dass er fähig war, seine eigene Familie zu ermorden, wusste ich: Der Feind ist nicht da draußen, sondern mitten unter uns. Von da an habe ich unsere Gespräche heimlich auf Tonband aufgenommen, weil ich Beweise haben wollte, wenn ich gegen ihn aussage", so die Schwester.

"Das Schlimmste, was ich je getan habe"

Es war der Moment von dem an sie in Angst lebte. "Verrat akzeptiert er nicht, wenn du ihn verrätst, dann bist du dran." Obwohl Willem Holleeder lebenslang hinter Gitter muss, sind die Schwestern nicht sicher: "Wir haben auch lebenslang", sagt Astrid. Ein unbeschwertes Leben mit Kindern und Enkeln, Shoppen mit Freundinnen, Bummeln auf dem Markt - ist nicht drin. Denn Willem sei noch lange nicht ausgeschaltet. Er habe überall seine Leute, drinnen und draußen. "Die Tore vom Gefängnis sind doch ein Witz für ihn." "Den eigenen Bruder verraten, das ist das Schlimmste, was ich je getan habe."

nik / mit DPA