"Ehrenmord"-Prozess Familie soll Deutschland verlassen

Das Urteil im "Ehrenmord"-Prozess erhitzt die Gemüter. Zwar glauben Experten, dass die nun verkündete Haftstrafe abschreckend wirke, kritisiert wird allerdings, dass nicht alle mutmaßlichen Täter verurteilt wurden.

Das Urteil im Berliner "Ehrenmord"-Prozess hat gemischte Reaktionen ausgelöst. So genannte Ehrenmorde haben nach Auffassung des Zentralrats der Muslime nichts mit dem Islam zu tun. Kein Mord könne durch den Islam gerechtfertigt werden, insbesondere nicht der "Ehrenmord", teilte die Vereinigung mit.

Die Familie ist nur "scheinintegriert"

Berlins Innensenator Erhart Körting (SPD) sagte über das Urteil, dass in einem Rechtsstaat eben nur der verurteilt werden könne, dessen Schuld hundertprozentig nachgewiesen wurde. Das Gericht habe aber deutlich gemacht, dass es sich um ein feiges Verbrechen handelt und nicht um etwas, was mit Ehre zu tun hat. Körting forderte die türkische Familie zudem auf, Deutschland zu verlassen. Die Familie sei "scheinintegriert" und "offensichtlich mit ihren Wertvorstellungen in Deutschland mit den meisten Familienmitgliedern noch nicht angekommen".

In Berlin wurde ein junger Türke, der seine Schwester im Namen der Familienehre erschossen hatte, zu einer hohen Haftstrafe verurteilt. Seine mitangeklagten älteren Brüder wurden jedoch freigesprochen.

Die Bremer Professorin für Interkulturelle Bildung, Yasemin Karakasoglu, warnte vor "pauschalen Urteilen" über die in Deutschland lebenden Türken. "Beim 'Ehrenmord' handelt es sich um ein Randphänomen. Das ist ein Problem der Unterschicht", so die Wissenschaftlerin. Die große Mehrheit der Türken in Deutschland teile hiesige Wertvorstellungen und Erziehungsmuster.

Viele Türken fühlen sich stigmatisiert

"Die türkische Gemeinschaft fühlt sich stigmatisiert und von vielen Medien ungerecht behandelt", sagte Karakasoglu. Die Mehrheit distanziere sich deutlich davon, die Familienehre gewaltsam verteidigen zu müssen. "Befürwortet wird diese Praxis allenfalls von einem kleinen Randsegment, das selbst isoliert ist", so die Professorin. Auch der Leiter des Essener Zentrums für Türkeistudien, Faruk Sen, sagte, dass "nur ein verschwindend geringer Teil der Türkeistämmigen in Deutschland einem Umfeld zuzuordnen ist, das entsprechenden dörflichen Traditionen der Osttürkei entstammt".

Auch in der Türkei sind nach Ansicht von Karakasoglu "Ehrenmorde" derzeit ein großes Thema. "Dort handelt es sich ebenfalls um ein Randphänomen, das nur in ländlichen Strukturen als Machtmittel gilt." Vor allem Frauenverbände würden dafür sorgen, dass diese Praxis "hart geahndet und geächtet wird".

Bis vor wenigen Jahren seien diese Morde von der türkischen Justiz als "Kavaliersdelikt" behandelt worden, sagte Sen. Doch jetzt würden diese Verbrechen härter bestraft. "Der 'Ehrenmord' ist ein Ausdruck archaischer Stammeskulturen. Das gibt es auch in anderen Gesellschaften, zum Beispiel in Südamerika oder Süditalien", so Karakasoglu.

Hinsichtlich der Freisprüche für die beiden älteren Brüder des verurteilten Schützen sagte der Grünen-Politiker Cem Özdemir jedoch: "Ich bin nicht zufrieden mit dem Urteil, weil es der Familienclanstruktur nicht gerecht wird." "Wenn man weiß, dass solche Mordurteile im Familienrat gefällt werden und der Jüngste ausgesucht wird, weil man bei ihm das geringste Strafmaß erwartet, dann sendet dieses Urteil das falsche Signal in die Gesellschaft." Auch Faruk Sen glaubt, es habe sich "eindeutig um einen 'Ehrenmord' gehandelt, der von der Familie verabredet" worden sei.

Karakasoglu ist davon überzeugt, dass das Urteil auf jeden Fall abschreckend wirke. "Das Signal ist deutlich und klar. Auch die öffentliche Diskussion ist nicht spurlos an der Randgruppe vorbeigegangen." Dennoch müsse dieser Fall genauso wie alle anderen Kriminalfälle behandelt werden.

DPA DPA

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