"Ehrenmord"-Urteil Neun Jahre Haft für den Bruder


Hatun Sürücü musste sterben, weil "sie ihr Leben lebte, so wie sie es für richtig hielt", so der Richter. Er verurteilte Sürücüs Bruder, der den "Ehrenmord" begangen hatte, zu mehr als neun Jahren Haft - seine älteren Brüder hingegen kamen frei.

Das Urteil im Prozess um den Berliner "Ehrenmord" ist gefallen. Der Täter, der 18 Jahre alt war als er seine Schwester erschoss, erhielt eine Jugendstrafe von neun Jahre und drei Monaten. Seine Brüder wurden freigesprochen, weil ihnen eine Beteiligung nicht nachgewiesen werden konnte. Die Staatsanwaltschaft hatte für die beiden Brüder lebenslängliche Haft beantragt: Einer habe die Waffe besorgt, der andere moralischen Beistand geleistet, so die Anklage.

Die Deutsch-Türkin Hatun Sürücü, die dem Mord zum Opfer fiel, war zum Tatzeitpunkt 23 Jahre alt. Sie lebte von ihrem Ehemann getrennt und erzog den gemeinsamen Sohn alleine. Ihre Eltern und ihre Brüder empfanden ihren westlichen Lebensstil offenbar als ehrenrührig. Am 7. Februar 2005 wurde Sürücü von ihrem jüngsten Bruder auf offener Strasse in Berlin-Tempelhof erschossen. Der Fall erregte bundesweit Aufsehen und zog Debatten über so genannte "Ehrenmorde" und Zwangsehen nach sich.

"Unfassbare Dimension"

Dies sei ein ganz besonderer Fall gewesen, urteilten die Richter. Sürücü sei Opfer geworden, weil "sie ihr Leben lebte, so wie sie es für richtig hielt", so der Vorsitzende Richter Michael Degreif. Er sprach von einer "unfassbaren Dimension". Mit dem Strafmaß für den Todesschützen blieb das Gericht nur unwesentlich unter der Forderung der Staatsanwaltschaft, die neun Jahre und acht Monate Haft beantragt hatte. Die Brüder des Schützen kommen nun nach fast 14 Monaten Untersuchungshaft frei.

Annäherung an Familie endete mit Tod

Besonders tragisch sei es, dass die von Sürücü angestrebte Wieder-Annäherung an ihre Familie letztlich zu ihrem Tod geführt habe, sagte der Richter. Der Mörder sei fest verankert gewesen in den überlieferten traditionellen Vorstellungen von einer Familienehre, die von den männlichen Mitgliedern besonders ost-anatolischer Familien aufrechterhalten werden müsse. Diese Vorstellungen habe er verletzt gesehen. Die zweite Triebfeder der Tat sei ein Islam-Verständnis des jungen Mannes gewesen, das die Lebensweise der Schwester zutiefst missachtet habe.

"Zwangsehen sind Menschenrechtsverletzung"

Die Union im Bundestag forderte in einer ersten Reaktion nach dem Urteil "Null Toleranz" bei Verbrechen dieser Art. Diese "schändliche Form der Selbstjustiz" entspreche in keiner Weise den Wertvorstellungen von der Würde und Selbstbestimmung der Frau, erklärte der familienpolitische Sprecher der CDU/CSU- Bundestagsfraktion, Johannes Singhammer. Auch Zwangsehen seien "keine private oder kulturell tolerierbare Angelegenheit", sondern "eine Menschenrechtsverletzung, die strafrechtlich und ausländerrechtlich mit abschreckenden Konsequenzen geahndet werden muss".

DPA/Reuters DPA Reuters

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