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"Engel mit den Eisaugen": Gericht spricht Amanda Knox frei

Spektakuläre Wende im Fall Amanda Knox: Ein italienisches Berufungsgericht hat die wegen Mordes verurteilte US-Studentin freigesprochen. Das gilt auch für ihren ebenfalls verurteilten Ex-Freund.

Die Urteilsverkündung des Berufungsgerichts in Perugia fiel kurz aus: Die wegen Mordes und sexueller Nötigung verurteilte US-Studentin Amanda Knox ist nicht schuldig und soll umgehend auf freien Fuß kommen. Das Gericht sprach auch Knox' Ex-Freund Raffaele Sollecito frei, der wegen Mittäterschaft zu 25 Jahren Haft verurteilt worden war. Knox hätte 26 Jahre einsitzen müssen. Der Richter musste nach dem Freispruch mehrfach um Ruhe im Gerichtssaal bitten. Viele der Anwesenden klatschten in die Hände oder atmeten laut auf vor Erleichterung. Knox brach unter Tränen zusammen und wurde sofort von der Polizei aus dem Saal geführt, gefolgt von ihrem sehr gefasst wirkenden Ex-Freund. Die Angehörigen der getöteten Meredith Kercher hörten der Urteilsverkündung wie versteinert zu. Die Schwester der Ermordeten weinte heftig.

Vor dem Gerichtsgebäude herrschte eine zweigeteilte Stimmung. Eine Menschenmenge protestierte mit Rufen wie "Schande, Schande" und "Mörder!" gegen das Urteil. Von lauten Buh-Rufen begleitet, gaben der Anwalt und Freunde der 24-jährigen US-Amerikanerin Erklärungen ab. Das Interesse an dem Prozess war enorm: Rund 400 Journalisten aus aller Welt waren angereist und hatten vor dem Gebäude ausgeharrt. Mehr als zehn Stunden hatten die zwei Richter und sechs Geschworenen beraten, bevor sie das Urteil um etwa 22 Uhr verkündeten.

Knox war in Berufung gegangen, nachdem sie 2009 wegen Mordes an ihrer britischen Mitbewohnerin verurteilt worden war. Fast vier Jahre sind seit dem Mord an der englischen Austauschstudentin Meredith Kercher vergangen: Kercher war Anfang November 2007 mit durchgeschnittener Kehle in dem Haus in Perugia gefunden worden, das sie mit Knox bewohnte. Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft wurde die damals 21-jährige Britin gemeinsam von Knox, Sollecito sowie dem gemeinsamen Bekannten Rudy Guede ermordet, weil sie sich weigerte, bei Sexspielen mitzumachen. Guede war nach einem Teilgeständnis in einem getrennten Schnellverfahren bereits zu 16 Jahren Haft verurteilt worden.

Noch Stunden vor der Urteilsverkündung hatte Knox vor Gericht ihre Unschuld beteuert. "Ich habe niemanden umgebracht, vergewaltigt oder bestohlen", sagte sie unter Tränen. "Ich war überhaupt nicht da." In fast fehlerlosem Italienisch erklärte der "Engel mit den Eisaugen" am Montag vor dem Geschworenengericht unter anderem: "Ich habe nicht getötet, ich habe nicht vergewaltigt, ich war nicht da." Knox war den Tränen nah, sprach mit unsicherer Stimme. Ihr als Mittäter verurteilter, italienischer Ex-Freund las tonlos eine ähnliche Stellungnahme ab: "Ich habe niemals jemandem etwas getan." Knox weiter: "Ich habe eine Freundin verloren auf die furchtbarste und unerklärlichste Art und Weise. Wenn ich an jenem Abend nicht bei Raffaele gewesen wäre, wäre ich heute tot genau wie Meredith".

Urteil wegen Verleumdung bestätigt

Die Amerikanerin verteidigte sich mit einer flammenden Rede: "Es ist oft gesagt worden, dass ich eine andere Person bin, als es den Anschein hat. Aber ich bin dieselbe Person wie vor vier Jahren. Den einzigen Unterschied machen meine Leiden der letzten Jahre aus". Sie bezahle mit ihrem Leben "für etwas, was ich nicht getan habe", klagte Knox. "Ich will nicht meiner Zukunft beraubt werden für etwas, was ich nicht getan habe: Ich bin unschuldig. Ich will nach Hause."

Wegen Verleumdung des kongolesischen Barmannes Patrick Lumumba, den Amanda kurz nach ihrer Festnahme des Mordes zu Unrecht beschuldigt hatte, bestätigte das Gericht das betreffende Urteil der ersten Instanz: Die Haftstrafe von drei Jahren hat die Amerikanerin aber bereits abgesessen. Eine Schadensersatzzahlung und die Erstattung der Gerichtskosten Lumumbas steht noch aus.

ben/DPA / DPA