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"Es herrschte der absolute Terror" Studie über System der Unterdrückung in Ettal


Schläge mit dem Rohrstock, sexueller Missbrauch durch Ordensbrüder - in Kloster Ettal herrschte jahrzehntelang ein System der Unterdrückung. Das zeigt eine von der Abtei in Auftrag gegebene Studie.

Sie verschonten nicht einmal ihre Mitbrüder. Hinter den dicken Mauern von Kloster Ettal herrschte jahrzehntelang ein System der Unterdrückung mit dem Ziel, den Willen der Schüler notfalls auch durch Gewalt zu brechen. Sexueller Missbrauch und schwerste körperliche oder seelische Misshandlungen gehörten zum erzieherischen Alltag in dem angesehenen oberbayerischen Klosterinternat. "Es gab eine Kultur des Schweigens und Wegsehens" - so nannte es Sonderermittler Thomas Pfister schon nach Bekanntwerden des Skandals vor drei Jahren. Seit Donnerstag liegt auch die von der Benediktinerabtei in Auftrag gegebene Studie zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der Missbrauchsfälle vor.

Die im Internat als Erzieher eingesetzten Ordensbrüder schlugen die Buben nicht nur mit Kleiderbügeln und Rohrstöcken windelweich, einige von ihnen missbrauchten die Kinder sexuell. "Es herrschte damals der absolute Terror", schrieb ein Schüler an den vom Kloster eingesetzten Sonderermittler über die Zustände in dem Elite-Internat, die noch bis in die 1990er-Jahre vorherrschten. Mindestens zehn Patres machten sich solcher Übergriffe schuldig. Sie seien geradezu sadistisch veranlagt gewesen, schilderten die Opfer.

Schüler mussten sich auf Befehl von Mönchen gegenseitig schlagen. Andere wurden zur Strafe auf den Gang gestellt oder in den Keller geschickt. Ein Opfer schrieb, er sei von einem Pater so lange mit einem Bambusstock geschlagen worden, bis er auf die Krankenstation des Internats kam. Ein weiterer Schüler schilderte Pfister die Erziehungsmethoden eines Paters: "Er nahm uns an den Koteletten, drehte sie und riss sie nach oben. Das verursachte extreme Schmerzen." Reihenbestrafungen seien an der Tagesordnung gewesen.

Pater und Schüler wurden Missbrauchsopfer

Ein inzwischen gestorbener Ordensgeistlicher bekannte in einer Art Testament, dass Schüler regelmäßig auch nachts zu ihm gekommen und sexuellen Kontakt gesucht hätten, den er nicht unterband. Ein Pater stellte Fotos von Klosterschülern mit nacktem Oberkörper ins Internet für Seiten, die Homosexuelle nutzen. Womöglich wurde sogar ein Pater Opfer von sexueller Gewalt. Pfister berichtete damals, ein früherer Mönch habe ihm berichtet, er sei von Mitbrüdern missbraucht worden.

Nun liegen die möglichen Ursachen für den jahrzehntelangen Missbrauch und die Misshandlungen auf dem Tisch. Die Verfasser der Studie des Münchner Instituts für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) nennen vor allem das Fehlen einer professionellen Pädagogik und totale Überforderung der Erzieher als Grund für das teils kriminelle Handeln der Geistlichen. Auch die strenge Hierarchie des Klosters mit einem Abt, der für alles verantwortlich war, habe dazu beigetragen. Und die Opfer hätten aus Scham lieber geschwiegen. "Man wollte häufig seine Eltern nicht belasten", sagte Florian Staus vom IPP.

Für Abt Barnabas Bögle ist die Studie ein wichtiger Schritt zur Aufarbeitung der dunklen Geschichte. Und mit leiser Stimme fügte er bei der Präsentation der Studie in München hinzu: "Von jedem Leid, das durch unsere Schuld einem der uns Anvertrauten zugefügt wurde, bleibt eine schmerzende Narbe zurück." Robert Köhler vom Verein der Ettaler Missbrauchsopfer spricht von einem mutigen Schritt des Klosters, die Studie in Auftrag gegeben zu haben: "In Ettal ist auf dem Tisch, was geschehen ist."

Paul Winterer, DPA DPA

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