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"Ich erinnere das nicht": Mobbingprozess kämpft gegen Erinnerungslücken

In einem Zivilprozess wegen Mobbings bei der Polizei haben Zeugen gegen die zurzeit vom Amt entbundene hessische LKA-Chefin Sabine Thurau ausgesagt. Die damalige Vizepräsidentin der Frankfurter Polizei habe in einer Dienstbesprechung schwere Anschuldigungen gegen den Dienststellenleiter der Personenfahndung erhoben, berichteten Zeugen.

Mit solch großen Erinnerungslücken einer leitenden Polizeibeamtin hatten die Prozessbeteiligten wohl nicht gerechnet. "Ich erinnere das nicht", sagte die derzeit abkommandierte LKA-Chefin Sabine Thurau am Mittwoch gut ein Dutzend Mal und erntete dafür am Ende Gelächter im proppenvollen Verhandlungssaal des Frankfurter Landgerichts. Die 55-Jährige war dort als Zeugin geladen, weil der ehemalige Personenfahnder Jochen Z. das Land Hessen wegen Mobbings auf 30.000 Euro Schmerzensgeld verklagt.

Die Beweisaufnahme der 4. Zivilkammer dreht sich um Thuraus Vortrag bei einer Dienstbesprechung im März 2006 im Kommissariat 43. Als damalige Vizepräsidentin der Frankfurter Polizei soll Thurau gesagt haben, Z. sei "in schwere kriminelle Machenschaften verwickelt" und sie selbst werde dafür sorgen, dass er nicht mehr in den Polizeidienst zurückkehre. Mehr als ein halbes Dutzend Polizeibeamte, die damals bei der Dienstbesprechung anwesend waren, bestätigten diese Aussage am Mittwoch im Zeugenstand sinngemäß. Zudem monierten die Fahnder, über die Art der Vorwürfe gegen ihren damaligen Dienststellenleiter keine Aufklärung erhalten zu haben.

Thurau selbst konnte sich an diese Aussage am Mittwoch nicht erinnern. Die anderslautenden Aussagen der anderen Zeugen wollte sie jedoch nicht dementieren. In einer dienstlichen Erklärung im Dezember 2009 hatte sie dies allerdings noch getan. Zudem sagte die 55-Jährige am Mittwoch aus, sie habe in der Besprechung angegeben, es werde gegen Z. wegen des Verdachts der Untreue ermittelt.

Der klagende Z. moniert die Unverhältnismäßigkeit des Vorgehens. Er war für insgesamt drei Jahre suspendiert und sei heute auf einer Sachbearbeiterstelle in Offenbach "geparkt". Die letztlich haltlosen Vorwürfe gegen den heute 53-Jährigen drehten sich unter anderem lediglich um eine private Nutzung des Dienstwagens. Einer der Polizeibeamten sagte jedoch am Mittwoch aus, Thurau habe in der Besprechung "mit Brachialgewalt" agiert. "Ich habe gedacht, er hätte jemanden erschossen", sagte ein weiterer Beamter.

Thurau räumte am Mittwoch lediglich ein, sie habe seinerzeit bekannt gegeben, Z. werde "aus Fürsorgegründen" nicht auf die Dienststelle zurückkehren. Die Stimmung unter den einzelnen Ermittlungsgruppen des K 43 sei am Tag der Besprechung "geradezu feindselig" gewesen. Die vernommenen Polizeibeamten sagten darüber nichts aus. Wohl aber hegen sie Groll gegen die drei Kollegen, die Z. seinerzeit angeschwärzt haben sollen.

Mittlerweile wird gegen Thurau selbst ermittelt. Sie soll in einem Strafprozess gegen einen weiteren Fahnder des K 43 uneidlich falsch ausgesagt haben. Ein weiterer Vorwurf lautet auf "Verfolgung Unschuldiger". Im Rahmen der Ermittlungen waren auch Neid, Missgunst und Mobbing im Frankfurter Polizeipräsidium an die Öffentlichkeit gelangt. Der klagende Z. bestätigte dies am Mittwoch auf Nachfrage: "Was hier zutage kommt, ist nur die Spitze des Eisbergs."

APN / APN