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"Icke muss vor Jericht": Alkohol, Vergewaltigung und eine Lüge

Er wollte Sex, sie aber nicht. Aus Frust stiehlt der abgewiesene Liebhaber seiner Angebeteten Handy und Laptop. Die meldet sich bei der Polizei, erzählt jedoch von zwei Tätern. Diese Übertreibung, die sie nun vor Gericht brachte, liegt in der schweren Kindheit der Angeklagten begründet, schreibt Uta Eisenhardt in ihrer Gerichtskolumne.

Er trank Wein und wollte Sex. Doch Elke Handke wies den jungen Mann ab. Der stahl dann ihren Laptop und ihr Handy

Er trank Wein und wollte Sex. Doch Elke Handke wies den jungen Mann ab. Der stahl dann ihren Laptop und ihr Handy

Ein Kinderwagen rollt in den Gerichtssaal. Er wird geschoben von einer dicken, blonden Frau mit bravem, geflochtenen Zopf. Elke Handke* hat ihre drei Monate alte Tochter zur Verhandlung mitgebracht. "Die lässt sich nicht weiter stören?", fragt die strenge Richterin skeptisch und deutet auf den Kinderwagen. Nein, versichert die junge Mutter und soll Recht behalten. Denn während die Erwachsenen über so hässliche Dinge wie Vergewaltigungen, Diebstahl und Freiheitsberaubung sprechen, hält die Kleine ihren friedlichen Vormittagsschlummer.

Noch vor der Verhandlung schrieb die 33-jährige Angeklagte einen Brief an die Richterin. Die Sache mit der falschen Verdächtigung würde stimmen. Es tue ihr furchtbar leid, was sie gemacht habe. "Wenn ich es rückgängig machen könnte, würde ich es machen, sofort", versichert die Frau mit der randlosen Brille im Gerichtssaal. Doch trotz aller Reue kann ihr die Verhandlung nicht erspart bleiben: "Das ist nun einmal in der Welt", erklärt ihr die Richterin.

Wenn der Onkel betrunken war

Es war ein Abend im Frühling des vergangenen Jahres. Elke Handke saß mit einem jungen Mann in ihrer Wohnung auf der Couch. Thomas Jung* trank Wein, sie Wasser. Er wollte Sex, sie nicht. "Ich konnte nicht, dieser Alkoholgeruch", erzählt sie der Richterin. Es ist ein Geruch, der für sie mit der schlimmen Erinnerung an ihren Onkel besetzt ist. Der hatte sie in Sachsen-Anhalt, wo sie in den achtziger Jahren aufwuchs, regelmäßig vergewaltigt - "immer wenn er Alkohol getrunken hatte". Damals drohte der Onkel dem jungen Mädchen, er würde sie ins Heim bringen, wenn sie etwas sagen würde. Sie glaubte an die Macht des Mannes, der bei der Stasi arbeitete und zeigte ihn niemals an. Vor einigen Jahren starb ihr Peiniger an Krebs.

Als diese ekelhaften Erinnerungen wieder in Elke Handke aufstiegen und ihr jede Lust auf Körperkontakt nahmen, reagierte ihr angetrunkener Gast wenig sensibel. Jung bedrängte und schubste sie gegen die Schrankwand. Die junge Frau riss sich von ihm los. Sie rannte ins Bad und übergab sich. Als sie wieder ins Wohnzimmer kam, hatte der abgewiesene Liebhaber bereits ihren Laptop, den sich die Hartz-IV-Empfängerin zusammengespart hatte, an sich genommen und ihr Handy aus ihrer Handtasche herausgewühlt. Wenn sie mal notgeil sei, könne sie sich bei ihm melden und ihre Sachen abholen, soll Thomas Jung noch gesagt haben, ehe er ihre Wohnung verließ.

Der frei erfundene Überfall

Da hockte die Bestohlene nun. "Ich kam mir in dem Moment so schäbig vor", beschreibt sie ihre damaligen Gefühle. Die beschämenden Erinnerungen an ihren Onkel vermischten sich mit der Wut über den frechen, zudringlichen Dieb. Kurzentschlossen rief sie die Polizei. Doch anstatt nur den Diebstahl von Laptop und Handy durch Thomas Jung anzuzeigen, schilderte sie den Beamten, das zwei unbekannte Männer - ein blonder und ein dunkelhaariger - sie in ihrer Wohnung überfallen hätten. "Der Blonde hatte in der linken Hand ein Messer und hielt es mir an den Hals", gab sie den Beamten zu Protokoll. "Mit der rechten Hand zog er mir das Handy aus meiner Hand. Der Dunkelhaarige kam auch in meine Wohnung." Für die Beamten handelte es sich um einen schweren, gemeinschaftlich begangenen Raub. Aufwändig sicherten sie in Handkes Wohnung die Spuren des vermeintlichen Überfalls.

Vier Monate später wurde Thomas Jung verhaftet. Drei Tage saß er hinter Gittern und bestritt vehement die Vorwürfe. Nochmals wurde Elke Handke von der Polizei vernommen. Nun erzählte sie den Beamten endlich die Wahrheit. Umgehend wurde Jung entlassen und gab das Gestohlene wieder zurück. Später musste er für seine Tat eine Geldstrafe von 750 Euro zahlen.

Eine strenge Richterin

"Warum haben Sie den zweiten Täter erfunden?", will die Richterin wissen. Elke Handke zuckt mit den Schultern. "Es war nicht geplant, gar nicht." Das sei ihr eingefallen, als der Polizeibeamte vor ihr saß. "Es war eine Kurzschlussreaktion wegen meines Onkels", sagt sie. Sie habe Jung strafen wollen und sich gleichzeitig geschämt. Geschämt für das, was ihr passierte, als sie in die Fänge ihres Onkels geriet und für die Demütigungen, die ihr der abgewiesene Liebhaber bereitet hatte.

Staatsanwalt und Richterin können die junge Frau gut verstehen. Dennoch kann das, was sie in einer emotionalen Ausnahmesituation tat, nicht ungestraft bleiben. Sechs Monate Haft auf Bewährung fordert der Staatsanwalt für die Tat, die für den zu Unrecht Verdächtigten eine Freiheitsberaubung nach sich zog. Auf sechs Monate entscheidet dann auch die Richterin. "Es war nicht fernliegend, was der junge Mann von Ihnen wollte, wenn man sich abends verabredet und Wein zusammen trinkt", sagt die Richterin. Sie glaubt der Angeklagten, die nicht habe trennen können zwischen dem, was ihr mit Jung passierte und dem, was ihr von ihrem Onkel angetan wurde.

Weniger Verständnis hat die Richterin für die erhebliche Dramatisierung des Vorgefallenen - für die Ausschmückungen und den erfundenen zweiten Täter. Doch die strenge Juristin ist sicher, die bislang unbescholtene Angeklagte mit dem Prozess genügend beeindruckt zu haben. "Denken Sie auch an das Kind!", gibt sie Elke Handke mit auf den Weg. Die Möglichkeit einer Psychotherapie für die traumatisierte junge Frau spricht sie nicht an.

*Namen von der Redaktion geändert