"Icke muss vor Jericht" Alles wegen Jutta

Die Liebe zu Jutta währte kurz. Was blieb, ist ein Prozess
Die Liebe zu Jutta währte kurz. Was blieb, ist ein Prozess
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Ein Unfall zwingt einen Mann zeitweilig in den Rollstuhl. Er zieht zu einer flüchtigen Bekannten, ohne zu ahnen, dass sie mit Drogen handelt. Was folgt, ist eine ménage à trois der besonderen Art.
Von Uta Eisenhardt

Hans Hahn* empört sich: "Ich und Drogenhandel! Ich trinke ja noch nicht einmal Alkohol!" Dennoch wurde er vor einem Jahr wegen Beihilfe zum Betäubungsmittelhandel verurteilt, musste sich in einem anderen Prozess wegen Sachbeschädigung verantworten und sitzt nun wegen falscher Verdächtigung wieder einmal vor dem Richter. Und das alles wegen ein paar Monaten, die er mit einer Frau verbrachte, die noch nicht einmal sein Typ war!

Im Herbst 2007 begann die Serie von Schicksalsschlägen im Leben des Metall-Ausbilders. Er wurde von einem Auto angefahren und erlitt einen komplizierten Bruch des Sprunggelenks. Weil sein Ellbogen nicht belastbar ist, konnte er nicht an Krücken laufen und musste die Heilungszeit im Rollstuhl verbringen. Doch wie bewegt man sich mit diesem in einer Dachgeschosswohnung, die sich über zwei Etagen erstreckt?

Hausdurchsuchung bei Jutta

Rettung versprach das Angebot von Jutta Dorsch*, die er über seinen zwielichtigen Mitbewohner kennen gelernt hatte: Sie schlug dem Gehbehinderten vor, sich in ihrer Erdgeschoss-Wohnung einzuquartieren. Zunächst sei das Verhältnis zu der Endvierzigerin rein freundschaftlich gewesen, berichtet der 47-Jährige. Er sei dankbar gewesen und tolerierte sogar den Haschisch-Handel seiner Vermieterin: "Dabei bin ich für illegale Sachen gar nicht zu haben."

An einem Novemberabend ging Jutta wegen ihrer Kopfschmerzen früh zu Bett. Sie bat ihren Mitbewohner, die Drogenkonsumenten zu bedienen, was er auch tat. Zwei Mal verkaufte er etwa ein Gramm Cannabis an die klopfende Kundschaft. Die wurde anschließend von der Polizei abgefangen, eine Hausdurchsuchung bei Jutta förderte weitere 33 Gramm Haschisch zutage.

Sex ohne Hemmschwelle

All das trübte die Freundschaft zwischen ihr und Hans Hahn nicht nachhaltig. Eine Mischung aus Alkohol, Sympathie, Vertrautheit und Einsamkeit hatte ihnen irgendwann den Weg in ein gemeinsames Bett gewiesen. "Es hat sich ergeben. Wie das so ist in der heutigen Zeit unter Erwachsenen, dass man auch ohne Beziehung mal Geschlechtsverkehr hat", sagt der schlanke Mann, den man nur mit "mittel" beschreiben kann: mittelgroß, mittelgrau, mittelattraktiv – dazu Jeans, Hemd, Jackett. Er habe seine Partnerin gefragt, ob sie gesund sei. Ja, habe Jutta Dorsch gehaucht und bekundet, sie hätte seit acht Jahren keinen Sex gehabt. "Da war meine Hemmschwelle abgebaut", sagt der Angeklagte.

Gewundert habe ihn nur, dass sie abrupt den Verkehr abbrach. Weil das auch in den folgenden Schäferstündchen passierte, stellte er sie zur Rede. Da habe sie ihm kleinlaut gebeichtet, positiv zu sein: "Das war nach mehreren Nächten", sagt Hans Hahn. Die ehemals Drogenabhängige soll geschwiegen haben, weil sie Angst hatte, ihn zu verlieren.

"Ich bin kein Selbstmörder"

"Ich bin danach völlig abgesackt", sagt der Angeklagte. Er ließ sich testen und zog in seine Wohnung zurück. Dann zeigte er Jutta Dorsch wegen fahrlässiger Körperverletzung an. Es war noch unklar, ob er infiziert ist. "Dieses Unwissen hat mich völlig gelähmt!" Er fürchtete die Ächtung seiner Mitmenschen. "Es hat zu einem Umdenken in meinem Leben geführt." Erst nach drei Tests hatte er Gewissheit. Nie wieder sah er seine Vermieterin.

"Ich bin kein Selbstmörder", sagt Hans Hahn. "Ich habe Glück gehabt, ich bin nicht infiziert." Wäre es anders gekommen, wäre Jutta seine letzte Freundin gewesen, glaubt er. "Ich würde niemals eine andere Person in Gefahr bringen." Das Wort "Kondom" kommt in diesem Prozess nicht einmal über seine Lippen.

Mit dem negativen Testergebnis war das Kapitel "Jutta" für ihn aber nicht erledigt. Wegen Beihilfe zum Betäubungsmittelhandel verurteilte ihn ein Richter zu 900 Euro (50 Tagessätze) Geldstrafe. Ein Verfahren um ein angeblich von ihm zerbrochenes Fenster in Juttas Haus wurde eingestellt. Heute erlebt er seinen dritten Prozess, den verdankt er der Aussage von Tony, Juttas Busenfreund. Er und Jutta kennen sich schon 30 Jahre, sagt der Angeklagte: "Man darf die beiden nicht als einzelne Personen sehen, sondern nur als Einheit."

Falsche Verdächtigung?

Tony behauptete, Hans Hahn habe von der tödlichen Gefahr schon vor dem ersten Geschlechtsverkehr gewusst. Demnach müsse dessen Anzeige eine falsche Verdächtigung sein, meinte die Staatsanwaltschaft und drehte den Spieß um. Tony, eigentlich Heinz-Jürgen, ist ein fast 60-jähriger Lebemann, der seine Haare nachlässig gefärbt hat und zum Nadelstreifenanzug eine lila Krawatte trägt. Seine Freundin habe sich immer schwer damit getan, über ihre HIV-Erkrankung zu sprechen, sagt er dem Richter. Er will Hans und Jutta besucht haben, als die noch zusammen wohnten. Während seine Freundin im Bad oder im Bett weilte - da erzählt der Zeuge bei der Polizei dies und vor Gericht das - soll der Rollstuhlfahrer ihm ein Päckchen "Retrovir" gezeigt und gefragt haben, ob Jutta positiv sei. "Ich weiß es, aber das musst du sie selbst fragen, da mische ich mich nicht ein", will Tony geantwortet haben. "Das war vor dem ersten Geschlechtsverkehr." Der habe nämlich erst zwei Wochen später stattgefunden, das wisse er von Jutta. Der Angeklagte habe seine Freundin nur angezeigt, weil diese ihn rausschmiss, glaubt der Zeuge.

Genug bestraft

"Tony, das ist unglaublich, was du hier abziehst", sagt Hans Hahn. Der lässt sich nicht beirren. Lächelnd meint er, der Richter müsse entscheiden, wer die Wahrheit sage. Im Übrigen müsse er gleich zu einer anderen Verhandlung, wo man ihn ebenfalls als Zeuge benötige. Es ist der Prozess gegen Jutta Dorsch, die sich wegen Drogenhandels und -besitz verantworten soll. Doch die HIV-Positive bleibt nicht nur dem Prozess gegen Hans Hahn fern, auch zu ihrem eigenen erscheint sie nicht - angeblich ist sie erkrankt.

Richter und Staatsanwalt beraten kurz über das Schicksal des Angeklagten. Wie glaubwürdig ist die Aussage von Tony, dessen Datumsangaben keinen Sinn ergeben und dessen Ortsangaben fürchterlich schwanken? Würde Jutta Dorsch irgendwann einmal zum Prozess erscheinen und wenn ja, würde ihre Aussage das Geschehen erhellen? Das Gericht beschließt, das Verfahren einzustellen: Die möglicherweise falsche Verdächtigung wiegt weniger schwer als die bereits verurteilte Beihilfe zum Drogenhandel. Man könnte auch sagen: Hans Hahn ist genug bestraft. * Namen von der Redaktion geändert


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