"Icke muss vor Jericht" Bei Geschenken sagt man "Danke!"


Zwei ehemalige Schulkameraden - ein hässlicher Mann und eine attraktive Blondine - treffen sich nach vierzig Jahren. Sie schenkt ihm Aufmerksamkeit. Er revanchiert sich mit Geld und Geschenken und will dafür noch mehr Aufmerksamkeit. Bis es ihr zu viel wird und sie sich vor Gericht wiedersehen.
Von Uta Eisenhardt

Gleich zu Beginn der Verhandlung sichert sich der Angeklagte das Mitleid des Richters: "Mir jeht's nich jut", sagt der kleine, dürre Mann, zu dem die Natur besonders ungerecht war. Sie verpasste ihm einen vorstehenden Schnuten-Mund und versah ihn mit rötlich-blondem Fusselhaar, das den Oberkopf des 58jährigen kreisförmig verlässt. Er habe einen Herzinfarkt und eine Bypass-Operation hinter sich, erklärt der erwerbsunfähige Kaufmann dem Gericht. Augenblicklich würde es noch gehen. Aber vielleicht müsse er sein Notfall-Spray einsetzen.

Auch das Wiedersehen mit seiner früheren Schulkameradin Brigitte Rotmann* begann mit Jammern und Wehklagen: Es sei ihm nicht gut ergangen in den vergangenen vierzig Jahren, doch nun könne er ja mit ihr über all das Schlimme reden. Drei Jahre später erschöpfte sein Mitteilungsbedürfnis die Geduld der attraktiven Blondine. Sie zeigte Manfred Matzke wegen Nachstellung an.

"Er tat uns sehr leid"

Ein Klassentreffen führte das ungleiche Paar im November 2004 zusammen. Die üppige Brigitte mit dem blondierten und toupierten Zopf gehörte zum Organisationskomitee, das die versprengten Klassenkameraden ausfindig machte, die im Osten Berlins zehn Jahre lang gemeinsam zur Schule gegangen waren. Von Manfred Matzke erfuhren sie, er sei sehr krank und werde einen Tag vor dem Treffen am Herzen operiert. "Er tat uns sehr leid", sagt Brigitte Rotmann vor Gericht. Das Komitee besuchte den Kranken. "Von da an war er richtig auf mich fixiert."

Im Januar 2005 verabredeten sich die beiden das erste Mal in einem Restaurant. Drei Stunden lang klagte Manfred Matzke über sich und sein Schicksal. Sie habe Mitleid empfunden und ihm Ratschläge geben wollen. "Doch das hat ihn nicht interessiert. Ich habe ihn interessiert", sagt die Rentnerin. Immer wieder bat er sie um weitere Treffen, er müsse ihr noch etwas erzählen. "Und dann waren es wieder nur Nichtigkeiten."

Beachtet und bedauert

Beachtet und bedauert, Manfred Matzke muss sich damals großartig gefühlt haben. In dieser Stimmung gab er seiner alten Klassenkameradin Geld und größere Geschenke. "Mit den 5000 Euro, dit hab ick mir einfallen lassen, um ihr 'ne Freude zu machen", sagt der Mann mit dem ungeschnittenen Haar, dessen viel zu weiter Strickpullover an seiner schmalen Gestalt herunter hängt. Die Kontonummer habe ihm Rotmann beim gemeinsamen Essen gegeben. Er habe sie gefragt, ob sie das haben will. Dann habe er an Ort und Stelle die Überweisung ausgefüllt. Das Geld sei aber an keine Bedingung geknüpft gewesen.

Sie habe ihm nicht direkt gesagt, er solle dies oder jenes für sie besorgen. "Sie hat indirekt bestellt, zum Beispiel hat sie jesagt, ein Navi-Gerät könnt ick jebrauchen", erinnert sich Matzke. Außerdem kaufte er ihr eine Stereoanlage, eine Uhr, ein Telefon, einen Fernseher, Drucker, Computer, DVD-Recorder und zwei Lederjacken. 25.000 Euro sollen so innerhalb eines Jahres zusammen gekommen sein. "Dit is nur dit, wat durch Kontoauszüge belegt is", sagt Matzke dem Richter. Es klingt stolz.

Fast täglich rief er sie an

"Die Geschenke hat er mir förmlich aufgedrängt", bestätigt die Zeugin. Ungefragt fügt sie hinzu: "Wenn man etwas geschenkt bekommt, dann sagt man: Danke!" Aber nach einem Jahr nervte Manfreds Aufmerksamkeitsbedürfnis mehr, als es seine Geschenke wert waren. Sie bat um Abstand, doch er intensivierte nur seine Bemühungen. Fast täglich rief er sie an, steckte ihr Nachrichten in den Briefkasten und schlich um ihr Haus.

Sie beschreibt dem Gericht den Teufelskreis aus seiner Verfolgung und ihrer Ablehnung, die er mit Wut und Beschimpfungen quittiert - und mit noch mehr Verfolgung. Einmal habe Matzke zu ihr gesagt, "ihm wäre alles egal". Da habe sie Angst bekommen und wollte eine einstweilige Verfügung erwirken. Sie dachte, dafür sei die Polizei zuständig: "Ich wollte nur, dass Ruhe ist." Die zog nach ihrer Anzeige tatsächlich ein.

"Noch jeht's"

"Geht es Ihnen nicht gut?", fragt der Richter den blassen Matzke, dessen Hand Richtung Herzen greift. "Noch jeht's" antwortet der Angeklagte mit gepresster Stimme. "Jahrelang hab ich das gehört", kommentiert die Zeugin diese Mitleids-Show.

Doch wie deutlich hat Brigitte Rotmann seine Offerten abgelehnt? Manfred Matzke will den Wunsch nach Kontaktabbruch jedenfalls nicht bemerkt haben. Auch habe er der ehemaligen Schulkameradin nicht aufgelauert. Er würde eben im selben Supermarkt einkaufen und dieselbe Sparkasse aufsuchen. "Da denkt sie, ick hab uff sie jewartet." Dazu sei er aus gesundheitlichen Gründen gar nicht in der Lage. Nur an ihrem Briefkasten sei er täglich gewesen - um ihr Geld und Zigaretten herein zu stecken. "Dit fand sie jut."

Verfolger über das Verhältnis im Unklaren gelassen

Hinter verschlossenen Türen beschließt das Gericht die Einstellung des Verfahrens: Durch die Annahme seiner Geschenke habe Rotmann ihren Verfolger über das Verhältnis im Unklaren gelassen.

Unterdessen warten der Angeklagte und die Zeugin gemeinsam auf dem Flur. Dort schleicht sich Matzke an sein Opfer: "Du, wart mal! Darf ick dir das jeben", fragt der dünne Mann und reicht der entgeistert guckenden Rotmann einen gelben, klein gefalteten Briefumschlag. "Manfred! Sprich mich nicht an!", sagt diese und meldet den Vorfall gleich dem Richter. Am Urteil ändert das nichts.

* Namen von der Redaktion geändert


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