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"Icke muss vor Jericht" Bekenntnisse eines Kleptomanen


Auf der Suche nach dem ultimativen Kick wird ein Mann zum Kleptomanen. Zweimal wird er erwischt und zu Bewährungsstrafen verurteilt. Im Prozess muss er zeigen, dass er die Lust am Stehlen bekämpft.
Von Uta Eisenhardt

Allein schlenderte er über den Weihnachtsmarkt, zwei Wochen zuvor hatte ihn seine Freundin verlassen. Er rauchte einen Joint und trank viel Glühwein. Dann betrat er das Kaufhaus. Ohne auf die Überwachungskameras zu achten, stahl er völlig sinnlose Dinge: Einen Jahresplaner, Zahnbürstenaufsätze – Schnulli eben.

Auf der Rolltreppe habe ihn die Vernunft eingeholt, beteuert Gerald Weise* dem Richter. Er habe an seine Bewährung gedacht und an die Gespräche in der Selbsthilfegruppe für Kleptomanen. Auf einen Glastisch, der vor der Rolltreppe stand, wollte er sein Diebesgut legen. So weit sei er nicht mehr gekommen. Zwei Detektive lösten sich aus dem Menschengedränge und führten ihn in ihr Büro.

Dort konnte der vorbestrafte Dieb nur noch den Schaden begrenzen. Das Taschenmesser musste weg, bevor man seinen Rucksack durchsuchen würde, erzählt der sportliche Brillenträger unter vier Augen. Es gelang ihm, das strafschärfende corpus delicti nebst einem Taschentuch aus dem Rucksack zu holen. Demonstrativ schnäuzte er sich die Nase und warf das Taschentuch mit dem darin eingewickelten Messer in einen Papierkorb.

Es darf nichts mehr passieren

So lautet die Anklage nur auf einfachen Diebstahl, nicht auf Diebstahl mit Waffen. Weises Erklärung aber glaubt der Richter nicht. Zu viele Diebe sagen, sie hätten die Sachen gar nicht aus dem Laden tragen wollen, sie seien im Begriff gewesen, ihre Taschen zu leeren, nur die Detektive waren leider schneller. Der Angeklagte wird zu einer Haftstrafe von drei Monaten verurteilt, fünf Jahre lang darf er keine Straftaten begehen – das ist die längstmögliche Bewährungszeit. Sollte der 51-Jährige je wieder wegen eines Eigentumsdelikts vor dem Richter stehen, ist ihm der Knast sicher. Er weiß: „Es darf nichts mehr passieren.“

Nach dem Prozess verabreden wir uns im Kaufhaus. Ich erwarte eine Einführung in Verkaufspsychologie: Was ist es genau, das den Käufer zum Kaufen und den Kleptomanen zum Stehlen verführt? Beim Rundgang durch die Abteilungen bezeichnet der Basecap-Träger mit den schwarz gefärbten Haaren das Arrangement der Waren nebst einlullender Musik als „psychische Abzocke“, die einen zum fremdgesteuerten, sinnlosen Konsum verführe. In meiner Gegenwart aber würden ihn die hier angebotenen Produkte kalt lassen – „wie ein nackter Schweinearsch.“ Zum Klauen gehöre eine gewisse Grundstimmung, ein Schlendern, ein selbstversunkenes sich Treiben-Lassen. Nicht nur der Käufer, auch der Dieb will überredet werden.

Kick des Klauens

Er sei ein Adrenalin-Junkie, erklärt Gerald Weise. Ein risikobereiter dazu. Jahrelang habe er sich seinen Kick beim Fußballspielen geholt. Bis zu seinem 20. Lebensjahr stürmte der kleine Schnelle in der Bezirksliga. Nach einer missglückten Knie-Operation verlegte er sich aufs Radfahren, auf extremes Radfahren. Auf extrem gefährliches Radfahren. Im Ganzkörper-Panzer ging es mit 70 Stundenkilometern bergabwärts durch den Wald. Noch heute bekommt er leuchtende Augen, wenn er davon erzählt. „Sex dagegen ist langweilig und ich meine richtig guten Sex“.

Nach zwei schweren Stürzen gibt der Heilerzieher auf: „Ich habe jahrelang Rollstuhlfahrer betreut, aber ich will nicht der Betreute sein.“ Woher soll nun das Morphin kommen? Weise entdeckt den Kick des Klauens. Schon als 17-, 18-jähriger Punk hat er das getan, damals noch mit politischem Anspruch: „Den imperialistischen Unternehmen muss ans Bein gepisst werden.“ Damals waren Hertie und Karstadt seine Reviere, im Tante-Emma-Laden klauen gehörte sich nicht. Auch 25 Jahre später hielt er sich an große Einkaufshäuser, in denen er am liebsten Klamotten und CD ´s mitgehen ließ.

Pawlowscher Reflex

Bis zu seiner ersten Verurteilung bevorzugte er einen Elektronikmarkt am Alexanderplatz. Dort gab es ein gruftiges Kellergeschoss mit vielen unbeobachteten Ecken. „Und dann stehste da mit einem Stapel CD ´s und hörst die durch. Auf einmal hast du das Gefühl, unbeobachtet zu sein. Plötzlich kriegste dieses Brummen im Kopf, du schwitzt literweise, der Schweiß rinnt dir unter den Armen, wie vor einem großen Rennen – das ist wie ein Pawlowscher Reflex. Du stehst neben dir. Ein Gedanke ergibt den anderen - es ist geil, etwas Verbotenes zu tun – es ist wie ein Rausch!“

Einmal übertrieb er dann: 17 CD ´s und zwei DVD ´s platzierte er in Jacke, Hose und Rucksack. Dazu noch eine 600 Euro teure Spiegelreflexkamera. Nur den Aufkleber auf deren Karton hatte er übersehen. Als die Detektive ihn durchsuchten, fanden sie sein Taschenmesser. Eine Woche verbrachte er in Untersuchungshaft. Wegen Diebstahls mit Waffen wurde er zu acht Monaten auf Bewährung verurteilt. Die zweite Bewährungsstrafe kommt nun dazu, eine weitere wird es wohl kaum geben. Gerald Weise muss ein anderes Gebiet finden, das ihn glücklich macht. Aber was könnte das sein?

"Das Selbstgespräch ist böse"

Regelmäßig besucht er eine Selbsthilfegruppe für Kleptomanen. Oft kommt ein älterer Mann, der trotz dreier Bewährungsstrafen immer wieder in Baumärkten stiehlt und mit Bangen auf seinen bevorstehenden Prozess wartet: Sicher muss er ins Gefängnis, dann will ihn seine seit 40 Jahren Angetraute verlassen. Zum festen Kreis gehört auch eine Frau, die seit 25 Jahren von ihrem Mann gedemütigt wird und erst recht wegen ihrer Kleptomanie: Sie könne ja noch nicht einmal allein einkaufen gehen. Einmal monatlich sprechen sie 90 Minuten lang über ihre Last mit der Lust am Stehlen.

Ein paar Strategien hat Gerald Weise inzwischen entwickelt: Zettel schreiben, ist eine Möglichkeit. Rein in den Laden, Liste abarbeiten, raus aus dem Laden. Sich begleiten lassen hilft auch: „Dann ist man ja nicht losgelöst mit seinen Gedanken, das Selbstgespräch ist ja das Böse.“ Supermärkte lösen diesen Impuls nicht bei ihm aus: „Da gehe ich nicht schlendern. Da schaue ich nicht, ob der Käse passt oder die Wurst mir steht.“

Beim Abschied überlegt er, was passieren könnte, wenn ihn jemand beim Lesen des Textes erkennt. Ach was, beruhigt sich der passionierte Reggae-Musiker. „Eric Clapton war auch ein Ladendieb.“

* Name von der Redaktion geändert


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