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"Icke muss vor Jericht": Betäubt für Pflegestufe II

Um für eine Patientin eine höhere Pflegestufe zu erhalten, verabreicht die Wohnbereichsleiterin eines Pflegeheims ein Beruhigungsmittel, bevor diese begutachtet wird. Das Experiment geht schief, jetzt musste sich die Pflegerin vor Gericht verantworten.

Von Uta Eisenhardt

Ausgerechnet an dem Tag, als die Kommission über die Pflegestufe einer Patienten entscheiden will, gibt sich diese besonders agil und will aus dem Bett aufstehen

Ausgerechnet an dem Tag, als die Kommission über die Pflegestufe einer Patienten entscheiden will, gibt sich diese besonders agil und will aus dem Bett aufstehen

Apathisch und speichelsabbernd lag Frau Kuschel* in ihrem Bett. Ohne Zögern änderten die Gutachter vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen deshalb ihre Pflegestufe von I auf III. Dann verließen sie das Heim. Sie bekamen nicht mehr mit, dass die 86-Jährige zusammenbrach, sich übergab, kaum noch Luft bekam und über Stunden in einen komatösen Schlaf fiel.

Das allein ist in einem Pflegeheim nicht ungewöhnlich, doch kurz nach dem gutachterlichen Besuch erreichte die Staatsanwaltschaft eine anonyme Anzeige: Auf mehreren Seiten schilderte ein Insider den wahren Grund für die Hinfälligkeit der alten Dame. Um bei Begutachtungen höhere Pflegestufen zu erreichen, würde in diesem Pflegeheim systematisch das Beruhigungsmittel "Dipiperon" verabreicht.

Offensive Selbstbezichtigung

Jahrelang ermittelte die Staatsanwaltschaft gegen sieben Mitarbeiter, eine von ihnen ist die damalige Wohnbereichsleiterin Sigrid Müller*. Die heute 62-Jährige hatte sich gleich nach Bekanntwerden der Vorwürfe bezichtigt, der alten Dame das Medikament verabreicht zu haben - auf Anweisung einer Ärztin. Die hätte gesagt: "Wenn alle Stricke reißen, nehmen wir eben Dipi." Die Selbstanzeige blieb nicht ohne Folgen: Sigrid Müller wurde umgehend vom Dienst suspendiert und kurz darauf gekündigt.

Vier Jahre später findet ihr Prozess statt. Der inzwischen verrenteten Krankenschwester werden gefährliche Körperverletzung, Freiheitsberaubung und Betrug vorgeworfen. Ruhig schreitet die kleine, grauhaarige Frau an der Seite ihres Verteidigers. Sie wirkt gefasst und versteckt sich nicht vor den Kameras der Pressefotografen.

Ein folgenreicher Scherz

Frau Kuschel sei eine Schlaganfall-Patientin gewesen, der die Pflegestufe II gebührte, erklärt die Angeklagte dem Gericht. Der alten Dame sei jedoch nur die Pflegestufe I bewilligt worden. "Das ist ungerecht für die anderen Patienten, denn nach der Pflegestufe berechnet sich das Personal", sagt Sigrid Müller. Die Pflege müsse schließlich erbracht werden, darum werde die nicht bewilligte, aber dennoch benötigte Zeit von anderen Patienten abgeknapst.

Durch den Besuch der Gutachter sollte das korrigiert werden. Doch ausgerechnet an diesem Tag war die Patientin unruhig und wollte unbedingt ihr Bett verlassen. Da habe sie ihr Dipiperon-Saft verabreicht - ohne ärztliche Rücksprache, wie sie versichert. Frau Kuschel habe "enorm auf das Medikament reagiert. Das wollte ich nicht. Es ist genauso passiert, wie ich es nicht wollte."

Sigrid Müller verschanzt sich nicht hinter Anweisungen von höherer Stelle und nimmt die Schuld auf sich. Dem Gericht erklärt sie, der Spruch der Ärztin sei nur ein Scherz gewesen, den sie in ihrer angespannten Verfassung zu ernst genommen habe. "Wir dürfen nur auf schriftliche Anweisung arbeiten. Ich aber wollte es immer allen recht machen und habe es stark übertrieben", sagt die Angeklagte

Psychische Probleme und subtiler Druck

Sie erklärt sich das Missverständnis mit der Belastung, der sie damals ausgesetzt gewesen war: Seit 2001 habe sie in dem Heim gearbeitet. Anfangs sei die Leitung gut und der Personalschlüssel ausreichend gewesen. Als sich das änderte, stieg die körperliche Belastung. Ihre arthritischen Gelenke schmerzten, schon zwei Stunden nach Schichtbeginn musste sie sich mit Medikamenten betäuben, "um den Dienst überhaupt durchzustehen." Zu den körperlichen Schmerzen gesellten sich seelische Belastungen durch die Pflege ihres 25 Jahre älteren Mannes und die Sorge um ihre selbstmordgefährdete Tochter. "Ich hab so unter Stress gestanden, dass ich Scherze nicht mehr begreifen konnte", sagt sie. Das sei ihr während einer Psychotherapie klar geworden.

Doch ist das die wahre Erklärung? Der Staatsanwalt wundert sich, auch der Richter fragt nach, ob denn kein Druck von der Heimleitung gekommen sei? "Jede Woche wurde die Anweisung wiederholt, dass wir auf die richtigen Pflegestufen achten sollen", gibt die Angeklagte zu. "Wir mussten uns rechtfertigen, wenn bestimmte Pflegestufen nicht durchgekommen sind." Der Richter resümiert: "Auf subtile Weise wurde ein gewisser Druck ausgeübt." Dem widerspricht Sigrid Müller nicht.

Verständnisvoller Ankläger

Hinter verschlossenen Türen beschließen die Juristen, den Vorwurf der Freiheitsberaubung und des Betruges fallen zu lassen: Die Patientin Kuschel war bald darauf erneut begutachtet und in die Pflegestufe II sortiert worden. Ob diese wirklich zutraf, hätte man aufwändig ermitteln müssen, meint der Richter. Außerdem habe die Angeklagte von der höheren Pflegestufe nicht unmittelbar profitiert.

Die Vergabe eines Medikamentes ohne ärztliche Anweisung sei ein Gift, argumentiert der Staatsanwalt in seinem Plädoyer. Das ist aber auch schon alles, was er der Angeklagten ankreidet. Er lobt ihre Selbstbezichtigung, ist sich "absolut sicher, dass diese Angeklagte nie wieder straffällig wird" und fordert neun Monate Haft zur Bewährung.

Einen langen Prozess vermieden

Der Verteidiger erinnert daran, dass seine Mandantin mit ihrer Aussage einen längeren Prozess vermeiden wollte. Nach Abschluss der Verhandlung wird er andeuten, was er mit diesen Worten meinte: Hätte Sigrid Müller darauf beharrt, auf Anweisung der Ärztin gehandelt zu haben, hätte das Gericht noch viele Zeugen vernehmen müssen. Es wäre zu einem ausgedehnten Prozess gekommen und obendrein zu weiteren Verhandlungen, etwa gegen die Ärztin. "Das ist eine große Belastung", sagt der Verteidiger. Darum habe seine Mandantin "ein großzügiges Geständnis abgelegt."

Der Richter verurteilt die Angeklagte zu acht Monaten Haft auf Bewährung. Die Tat sei keine Bagatelle gewesen, habe aber keine gravierenden Folgen gehabt: Schon am nächsten Tag sei Frau Kuschel wieder aufgestanden. Möglicherweise habe die Ärztin damals wirklich gescherzt, erklärt der Richter, allerdings "müsste dieser Scherz schal aufstoßen." Er wertet das Geschehen als einmaligen, bedauerlichen Ausrutscher.

So einmalig aber kann das Geschehen kaum sein, wenn der Staatsanwalt während des Prozesses einige Zeilen aus einer Broschüre namens "Die Wahrheit" zitiert, die sich wie die Anleitung zur Tat anhören: Bei Pflegebedürftigen, die den medizinischen Gutachtern nicht den gewünschten Anblick bieten könnten, so der Autor Jean Dubois, "muss man manchmal nachhelfen."

* Namen von der Redaktion geändert