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"Icke muss vor Jericht": Biete Lehrstelle, suche Sex

Ein 17-Jähriger sucht händeringend eine Lehrstelle. Eine Anzeige verspricht Hoffnung, doch sie ist geschaltet von einem skrupellosen Kriminellen, der die Unerfahrenheit seines Opfers für seine sexuelle Befriedigung nutzt.

Von Uta Eisenhardt

Nach dem Missbrauch durch seinen vermeintlichen Arbeitgeber, zog sich das Opfer über Wochen zurück

Nach dem Missbrauch durch seinen vermeintlichen Arbeitgeber, zog sich das Opfer über Wochen zurück

Zum Vorstellungsgespräch trug der 17-jährige Enrico Wenig* eine silberne Hose mit einem roten Farbfleck. Der war winzig, doch sein Gegenüber entdeckte ihn sofort: Fürsorglich holte Uwe Kresslick* einen nassen Schwamm und ein Messer, dann betupfte er die verschmutzte Stelle und kratzte sie weg. Es war der Auftakt zu einer widerlichen Vergewaltigung, doch davon ahnte der Jugendliche in diesem Moment nichts.

Vor drei Tagen hatte er den 57-Jährigen in Begleitung seiner Mutter besucht. Sein zukünftiger Lehrherr, ein untersetzter Mann mit grobem Gesicht, hatte seine Bewerbungsmappe angeschaut, Enrico wollte Maler werden. Seine erste Ausbildung war am fehlenden Fördergeld gescheitert. Jetzt, Ende September, gab es kaum Lehrstellen. Einen Ausweg versprach die Anzeige, die Kresslick in einer Boulevardzeitung geschaltet hatte: Er suche Lehrlinge und nehme auch Problemfälle, die bereits eine Ausbildung abgebrochen hätten.

Gemeinsam fuhren Mutter und Sohn aus ihrem brandenburgischen Vorort in die noble Berliner Villengegend, wohin Kresslick sie bestellt hatte. Freundlich begrüßte er seine Besucher. Leider müsse er im Wohnzimmer empfangen, sein Büro werde gerade renoviert. Er reichte Mappen herum, von den Häusern, die er saniere, und telefonierte mit anderen Bewerbern. Drei Jahre sollte die Ausbildung bei ihm dauern. Es käme ihm nicht auf die Zeugnisse sondern auf das Können an. Wer die Berufsschule nicht ernst nehme, fliege raus. Gern wollte er den großen, rotblonden Jungen mit dem kindlichen Gesicht ausbilden. Der solle aber nicht gleich "Ja" sagen, sondern sich das Angebot durch den Kopf gehen lassen.

Überrumpelt und missbraucht

Was gab es da zu überlegen? Am nächsten Tag rief der Jugendliche an und vereinbarte einen Termin. Diesmal konnte ihn seine "Mutti", wie er sie nennt, nicht begleiten, aber sein zukünftiger Lehrherr schien sowieso wenig von elterlicher Anwesenheit zu halten. Enrico erschien überpünktlich. Kresslick erklärte, sie müssten noch auf den Lehrausbilder warten. Der verspäte sich wegen eines Unfalls. Dann erzählte der grauhaarige Mann von Berufsschule und Arbeitsabläufen, der Lehrausbilder ließ auf sich warten.

Ob sein Besucher derweil einen Film gucken möchte, habe Kresslick gefragt und zwei, drei DVD ´s mit Actionfilmen eingelegt. "Das hat nicht funktioniert", schildert der junge Zeuge dem Amtsrichter. Er schwitzt vor Aufregung. Der Angeklagte habe es mit einem Porno probiert: "Der hat dann funktioniert."

Während sein Gegenüber sich telefonierend auf dem Bett lümmelte, beschlich Enrico ein ungutes Gefühl: "Er hatte einen am Telefon, den hat er mir gegeben." Vom Mann am Hörer erfuhr der Jugendliche: "Er habe gehört, dass ich cool drauf sei und er würde sich auch gern mit mir treffen." Spätestens jetzt hätte ein Erwachsener das miese Spiel durchschaut, doch Enrico hoffte auf seinen Ausbildungsplatz. Er hoffte selbst, als sich sein Gegenüber erhob, das Licht ausmachte und die Jalousie herunter zog. Dann griff Kresslick ihm zwischen die Beine, zog dem Überrumpelten die Hose herunter und nahm dessen Penis in den Mund. Entgeistert sagte der Minderjährige, er sei doch nicht wegen so etwas hier. Das beeindruckte seinen Peiniger überhaupt nicht.

Das Messer! Enrico fiel ein, dass Kresslick seit dem Reinigen der Hose den Raum nicht verlassen hatte. "Ich war total starr, wie unter Schock", sagt er vor Gericht. Erst als der Täter von ihm abließ, traute er sich zu gehen. "Das bleibt unter uns", hörte er zum Abschied. Beim nächsten Mal könne er sich 50 Euro abholen - für die Wartezeit.

Gequälte Kinderseele

Unter Tränen schilderte der Jugendliche seinen Eltern das Vorgefallene. "Die Zeit danach war nicht schön", sagt seine Mutter, eine bodenständige Frau mit Brille und blondiertem Haar. Hatte Enrico vor diesem Septembertag schon sexuelle Erfahrungen gemacht? "Mit Mädchen", meint seine Mutter. Ob er mit denen mehr als nur geknutscht hatte, weiß sie nicht.

Ihr Sohn hätte damals am liebsten alles verbrannt, was er auf dem Leib getragen hatte. Wochenlang verkroch er sich in seinem Zimmer, heulte nachts und schrie. Immer wieder musste sie ihn aus seinen Alpträumen wecken. Radikal veränderte Enrico sein Äußeres: Er ließ sich die Haare zum angedeuteten Iro stutzen sowie Piercings in Unterlippe und Augenbraue stechen. Seine Mutter weiß, warum: "Er will älter und gefährlicher aussehen."

Kein Missbrauch, keine Vergewaltigung

Ist das Geschehene eine Vergewaltigung? Kresslick hat unverdientes Glück: Weil sein Opfer sich so wenig wehrte, verneinte die Staatsanwaltschaft diese Frage. Andernfalls hätten sich die Richter des Landgerichts sehr gründlich mit der Gegenwart des Messers beschäftigen und eine Haftstrafe von mindestens drei Jahren verhängen müssen. Die Staatsanwaltschaft entschied sich auch gegen eine Anklage wegen Missbrauchs von Schutzbefohlenen, der mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft werden könnte: Zwischen Enrico Wenig und Uwe Kresslick bestand schließlich noch kein Lehrvertrag. Übrig blieb eine Beleidigung in Tateinheit mit Verbreiten von pornografischen Schriften, Höchststrafe zwei Jahre.

Die Staatsanwaltschaft schlug vor, den Fall mit einem schriftlichen Urteil über 3000 Euro (100 Tagessätze) Geldstrafe zu beenden. So könnte dem Jugendlichen wenigstens die Aussage als Zeuge erspart werden. Doch der vielfach vorbestrafte Betrüger, der knapp vier Wochen vor der Tat aus dem Gefängnis entlassen worden war, legte Einspruch ein.

Eindeutig minderjährig

Richter und Staatsanwältin können das nicht verstehen: Zwei Mal bieten sie der Verteidigerin an, die Geldstrafe zu akzeptieren, die Kresslick auch abarbeiten könnte. Doch die Anwältin beharrt auf Durchführung der Verhandlung. In dieser versichert sie allen Ernstes, ihr Mandant räume zwar den Oralverkehr mit dem Jugendlichen ein, habe aber nicht gewusst, dass dieser minderjährig sei. Dabei stand Enricos Geburtsdatum auf dem Deckblatt seiner Bewerbungsmappe! Die habe sich der Angeklagte nur fünf Minuten angeschaut, erklärt die Verteidigerin in ihrem Plädoyer. Sie jedenfalls könne keinem Jugendlichen sein Alter ansehen. Auch die mütterliche Begleitung besage nichts. Die Verteidigerin stellt sich 200 Euro Geldstrafe (40 Tagessätze) vor.

Es ist eine schwache Antwort auf die Argumente der Staatsanwältin: Die meinte, das Opfer habe "wahrlich nicht wie ein erwachsener Mann gewirkt." Außerdem müsse Kresslick das Geburtsdatum seines Opfers auf den Bewerbungsunterlagen förmlich angeschrien haben. "Er hat ihn erniedrigt, gedemütigt und zum Opfer seiner Begierde gemacht - eine Beleidigung, wie man sie sich schlimmer nicht vorstellen kann", sagte die Anklägerin. Enrico sei voller Hoffnung zum Angeklagten gegangen und habe viel zu lange Sachen mitgemacht, die er nicht wollte. An dieser Stelle schniefte der 17-Jährige leise in sein Taschentuch. Sechs Monate Haft forderte die Staatsanwältin, selbstverständlich ohne Bewährung.

Dem folgt der Richter ausnahmslos. Besonders übel nimmt er dem Angeklagten, dass er Enrico nach der Tat anbot, sich beim nächsten Besuch 50 Euro abzuholen: "Das hat die Herabwürdigung noch verstärkt."

Mit diesen Worten ist die Angelegenheit sicher nicht beendet. Kresslick wird in Berufung gehen und Enrico sich wohl noch einmal an die Dinge erinnern müssen, die er so gern vergessen würde. Wenigstens fand er inzwischen eine neue Lehrstelle, er wird jetzt Tischler.

* Namen von der Redaktion geändert