"Icke muss vor Jericht" Das faule Mandat


Wie schlage ich Profit aus einem gestohlenen Wagen ohne Fahrzeugpapiere? Ganz einfach, ich verlange Lösegeld, dachte sich ein Auto-Dieb und engagierte dafür einen Anwalt. Der sitzt nun selbst auf der Anklagebank. Neues von Uta Eisenhardt aus dem Berliner Amtsgericht.

Im Dezember 2006 bekam der Gebrauchtwagenhändler Stephan Wernitzki* Besuch von einem Kunden, der sich für einen silberfarbenen Mercedes E 220 CDI interessierte. Der Autohändler war skeptisch, denn der glatzköpfige Mann sah nicht so aus, als ob er sich ein Auto für 22.000 Euro leisten könnte. Dennoch gab Wernitzki ihm den Autoschlüssel. Martin Räder* startete probehalber den Motor. Dann tauschte er den echten Schlüssel gegen einen falschen, den hatte er mitgebracht. Er wartete, bis niemand mehr auf dem Hof war. Mit dem gestohlenen Schlüssel öffnete er das Fahrzeug und fuhr vom Hof.

Der Coup hatte nur einen Haken: Ein Auto ohne Papiere ist nahezu unverkäuflich. Räder heckte einen neuen, von verzweifelter Geldnot getriebenen Plan aus. Er wandte sich an Rechtsanwalt Sebastian Krause* und erzählte dem eine Geschichte: Er sei Jan Schneider und wüsste, wo sich ein gestohlenes Fahrzeug befände. Für dieses Fahrzeug sei eine Belohnung ausgelobt worden. Die könne er sich jedoch nicht direkt abholen, das wäre Krauses Job.

Woher er diese Informationen habe, wollte der Anwalt von seinem ungewöhnlichen Mandanten wissen. Er habe den Tipp von einer Mitarbeiterin der Detektei Fischer bekommen, mit der sei er befreundet, antwortete Räder alias Schneider. Die Frau habe ihm E-Mails übergeben, die zwischen der Detektei und dem Autohändler gewechselt wurden. Sie würde aber Probleme bekommen, wenn Schneiders Name bekannt würde.

Für seine Bemühungen sollte der Anwalt 1190 Euro Honorar bekommen. Einen Vorschuss konnte der glatzköpfige Mann dem Anwalt nicht zahlen. "Er sagte, er hat überhaupt kein Geld", erinnert sich Sebastian Krause. Doch warum nahm er das Mandat überhaupt an? "Ich fand es sehr merkwürdig, habe aber nicht weiter darüber nachgedacht", sagt der 38-Jährige, dessen Kanzlei in Berlins Szenebezirk Prenzlauer Berg sitzt. Dazu passt auch sein lässiges Erscheinungsbild: Er trägt Pullover statt Anzug, die glatten, dunklen Haare fallen ihm auf die Schultern. "Ich habe es nicht für möglich gehalten, dass der den Wagen geklaut hat. Es wäre mir nicht im Traum eingefallen, dass jemand die Belohnung für ein gestohlenes Auto fordert." Jan Schneider habe auf ihn zwar einen schmierigen Eindruck gemacht, doch er habe sich gesagt, geh nicht immer vom ersten Eindruck aus, beteuert der naive Jurist. Nun muss er sich wegen Erpressung verantworten.

Räder alias Schneider habe ihm auch den E-Mail-Verkehr zwischen der Detektei und dem Autohändler gezeigt. In der ersten Mail, die der Anwalt las, schrieb die "Detektei Frank Fischer" dem Händler, in Polen sei ein Mercedes E 220 CDI zur Ersatzteilgewinnung angeboten worden. Es würde sich dabei um den Wagen handeln, der Wernitzki zuvor gestohlen worden sei. Wenn er ihn wieder bekommen möchte, solle er "einen Betrag als Belohnung für Hinweise zur Wiederbeschaffung des Fahrzeuges" ausloben.

Mails empfand er des Händler als unseriös

Der Anwalt las auch die Antwort: "Toll, dass es sich bei dem Fahrzeug um mein Auto handelt", hatte Wernitzki geschrieben und versprochen, 5000 Euro für die Rückführung zu zahlen. Diese Zeilen entstanden in Zusammenarbeit mit dem Landeskriminalamt, an das sich der skeptische Händler sofort gewandt hatte. Wernitzki klammerte sich zwar an die Hoffnung, das wertvolle Auto doch noch zurück zu bekommen. Er empfand die Mails aber als unseriös, denn er hatte keine Detektei mit der Suche beauftragt. "Und warum schreibt mir eine Detektei Fischer irgendwelche E-Mails und tritt nicht persönlich an mich heran?", sagt der kleine, jungenhaft wirkende Mann dem Gericht. Er habe in seiner Branche gelernt, kriminelle Phantasie zu entwickeln: "Überall wo Bargeld fließt, gibt es Ansatzpunkte für kriminelles Handeln", erklärt Wernitzki.

Drei Tage nach Räder-Schneiders Besuch meldete sich Anwalt Krause bei dem Händler und fragte ihn, ob er tatsächlich 5000 Euro ausgelobt habe. Wernitzki bestätigte und vernahm Krauses Anliegen. Er willigte ein, müsse aber die Polizei informieren. Der Anwalt hatte nichts dagegen. "Hatten Sie nicht Bauchschmerzen wegen der Polizei", fragt der Richter den Angeklagten. Der schüttelt den Kopf. "Da hatte ich keine. Sonst hätte ich das ganz anders durchgezogen."

Krause versprach dem Autohändler noch, er werde die 5000 Euro in Kommission nehmen und diese erst auszahlen, wenn alles in Ordnung wäre. Fünf Tage später faxte der Anwalt eine Honorarvereinbarung. Darin stand: "Dem Eigentümer ist bekannt, dass Rechtsanwalt Krause nur als Vermittler dient und die Identität des Dritten mit Rücksicht auf die anwaltliche Schweigepflicht nicht preisgeben darf. Jegliche Haftung von Rechtsanwalt Krause ist ausgeschlossen."

Zwiespalt zwischen Schweigepflicht und Mittäterschaft

Eine Woche später übergab der Händler das geforderte Geld an den Juristen, der es sofort auf sein Geschäftskonto einzahlte. Im Gegenzug führte er Wernitzki zu einem Parkplatz vor einem Supermarkt, wo der Mercedes geparkt war. In diesem Moment stürzten sich auch schon mehrere Polizeibeamte auf Sebastian Krause und nahmen ihn vorläufig fest. "Ich war völlig geschockt", sagt der Angeklagte. "Ich habe noch nicht einmal einen Kollegen angerufen." Er habe nicht gewusst, wie er sich in dieser Situation verhalten sollte: Einerseits fühlte er sich an die anwaltliche Schweigepflicht gebunden, andererseits wollte er sich auch nicht zum Komplizen eines Straftäters machen.

Der Anwalt entschied sich, mit der Polizei zu kooperieren. Er gab dem Autohändler sein Geld zurück. Dann rief er seinen Mandanten an und teilte ihm mit, er könne sich das Geld abholen. Martin Räder ließ sich tatsächlich in die Falle locken - noch am selben Abend klickten für ihn die Handschellen. Doch die Beamten staunten nicht schlecht, als ihnen klar wurde, wer ihnen da ins Netz gegangen war: Es war kein gewöhnlicher Autodieb, nein, es war der mit internationalem Haftbefehl gesuchte Millionenbetrüger Martin Räder, dem vier Monate zuvor eine spektakuläre Flucht aus dem Moabiter Kriminalgericht gelungen war!

Er spazierte aus dem Gerichtsgebäude

Damals sollte Räder in einer Verhandlungspause zum Mittagessen geleitet werden. In dem Gangsystem, das nur von Häftlingen und Wärtern benutzt wird, schlug er eine Scheibe ein. Er hielt seinem Aufpasser eine Scherbe an die Kehle, dann fesselte und knebelte er ihn mit vorbereiteten Stoffstreifen, die er sich aus Geschirrhandtüchern gefertigt hatte. Er sperrte den Beamten in eine Zelle, nahm ihm die Schlüssel ab und spazierte aus dem Gerichtsgebäude. Erst vierzig Minuten später wurde seine Flucht entdeckt. Als der Richter zwei Wochen später das Urteil verkündete, war die Anklagebank leer: Elfeinhalb Jahre Haft verhängte er über den ebenso skrupellosen wie intelligenten Betrüger, der mit seinen Taten sogar Alte und Kranke um ihr Eigenheim gebracht hatte.

Sein gutgläubiger Anwalt muss sich nun den Vorwurf gefallen lassen, er habe den Auftrag übernommen, "obwohl Sie zumindest billigend in Kauf nahmen, dass es sich bei Räder um denjenigen handelte, der das Fahrzeug widerrechtlich an sich gebracht hatte und daher keinen Anspruch auf die Zahlung hatte", sagt der Staatsanwalt. Er habe damit Wernitzki zur Zahlung genötigt und Räder bei der Durchsetzung einer unberechtigten Forderung unterstützt.

Der Richter verurteilt Krause dann zwar nicht wegen gemeinschaftlicher Erpressung, aber wegen Begünstigung zu einer Geldstrafe von 7200 Euro (90 Tagessätze). Der Angeklagte sei "ein intelligenter Mann" und ihm sei klar gewesen, "dass da etwas faul war". Es gibt eben Mandate, so der Richter, die darf man einfach nicht annehmen.

*Namen von der Redaktion geändert


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