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"Icke muss vor Jericht": Das Opfer

Irrtümlich wird ein junger Mann mit einem Kriminellen verwechselt. Zivilpolizisten wollen ihn verhaften. Kopflos rennt der Unbescholtene auf eine belebte Straße, wo er fast überfahren wird. Warum reagiert so ein Unschuldiger?

Von Uta Eisenhardt

Der unbescholtene Christoph Geissler* wurde überfallartig von Polizisten verhaftet

Der unbescholtene Christoph Geissler* wurde überfallartig von Polizisten verhaftet

Das Lachen ist Christoph Geissler* vergangen. Durch sein kurzes blondes Haar schimmert deutlich eine Narbe am Hinterkopf. Sie ist nicht das einzige, was von jenem Überfall zurückblieb. Der sportliche Mann mit den traurigen Augen bezeichnet ihn als "einen Unfall, einen mächtigen."

Im Mai 2005 fuhr er mit der Straßenbahn zu seinem Marzahner Wohngebiet. Beim Aussteigen verpassten ihm Jugendliche schwere Kopfverletzungen. Er erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma zweiten Grades, seine Hirnsubstanz wurde geschädigt. Wochenlang lag er im Koma. "Danach war ich ein anderer Mensch", sagt der 28-Jährige. "Ick bin Opfer, wissen Se", sagt er dem Richter. Er sagt es sachlich, nicht mitleidheischend.

Kopflos rannte er davon, als Zivilpolizisten ihm und seinen drei Freunden im Oktober 2007 zuriefen: "Stehen bleiben, Polizei!" Mit erhobener Bierflasche wehrte sich der Verdächtige gegen seine Festnahme, sagen die Polizisten. Dieses Verhalten gilt als Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte. Dabei hatte der Angeklagte überhaupt nichts verbrochen. Der Richter wundert sich: "Es hauen doch immer die Leute ab, die was gemacht haben!?"

Unheimliche Begegnung

Damals tranken vier Freunde eine Runde Wodka mit Orangensaft. Es war kurz vor Mitternacht und Peter, ein Freund von Christoph Geissler, wurde am nächsten Tag 25 Jahre alt. Nur das Bier fehlte noch. Das wollte die Geburtstagsgesellschaft von der nahe gelegenen Tankstelle holen. Auf dem Weg durch die Marzahner Straßen begegneten ihnen vier Jugendliche. Diese fragten provokativ nach Zigaretten und Feuer, pöbelten und zogen dann weiter. "Die waren auf Streit aus", erinnert sich Peter.

Mit je zwei Bierflaschen in der Hand begaben sich die Feierlaunigen auf den Rückweg. Plötzlich stürmten die Jugendlichen aus der Tankstelle und rannten an ihnen vorbei. Einer von ihnen trug eine auffällige schwarz-weiß-karierte Jacke. Zufällig schützte sich auch ein Mitglied der Geburtstagsgesellschaft mit einer ähnlichen Jacke vor der nächtlichen Kälte. Später erfuhren Christoph und seine Freunde, dass die Jugendlichen im Tankstellenshop Schnaps geklaut hatten.

Die Verwechselung

All dies bemerkten die Mittzwanziger nicht. Sie gingen durch die Dunkelheit über schmale Parkwege zu Peters Wohnung. Christoph Geissler lief am Schluss des Quartetts. Plötzlich hörten seine Kumpel die Worte "Stehen bleiben, Polizei!" Der Angeklagte erklärt, er sei von einer dunklen Gestalt erschreckt worden. Die sprang mit einer Waffe in der Hand aus dem Gebüsch. Er habe an die stänkernden Jugendlichen gedacht und sei panisch weggerannt: "Mein Verstand hat gar nicht reagiert, nur mein Körper hat Adrenalin ausgestoßen."

Er lief auf eine breite Allee, betrat die Fahrbahn, auf der ihm zwei Autos entgegen kamen. Das erste Fahrzeug wich aus. Nun hoffte er auf das zweite - "um Hilfe zu bekommen." Er kniete sich vor das Auto und betete, es möge anhalten, sich öffnen. Der Fahrer habe aber lediglich die Scheibe herunter gelassen, er sei nicht einmal ausgestiegen.

Unterdessen holte ihn sein Verfolger ein. Der Beamte rannte mit dem Flüchtenden um das Fahrzeug. Bei der zweiten Runde sprühte er Pfefferspray über das Autodach. Er sei mit einer erhobenen Bierflasche bedroht worden, gab der Zivilpolizist an.

Der unbescholtene Christoph Geissler* wurde überfallartig von Polizisten verhaftet

Der unbescholtene Christoph Geissler* wurde überfallartig von Polizisten verhaftet

"Das hat mich sehr belastet"

Christoph Geissler konnte kaum noch sehen. Dennoch rannte er auf die andere Fahrbahn. Dort sah er ein schnelles Fahrzeug. War das die Verstärkung seiner Verfolger? Er habe dann seinen Schlüssel weggeworfen, aus Angst, "dass die mir meine Wohnung ausräumen." Mit erhobenen Armen habe er sich ergeben. Dennoch überwältigte man ihn: "Ich wurde geschlagen, getreten und gequält." Ein ärztliches Attest bestätigt Hämatome an Hals, Brust und Becken sowie Platzwunden am Kopf. "Das hat mich sehr belastet, es hat mir sehr weh getan", sagt der Geschundene. Bei seinen Worten ahnt man, dass er nicht die körperlichen Schmerzen meint.

Erst beim Anblick von Polizeiautos habe er gewusst, dass er in den Händen von Staatsdienern war. Seinen Freunden ging es ebenso. Sie hätten keine Dienstausweise erkannt, sagen die Zeugen vor Gericht. Dunkle Gestalten hätten ihnen die Bierflaschen aus der Hand geschlagen, sie zu Boden geworfen und gefesselt. Auch sie glaubten, die Streit suchenden Jugendlichen würden sie nun zu Tode treten.

Der Angeklagte ist seit dem Überfall in der Straßenbahn zu 50 Prozent schwerbehindert. Möglicherweise habe er den Ruf "Stehen bleiben, Polizei" akustisch nicht wahrgenommen, vielleicht auch vom Sinn her nicht einordnen können. Er kämpfe mit vielen Schwierigkeiten, berichtet Geissler. "Es werden an die 100 Sachen sein", die nicht mehr so seien wie früher. Gedächtnis- und Gleichgewichtsstörungen, Konzentrations- und Wahrnehmungsschwierigkeiten sowie Verfolgungsangst gehören dazu. Am meisten bedrücke ihn, "dass ich nie sagen kann, wann ich wieder der alte Christoph bin."

Angststörungen nach zwei Überfällen

Nicht nur einmal wurde Geissler zum Opfer, berichtet der psychiatrische Sachverständige dem Gericht. Sieben Jahre vor dem Überfall in der Straßenbahn wurde er von Punks verprügelt und an den Beinen schwer verletzt. Er leide an einer Angststörung, die auch seine Panikreaktion auslöste. Möglicherweise erlitt er bei seiner Festnahme auch einen epileptischen Anfall: Die Polizisten deuteten die versteiften, zitternden Arme und den ebenfalls zitternden Oberkörper als Abwehr.

Der Angeklagte war damals nicht einsichts- oder steuerungsfähig, er wird frei gesprochen. Über die Härte der Polizisten könne man streiten, meint der Richter. In Marzahn käme es aber auf Schnelligkeit an, von dort höre man öfter tragische Berichte. "Für junge Leute ist es eine blöde Situation, wenn man in einer Gegend wohnt, wo man nicht weiß, wie wer reagiert", sagt der Richter.

Christoph Geissler möchte gern von dort wegziehen. Bislang scheitert der Wunsch des gelernten Kochs und Gesundheitskaufmann-Umschülers am Job-Center, das bewillige nicht die Umzugskosten.

Anerkennung und Respekt

Die Polizisten hätten noch nicht mal einen Kasten Bier spendiert, nachdem sich der Irrtum aufklärte, moniert die Verteidigerin nach dem Prozess. Auf Anfrage teilt das Berliner Polizeipräsidium mit: "Ist eine hoheitliche Maßnahme rechtswidrig, eröffnet dies die Staatshaftung ... Der Betroffene kann den darauf gegründeten Schadensersatzanspruch gegenüber dem Land Berlin geltend machen."

Dem Opfer geht es nicht um Geld. Ihm geht es darum, dass man sein Schicksal ernst nimmt.

* Name von der Redaktion geändert

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