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"Icke muss vor Jericht": Den eigenen Kot gespritzt

Wochenlang rätseln die Ärzte. Der kleine Carlos wird und wird nicht gesund. Erst der Chefarzt schöpft einen Verdacht, der sich bald bestätigt. Carlos' eigene Mutter ist der Grund für das lange Leiden. Sie will die Aufmerksamkeit der Ärzte erregen und spritzt dem Kleinen ihren eigenen Kot. Die Frau leidet unter dem Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom.

Von Uta Eisenhardt

Von der Mutter vernachlässigt: Meist lag das kleine Kind blass, matt, hohläugig und graugesichtig in seinem Bettchen

Von der Mutter vernachlässigt: Meist lag das kleine Kind blass, matt, hohläugig und graugesichtig in seinem Bettchen

Der furchtbare Verdacht wurde während der Chefvisite ausgesprochen: Weil die Ärzte seit Wochen keine Ursache für die ständigen Fieberschübe und Blutvergiftungen bei dem 19 Monate alten Carlos herausfinden konnten, äußerte der Leiter der Kinderklinik, man müsse auch an das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom denken. Der erfahrene Mediziner, der in mehreren Kliniken Deutschlands gearbeitet hatte, kannte im Gegensatz zu seinen Kollegen diese seltene psychische Erkrankung: Die Betroffenen verletzen und schädigen die eigenen Kinder, um während der ärztlichen Behandlung Zuwendung zu erfahren und in die Rolle der besorgten Mutter zu schlüpfen.

Spritzen in der Waschtasche

"Wir haben uns sehr schwergetan, den Verdacht in das Spektrum einzubeziehen", sagt der Kinderklinik-Chef. "Aber wenn man Schwierigkeiten hat, eine Krankheit zu diagnostizieren, sollte man auch über andere Dinge nachdenken." Heike Schumann* wurde in den folgenden zwei Wochen genau beobachtet. Darum erkundigte sich die Stationsschwester bei einer Krankenschwester, ob ihr beim Reinigen von Carlos' Krankenzimmer etwas Besonderes aufgefallen wäre.

"Eigentlich nicht", sagte die Befragte. Aber dann fiel ihr doch etwas ein: Spritzen habe sie in der geöffneten Waschtasche der Mutter erblickt. Dies ist nicht ungewöhnlich im Krankenhaus, wo fast alle kleinen Dauerpatienten das nachspielen, was sie täglich erleben. Doch in diesem Fall wurden die am Ende bräunlich gefärbten Spritzen sofort untersucht. In zwei der fünf Spritzen befanden sich Kotreste, die von Heike Schumann stammten.

Seit Februar muss sich die 30-Jährige vor dem Landgericht Berlin verantworten. Zunächst ging die Anklage von versuchtem Mord aus. Sie habe ihrem Sohn ihre eigenen Exkremente über dessen permanenten Venen-Zugang gespritzt, so Staatsanwalt Rudolf Hausmann. Blass, mit umschatteten Augen sitzt die kindliche, schmale Frau vor ihren beiden Verteidigerinnen Brigitte Kolb und Natalie von Wistinghausen. Nur die rosa und hellblaue Kleidung sorgt für etwas Farbe. Ihre glatten, schwarzen Haare wirken glanzlos-struppig, ihre Sitzhaltung eigentümlich starr. Ab und zu bewegen sich ihre Füße. Sie ähnelt so gar nicht der jungen Frau, die Udo Schumann* vor sieben Jahren seiner Mutter als neue Freundin vorgestellt hat.

Vom Onkel missbraucht

Fröhlich, lebhaft und sensibel sei sie gewesen, berichtet Heikes Schwiegermutter Regina Schumann*: "Wir wussten nicht viel von ihr. Sie hat aus dem Alltag erzählt, aber nichts von ihrem Zuhause." Weder die Schwiegermutter noch ihr Mann kannten die psychischen Probleme der jungen Frau. "Für meinen Sohn war sie ein weißes Blatt", sagt die Zeugin.

Erst nach der Katastrophe mit Charlos erfuhr die Familie von Heikes lieblosem Elternhaus, in dem ein alkoholkranker Vater ein Klima von Willkür, Angst und Bedrohung erzeugte. Dazu wurde sie jahrelang von ihrem Onkel sexuell missbraucht. Er soll sie geschwängert haben, das Kind ließ sie abtreiben. Als er der inzwischen 18-Jährigen ankündigte, sich an anderen Kindern vergreifen zu wollen, drohte sie ihn anzuzeigen. Deshalb habe sich der Onkel das Leben genommen.

"Daraufhin ging es mir noch schlechter", lässt die Angeklagte von ihren Verteidigerinnen vortragen. Nach dem Tod ihres Vergewaltigers habe sie angefangen, sich selbst zu verletzen. Sie litt ständig an unerklärlichen Krankheiten, darunter auch Fieberschüben. Möglicherweise machte sie erstmals die Erfahrung, wie man künstlich hohes Fieber erzeugt, vermutet Verteidigerin Natalie von Wistinghausen. Monate verbrachte die damals 20-Jährige in stationärer psychiatrischer Behandlung. Eine Therapie habe sie jedoch stets abgelehnt.

Charlos' Ärmchen wurden immer dünner

Udo Schumann lernte sie kennen, als sie ihre Mutter auf einer Kur besuchte. Er sei der ideale Mann gewesen: Der schwerkranke Frührentner habe sich stets fürsorglich, rücksichts- und verständnisvoll gezeigt, so der psychiatrische Gutachter Holger Wehowsky. Tatsächlich schien die junge Frau psychisch stabil in den Jahren, die sie allein mit Udo Schumann verbrachte. "Ich bereue, dass ich mich meinem Mann nicht anvertraut habe. Er hätte mir sicher geholfen", sagt die Angeklagte durch ihre Verteidigerin.

Die überraschende Schwangerschaft mit Carlos zerstörte das mühsam gefundene seelische Gleichgewicht, so der Psychiater. Es war eine komplizierte Schwangerschaft, sie musste ein halbes Jahr liegen, bevor das Kind auf die Welt geholt wurde. Mit ihm trat ein kleines Geschöpf in das Leben der Angeklagten, welches die Zuwendung forderte, die sie ihm nicht geben konnte, weil sie selbst bedürftig war. Kurz nach der Geburt litt das Kind bereits an einer "Gedeihstörung". Möglicherweise mangelte es der magersüchtigen Mutter schlicht an Einfühlungsvermögen für den Nahrungsbedarf des Säuglings, glaubt Verteidigerin Brigitte Kolb. Als Heike Schumann aus gesundheitlichen Gründen eine zweite Schwangerschaft abbrechen musste, verschlechterte sich der Ernährungszustand des knapp Einjährigen dramatisch. Er nahm drastisch ab, obwohl er ständig hungrig war und nach allem Essbaren gierte.

"Von mangelnder Ernährung kann keine Rede sein. Ich weiß, dass mein Sohn gut kochen kann", sagt Oma und Schwiegermutter Regina Schumann. Sie habe das Paar immer unangemeldet besucht. Doch Carlos' Ärmchen wurden immer dünner, er lernte nicht laufen und sprechen. Im Herbst 2007 wies seine Kinderärztin den knapp neun Kilo wiegenden Jungen in die Klinik ein. Hier wurde ihm am Hals ein permanenter Zugang in die obere Halsvene gelegt, darüber wollte man ihn mit Flüssigkeit versorgen.

Zeuginnen: "Eine liebevolle, überbesorgte Mutter"

Vier Wochen nach seiner Einweisung hatte Carlos über 40 Grad Körpertemperatur. Dies änderte sich auch nicht in den nächsten Tagen, obwohl die Ärzte das Kind förmlich auf den Kopf stellten, es vielen quälenden Untersuchungen unterziehen mussten: "Er wurde gepikst und gepikst", erinnert sich seine Großmutter. "Schon die Vorbereitung zur Darmspiegelung war das blanke Elend. Es war eine Viecherei."

Eine weitere Woche war vergangen, als Carlos das erste Mal auf die Intensivstation (ITS) verlegt werden musste. Die Schwestern hatten sich bereits darüber gewundert, dass die Mutter im Bett ihres Sohnes schlief. Vollends seltsam jedoch fanden sie Heike Schumanns Protest gegen die Verlegung ihres Sohnes auf die ITS. "Ich habe das noch nie erlebt, dass ein Kind nicht auf die ITS verlegt werden soll. Die meisten Eltern sind froh und glücklich, wenn dem Kind geholfen wird", sagt eine Schwester dem Gericht. Der Psychiater erklärt den mütterlichen Protest mit der Angst vor Kontrollverlust.

Die meisten Schwestern, die vor Gericht als Zeuginnen aussagen, beschreiben Heike Schumann als liebevolle, überbesorgte Mutter, die sich aufopferungsvoll um ihr schwerkrankes Kind kümmerte. Doch diejenige Schwester, die am meisten mit Mutter und Kind zu tun hatte, scheint die Angeklagte genauer beobachtet zu haben: "Je schlechter es Carlos ging, um so besser ging es Frau Schumann, um so agiler, um so euphorischer wurde sie. Das fiel auf." Während andere Mütter ihre Kinder küssen und drücken, habe die junge Frau ihr Kind ständig, aber monoton auf dem Arm gehalten, "wie man eine Einkaufstasche trägt."

Meist jedoch lag der kleine Kerl blass, matt, hohläugig und graugesichtig in seinem Bettchen. "Er war kurz davor zu versterben", sagt der Leiter der Kinderklinik. Doch so sehr die Ärzte den Jungen auch untersuchten, sie konnten die Ursache nicht finden. Neun Tage nach seinem ersten Aufenthalt auf der Intensivstation erlitt der Junge wieder eine lebensbedrohliche Sepsis. Er musste erneut auf die ITS, zehn Tage später noch einmal.

"Es gibt keine Entschuldigung"

Vor Gericht gibt Heike Schumann zu, "ihrem Sohn im Oktober/November 2007 sehr geschadet zu haben. "Es stimmt, dass ich meinem Sohn meinen eigenen Stuhl gespritzt habe. Diesen habe ich aus der Toilette auf eine Kanüle gezogen, so dass ein wässriges Gemisch entstand. Ich habe das zwei Mal, möglicherweise auch drei Mal gemacht. Warum ich das gemacht habe und wie ich auf diese Idee kam, kann ich nicht erklären."

Sie habe ihr Kind nicht töten wollen: "Carlos bekam, wenn er Fieber hatte, noch mehr Zuwendung vom Klinikpersonal. Ich habe immer die Schwestern geholt, wenn er Fieber hatte. Dann ging es ihm rasch besser. Von der Intensivstation kam er schnell zurück, sodass ich nie Angst um sein Leben hatte." Sie bereue, was sie ihrem Sohn angetan habe: "Es gibt keine Entschuldigung dafür. Hätte ich mich behandeln lassen, wäre es nicht so weit gekommen", verlesen die Verteidigerinnen.

Die Angeklagte selbst bezeichnet es als größte Strafe, ihren Sohn nie mehr sehen zu können. Carlos sei ihr Wunschkind gewesen, das sie geliebt habe und immer noch liebe. Am Tag der Entdeckung ihrer Taten wurde Heike Schumann das Sorgerecht entzogen, später auch das Umgangsrecht. Sie habe ihren Sohn seit über einem Jahr nicht mehr gesehen: "Es macht mich sehr unglücklich und ich vermisse ihn sehr."

Der Kleine lebt nun bei ihrem Mann. Er habe sich gut entwickelt, berichtet seine Großmutter: "Wir sind sehr zufrieden." Ihre Partnerschaft jedoch hat die Angeklagte durch ihr Verhalten endgültig zerstört. Wegen des entzogenen Umgangsrechts musste sie die gemeinsame Wohnung verlassen, das Paar sah sich kaum noch. Udo Schumann verweigert vor Gericht seine Aussage. Statt seiner berichtet seine Mutter, er habe inzwischen die Scheidung eingereicht - zu groß ist der Vertrauensverlust. Lange glaubte er an die Unschuld seiner Frau. Ihr Geständnis wird ihn noch einmal schwer erschüttern.

Urteil: Vier Jahre und sechs Monate Haft

Doch wie kommt eine junge Frau dazu, sich selbst und später ihr Kind zu verletzen? Der Gutachter beschreibt eine Reaktionskette: Das junge Mädchen habe versucht, seine Seele zu schützen, indem es sie von seinem Körper abspaltete. "Wenn man körperlich nicht fliehen kann, flieht man seelisch", so der Psychiater. Weil sie aber unter der eigenen Gefühllosigkeit litt, weil sie sich spüren wollte, begann die 18-Jährige, sich zu ritzen und zu verletzen. "Wenn ich mir etwas antat, fühlte ich mich oft viel besser und war dann sogar zufrieden", heißt es dazu in der Erklärung der Angeklagten.

Carlos habe sie dann dem selben Ritual unterzogen, erklärt der Gutachter: Die Kinder werden von den psychisch kranken Müttern als Teil des eigenen Körpers empfunden und darum so benutzt, wie sie vorher sich selbst benutzt haben. Er spricht davon, dass diese Frauen ihren Opfern das zufügen, was ihnen selbst angetan wurde und so unbewusst ihre traumatischen Erlebnisse ausdrücken. Die Angeklagte sei wegen ihrer Erkrankung nur vermindert schuldfähig, so der Psychiater.

Das Gericht verurteilt Heike Schumann wegen Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht und Misshandlung von Schutzbefohlenen, die sich in drei Fällen der gefährlichen Körperverletzung ausdrückte, zu vier Jahren und sechs Monaten Haft. "Sie haben Ihrem Sohn großes Leid zugefügt", sagt der Vorsitzende Richter Matthias Schertz zur Angeklagten. Das Gericht sei nicht davon ausgegangen, dass sie ihren Sohn habe töten wollen. Sie brauchte ihn schließlich, um ihre Krankheit auszuleben. Aber sie habe die Lebensgefahr ihres Sohnes beabsichtigt und seine Qualen in Kauf genommen.

Der Richter würdigt das Geständnis von Heike Schumann, denn nur selten geben die an Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom leidenden Frauen ihre Taten zu. "Eine Behandlung ist nur möglich, wenn Sie selbst dazu stehen", gibt er der Angeklagten auf den Weg. Obwohl es ihrem Sohn körperlich wieder gut gehe, wird dieser noch lange an den Folgen der Tat zu leiden haben. "Ihm wurde die Mutter genommen und eines Tages wird er erfahren, dass Sie ihn fast tot gespritzt hätten. Damit muss er psychisch fertig werden", so der Richter.

* Namen von der Redaktion geändert

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