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"Icke muss vor Jericht": Der "Auf-dem Boden-Rum-Roll-Trick"

Redakteure eines TV-Magazins inszenierten auf dem Flughafen Berlin-Tegel einen Zwischenfall, um Stoff für einen Beitrag zu haben. Die Polizei fühlte sich genarrt, der Fall landete vor Gericht.

Von Uta Eisenhardt

Angeblich hatte der Boulevard-Redakteuer seinen Flug verpasst und machte für sein Kamerateam Furore auf dem Flughafen

Angeblich hatte der Boulevard-Redakteuer seinen Flug verpasst und machte für sein Kamerateam Furore auf dem Flughafen

Dieses You-Tube-Video kursierte in der Redaktionskonferenz: "Crazy Chinese woman missed her flight in Hongkong International Airport". Es zeigt eine Chinesin, die sich hysterisch schreiend auf dem Boden der Empfangshalle wälzt, als sie erfährt, dass ihr Flugzeug zwar noch nicht abgeflogen, aber der Check In endgültig beendet sei. Man ließ sie nicht mitfliegen, so sehr sie auch schrie und tobte.

Sat1 wollte nun fürs Frühstücksfernsehen testen, wie man am Flughafen Tegel mit so einer Situation umgeht. Im Februar 2009 übernahm Christian Dähm*, ein 33-jähriger Redakteur, diesen Job einschließlich Hauptrolle. "Bitte, bitte", rief er am Schalter kurz nach Ende eines Check In. "Bitte, ich habe einen wichtigen Termin!" Theatralisch warf der Laiendarsteller seinen Koffer durch die Gegend, heulte hysterisch, kugelte auf dem Boden herum und ließ sich von niemandem beruhigen. Im gesendeten Drei-Minuten-Beitrag wurde der "Reporter-Selbstversuch" von einem Sprecher befeuert: "Schafft er das mit dem Auf-dem-Boden-Rum-Roll-Trick?"

Fernsehteam lehnt Geldstrafe ab

Ja, er schaffte es, Polizei und Sicherheitskräften einen Schreck einzujagen, erzählen die Beamten. Vorsichtig hätten sie den weggeworfenen Koffer beäugt, aber schnell mitbekommen, dass man sie für heimliche Dreharbeiten eingeplant hatte. Diese Dreistigkeit wollte die Justiz mit Geldstrafen vergolten wissen. Redakteur, Regisseur und Kameramann sollten jeder 1000 Euro (20 Tagessätze) zahlen - wegen Missbrauchs von Notrufen und Beeinträchtigung von Unfallverhütungs- und Nothilfemitteln.

Die drei Angeschriebenen legten dagegen Einspruch ein, es muss verhandelt werden. Zuvor verwandelten die Anwälte des Redakteurs die Geldstrafe in eine Geldbuße: Wenn die 1000 Euro gezahlt sind, wird das Verfahren gegen Christian Dähm eingestellt. Auf der Anklagebank ist jetzt noch Platz für den Regisseur Sirko Leyen* und den Kameramann Philipp Determann*. Aber nur Letzterer erscheint zur Verhandlung, ohne Anwalt, ohne Plan.

"Ich habe mir keine Gedanken gemacht"

"Ich wusste nicht, dass der Beitrag gesendet wurde", lautet sein erster lauwarmer Rechtfertigungsversuch. Der nächste: Er brauche das Geld. "Ich weiß, das ist keine Entschuldigung", fügt Philipp Determann hinzu. Er sei am Morgen angerufen worden, sagt der 36-jährige Vater zweier Kinder, ein unrasierter Blonder im nachlässigen Designer-Chic. Auf dem Weg zum Flughafen habe ihm der Redakteur damals das Video aus Hongkong gezeigt. Das wolle er nachspielen. "Ich habe gefragt, ob er eine Drehgenehmigung hat", sagt der Kameramann dem Richter. Er habe eine, soll Christian Dähm versichert haben. Der Redakteur hatte sich tatsächlich eine solche von der Flughafengesellschaft Berlin besorgt - für eine Berichterstattung über die aktuelle Witterung und deren Auswirkungen auf den Luftverkehr.

"Wie kommen Sie eigentlich darauf, für heimliches Drehen eine Genehmigung zu bekommen", erkundigt sich der Richter. Da muss der Angeklagte passen: "Ich habe mir keine Gedanken gemacht."

Nix gelernt

Der Richter will gleiches Recht für jeden der drei Täter, auch Philipp Determann soll mit einer Einstellung des Verfahrens gegen 1000 Euro Geldbuße davon kommen. "Rufen Sie Ihren Sender an, ob der das für Sie zahlt. Ich nehme an, bei Herrn Dähm haben die das gemacht", empfiehlt der Vorsitzende.

Doch der Kameramann erreicht niemanden. Er versucht es mit einem letzten Mini-Protest: "Ich finde ja eigentlich, dass ich nicht so wie der Herr Dähm..." Mitten in der Ausflucht bleibt er stecken. Er ist intelligent genug, um zu begreifen, was er falsch gemacht hat - der Richter sagt es ihm gern noch einmal: "Sie haben einen Einsatz der Bundespolizei ausgelöst, haben bei den Umstehenden Angst provoziert und das für einen reißerischen Beitrag. Das Privatfernsehen kann nicht auf Kosten der Öffentlichkeit Gewinne einfahren!"

Um diese Nachricht zu verbreiten, informierte der Richter eigens die Presse über den Verhandlungstermin. Einige Journalisten sind der Einladung gefolgt. Nur die Vertreter der Boulevardmedien fehlen.

* Namen von der Redaktion geändert