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"Icke muss vor Jericht": Der brave Busfahrer Stolle

Eine Mutter fährt mit ihren Kindern Bus. Durch die Unaufmerksamkeit des Fahrers bleibt ihr vierjähriges Kind allein an der Haltestelle zurück. Außer sich vor Wut beschimpft und beleidigt die Frau den ihrer Meinung nach Schuldigen. Am Ende steht nicht der Busfahrer vor Gericht, sondern die schockierte Frau.

Von Uta Eisenhardt

Naciye Yildiz* will mit ihren vier Kindern aus einem überfüllten Bus aussteigen. Wegen des sperrigen Doppelwagens, den sie für ihre beiden Jüngsten dabei hat, lässt sie den anderen Fahrgästen den Vortritt. Am hinteren Ausgang geleitet sie die vierjährige Hatice nach draußen. Dann steigt sie wieder ein, um den Kinderwagen mit ihrem zweijährigen Kind heraus zu tragen. Die beiden Schulkinder sollen ihr folgen.

Doch soweit kommt es nicht. Kaum ist Hatice aus dem Bus und ihre Mutter wieder eingestiegen, schieben sich die Türen trennend zwischen das kleine Mädchen und ihre Familie. Der Bus fährt weiter. Die Rufe der verzweifelten Mutter erreichen den Fahrer nicht.

"Ich stand unter Schock"

Zwei Stunden später passt Naciye Yildiz den Bus auf seiner Rücktour ab. In einem Wortschwall bezeichnet sie Andreas Stolle* als "Kinderschänder", "Arsch", "Hurensohn", "Wichser" und "Scheiß-Deutscher". Ihr ebenfalls anwesender Bruder ergänzt: "Ich hau dir in die Fresse!" Deswegen müssen die Geschwister im Amtsgericht erscheinen: Die kleine Naciye Yildiz mit dem herben Gesicht, deren langes, dunkles Haar von einer Sonnenbrille mit großen Gläsern zurück gehalten wird und der ebenso kleine Mehmet Yildiz*.

Er sei Personalleiter bei einer Discothek, sagt der 43-Jährige mit der Boxernase. Außerdem würde er noch mit Drogen handeln, nuschelt er kaum hörbar hinterher. Der provokante Satz demonstriert seine Verachtung für das Gericht, das ihn und seine Schwester auf die Anklagebank zitiert - dorthin, wo seiner Meinung nach der Busfahrer sitzen müsste. Von einer Anzeige gegen diesen hat ihm sein Verteidiger abgeraten, der Anwalt hält dies für Zeitverschwendung.

Zunächst schildert die 40-jährige Türkin dem Gericht, wie sie jene albtraumhafte Busfahrt erlebte: "Ich habe den roten Knopf gedrückt. Ich dachte, die Türen gehen wieder auf!" Doch der Bus sei losgefahren. "Ich habe geheult und geschrien. Ich stand unter Schock, ich konnte nicht alles richtig erklären." Der Busfahrer habe in ihre Augen geguckt und dann aufs Gaspedal gedrückt - so erschien es Naciye Yildiz.

Ungenügende Sorgfaltspflichten

Andreas Stolle will erst 300 Meter vor der nächsten Haltestelle bemerkt haben, dass es in seinem Bus ein Problem gibt. Ein Fahrgast habe ihn gefragt, ob er die Frau nicht herauslassen wolle, berichtet der als Zeuge geladene Busfahrer. Er sei an jenem Tag von Alexanderplatz nach Steglitz, in den Süden Berlins, gefahren. "Vom Potsdamer bis Innsbrucker Platz gab es ein erhöhtes Fahrgast-Aufkommen, ich konnte nicht mehr durch den Bus gucken", sagt der 28-Jährige. Der große Dunkelblonde spricht mit jener stoischen Ruhe, die für Berlins Busfahrer zuweilen lebensnotwendig ist.

An jener Haltestelle, an der die Familie aussteigen wollte, habe er den "Fahrgastwechsel durchgeführt" und sei dann weiter gefahren. Die "Halt!"-Rufe habe er nicht zu deuten vermocht. Im rechten Außenspiegel habe er keine eingeklemmte Person erkannt, im Rückspiegel sah er nur stehende Fahrgäste: "Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, was los ist."

"Müssen Sie sich nicht vergewissern", fragt die Richterin. Wenn jemand "Halt!" rufe, müsse man doch mal nachgucken, was los sei? "Da kann ja nichts sein! Da kann sich nur jemand im Stuhl eingeklemmt haben", beharrt der Busfahrer. "Das genügt nicht so ganz richtig den Sorgfaltspflichten", sagt die Richterin. Ihre Kritik perlt an Andreas Stolle ab: "Ich kann ja nicht mitten auf der Straße halten. An der Haltestelle kann ich mich viel besser um die Fahrgäste kümmern."

Aufgelauert und bedroht

Die Frau sei dann an der nächsten Haltestelle ausgestiegen und mit erhobenen Händen auf ihn zugekommen. Sie habe ihn in einer Sprache angeschrien, die er nicht verstanden habe und "hysterisch wie eine Furie" gegen die Fahrertür getrommelt. Die hatte er zuvor verschlossen - "um Ärger aus dem Weg zu gehen."

"Da muss doch was passiert sein, da mache ich doch nicht die Türen zu!", kritisiert der Verteidiger. "Wenn die aber mit erhobenen Fäusten auf mich zu kommt?" gibt Stolle zu bedenken. Das lässt der Anwalt nicht gelten: "Sie ist eine Frau und Sie sind ein Zwei-Meter-Mann!"

Für den Fahrer wäre jetzt die Sache erledigt gewesen, nicht aber für Naciye Yildiz. Zwei Stunden später, als Stolle sich mit seinem Bus auf dem Rückweg zum Alexanderplatz befand, kochte noch immer die Wut in ihr. "Da haben Sie mir aufgelauert!", beschreibt es der Zeuge. Die Türkin sei vorn in seinen Bus eingestiegen und drohend auf ihn zugekommen. Abwehrend habe er seinen rechten Arm ausgestreckt. Daraufhin habe ihr Bruder Mehmet gesagt: "Wenn du die Frau anfasst, hau ich dir in die Fresse!"

Mildernde Umstände für die Angeklagten

Andreas Stolle informierte seine Leitstelle. Die schickte einen Verkehrsmeister und rief die Polizei. Unterdessen habe Naciye Yildiz ihn beschimpft. Das gibt sie auch zu. Sie habe ihn gefragt, warum er ihr das angetan habe: "Bin ich ausgerastet, hab ich ihn angeschrien, hab ich viele Wörter gesagt." Welche Worte, das weiß sie heute nicht mehr. "Aber Scheiß-Deutscher habe ich nicht gesagt." Ihr Bruder sei gekommen, als sie schimpfend im Bus stand: "Der wollte mich aus dem Bus heraus holen."

Ob ihrem Kind etwas passiert sei, will die Richterin von der Angeklagten wissen. Nein, glücklicherweise blieb die Vierjährige an der Haltestelle stehen, bis deren elfjähriger Bruder sie holte und zurück brachte. "Mein Sohn ist einen Kilometer zurück gerannt!", schimpft Naciyes Lebensgefährte von der Zuschauerbank.

Die Staatsanwältin hat Verständnis für die Aufregung der Familie und für die Panik der Frau. Sie billigt beiden Angeklagten mildernde Umstände zu. Die Ein-Euro-Jobberin und ihr gering verdienender Bruder sollen wegen Beleidigung je 450 Euro (30 Tagessätze) zahlen.

Keine Strafmilderung für vorbestraften Bruder

Auch die Richterin äußert Mitgefühl für die psychische Ausnahmesituation der Mutter. Diese sei zwar wegen Betruges, Falscheides und gemeinschaftlicher Bedrohung mehrfach vorbestraft, aber noch niemals wegen Beleidigung. Außerdem sei sie geständig. Für ihren siebenfach vorbestraften Bruder jedoch könne die Richterin nichts Strafmilderndes erkennen. Er soll darum 750 Euro (50 Tagessätze) zahlen, für die Schwester bleibt es bei 450 Euro. Den Busfahrer nimmt die Richterin trotz ihrer Kritik in Schutz: Andreas Stolle habe nicht vorsätzlich gehandelt.

Laut schimpfend und "Schande" skandierend verlässt Familie Yildiz den Gerichtssaal. Andreas Stolle, der noch bis zur Urteilsverkündung geblieben ist, strebt zügig dem Ausgang entgegen.

* Namen von der Redaktion geändert