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"Icke muss vor Jericht": Der Fall der Lehrerin

Ein Schüler verletzt seine Sportlehrerin mit einem Ball. Wütend beschimpft ihn die Verletzte und kassiert eine Anklage wegen Beleidigung. Doch für sie steht fest: Der Wurf war Absicht. Der Moslem wollte nicht von einer Frau unterrichtet werden.

Von Uta Eisenhardt

Die Lehrerin sackte zusammen. Ein Schlagball hatte sie in den Magen und Brustkorb getroffen. "Entschuldigung", sagte der Schüler, der ihn geworfen hatte. Ahmed Köksal* versuchte, sie hoch zu ziehen. Voll Schmerz, Wut und Angst rief Franziska Heidemann*: "Das hast du mit Absicht gemacht! Hau ab, du mieses Arschloch!" Um diese Beleidigung geht es vor Gericht, vordergründig. Und um die Frage, woran Integration im deutschen Alltag scheitert.

Im Februar 2008 wurde Franziska Heidemann, 48 Jahre alt, eine Frau mit braunen Haaren und sportlicher Figur, nach langer Krankheit an ein Gymnasium versetzt, dessen Schüler zu 97 Prozent aus Migrantenfamilien stammen. Sie sollte dort Jungen einer 11. Klasse in Sport unterrichten. Die Lehrerin war skeptisch: Zwei Jahre zuvor hatte sie bereits an einer ähnlichen Schule im Jungensport unterrichtet. Damals flog ihr ein Basketball in die Kniekehle. Sie fiel gegen eine Heizung und kämpfte tagelang mit einem geschwollenen Knie. Es blieb offen, ob der Ball sie absichtlich traf.

"Man steht da wie im Schlafanzug"

"Man kann keine Frau zum Sportunterricht bei muslimischen Jungen schicken", sagt die Angeklagte. "Nach deren Tradition sollen sich Männer und Frauen beim Sport nicht im selben Raum aufhalten. Wenn ihnen dann eine Frau auch noch Anweisungen gibt, die sie an ihre körperlichen Grenzen bringen, das geht gar nicht." Auch die enganliegende Kleidung, die sie im Unterricht trug, hätten die Pubertierenden als Provokation empfunden: "Ich wusste nicht, was ich anziehen sollte. Man steht da wie im Schlafanzug." Als sie versuchte, ihre Aufgabe abzugeben, habe ihr die Schulleiterin entgegnet: "Sie können das schon! Es wird Zeit, dass sich die Kinder an ein neues Rollenbild gewöhnen."

Die Lehrerin fügte sich. Sie sagt, sie habe versucht, nicht hinzuschauen, wenn sich die Jungen halbnackt vor ihr aufbauten, während sie die Kabinen auf- und zuschließen musste. Sie habe die Angebote der Pubertierenden ignoriert, sich mit ihr zu verabreden. Und sie habe sich bemüht, keine Angst zu zeigen, wenn im Sportunterricht die Bälle nur knapp an ihr vorbei gingen. Bis sie im Mai mit ihren Schülern auf dem Sportplatz Weitwurf übte: "Ich habe die wachsende Aggression gespürt." Deshalb habe sie eine Referendarin gebeten, mit in den Unterricht zu kommen.

Ahmed will sich den Finger verbrüht haben

Ahmed Köksal nahm an diesem Tag nicht aktiv am Sportunterricht teil. Er gab vor, sich seinen Finger verbrüht zu haben. Darum sollte er nur die Bälle vom Rand auf den Platz werfen. Im Lauf der Stunde gaben zwei Schüler plötzlich an, sie würden sich nicht wohl fühlen, die Referendarin begleitete sie zu den Umkleidekabinen in der Turnhalle. "War das vielleicht kein Zufall?", fragt sich Franziska Heidemann.

Auf dem Sportplatz warfen sich die beiden gegenüber stehenden Schülergruppen die Bälle über eine Distanz von 30 Metern zu. "Ahmed stand seitlich von mir, etwa zehn Meter entfernt. Plötzlich sah ich ihn grinsend auf mich zielen und zum Wurf ausholen. Dann wurde ich durch einen frontal eintreffenden Ball abgelenkt", sagt die Angeklagte. "Ich hörte, wie Ahmed rief: 'Ich mach das jetzt!' Seinen von der Seite kommenden Ball sah ich nicht. Ich bin zu Boden gegangen und habe gedacht: Ist auf mich geschossen worden?" Panisch habe sie versucht, sich aufzurappeln, kam aber nicht gleich auf die Beine. Ahmed Köksal habe ihre Handgelenke ergriffen, an ihr gezogen. Sie habe ihn angeschrieen, er möge sie los lassen. Dann fielen die Sätze, um die es hier geht und welche die Lehrerin auch nicht bestreitet.

"Hoffe, es geht Ihnen besser, es war nicht mit Absicht"

Einen Monat konnte sie wegen der Brustkorbprellung nicht arbeiten. Sie verlor an Gewicht und ging zum Psychologen, weil sie von Schülern träumte, die von allen Seiten auf sie zielen. Von Ahmed Köksal bekam sie einen kurzen Entschuldigungsbrief: "Ich hoffe, es geht Ihnen besser, es war nicht mit Absicht", schrieb der 18-Jährige.

Die Lehrerin zeigte ihn wegen vorsätzlicher Körperverletzung an. Das Verfahren wurde von der Staatsanwaltschaft wegen geringer Schuld eingestellt. Man glaubt, die Vorsätzlichkeit nicht beweisen zu können. Im Gegenzug aber gab Ahmed Köksal die Beleidigung zu Protokoll. Er habe den Ball einem Mitschüler zuwerfen wollen, der sei ihm aber aus der verletzten Hand gefallen. Sein Mitschüler bestätigt diese Angaben. "Dann hätte er mich doch nicht mit dieser Wucht und Präzision getroffen", sagt Heidemann vor Gericht. Auch der Richter zweifelt an der Version des Schülers: "Wenn man nicht völlig behindert ist, kann es nicht sein, dass man den Ball dorthin wirft!"

Ahmed Köksal erscheint nicht zur Verhandlung, wird aber von seinen Mitschülern gebührend vertreten: "Was wollen Sie mir erzählen", fragt einer im Zeugenstand seine ehemalige Lehrerin, als diese ihn der Lüge bezichtigt. Erst nach richterlicher Mahnung besinnen sich beide Zeugen auf ihre Wahrheitspflicht. "Da war etwas", sagt der Schüler, als ihn die Lehrerin mehrfach fragte, ob er sich an Köksals aggressive Ausfälle erinnere, als er etwa einem Rivalen an die Gurgel ging und drohte: "Ich mach dich Rollstuhl, du Arsch!" Sexuelle Provokationen wollen beide Zeugen weder beobachtet noch begangen haben: "Soll ich mich vor einer älteren Dame zur Schau stellen", fragt der 18-jährige Zeuge zurück.

"Ich hatte Angst! Es war Notwehr!"

Mit diesen Aussagen wird man wohl nie die Körperverletzung des Schülers beweisen können, um die es in diesem Prozess auch gar nicht geht. "Selbst wenn mit Absicht geworfen wird, darf man nicht beleidigen", sagt der Richter. "Ich war völlig außer mir, da handelt man nicht rational", sagt die Lehrerin. "Ich hatte Angst! Ich habe Distanz schaffen wollen! Es war Notwehr!" "Eben nicht", entgegnet die Staatsanwältin. "Mit Arschloch und Schwein kommen wir nicht weiter."

Das Gericht möchte das Verfahren gegen eine Geldbuße einstellen. 1500 Euro schlägt der Richter vor. "Ich finde das sehr viel", sagt die alleinerziehende Mutter. "Eine Notwehrsituation hat nicht bestanden", erklärt der Richter ungerührt. Er habe auch die Möglichkeit, eine Geldstrafe zur Bewährung auszusprechen, die tauche aber im Strafregister auf. Ob er die Buße reduzieren könne, fragt die Angeklagte: "Ich wurde mutwillig verletzt, ich sehe mich als Opfer, nicht als Täter."

Letztlich muss die Lehrerin 1000 Euro zahlen

Das Gericht einigt sich auf 1000 Euro - weil die Angeklagte weniger verdient, als ursprünglich angenommen. Es sei unglaublich, dass man sie wegen dieser Beleidigung bestrafe, sagt Heidemann später auf dem Gang. "Die ist harmlos im Gegensatz zu dem, was in der Schule sonst an Ausdrücken fällt."

Trotz allem hänge sie an ihrem Beruf und ist froh, jetzt Mädchen zu unterrichten - in einem Stadtteil, der nicht als sozialer Brennpunkt gilt. "Ich wollte mit meiner Strafanzeige gegen den Schüler wissen, wie geschützt ich bin", sagt Franziska Heidemann. "Jetzt weiß ich, ich bin nicht geschützt."

* Namen von der Redaktion geändert

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