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"Icke muss vor Jericht": Der Socken-Fetisch

In Berlin-Marzahn sorgt ein Mann für Aufregung: Regelmäßig fragt er Jungs nach ihren gebrauchten Socken. Nun soll er zwei Kinder auch noch mit einem Messer bedroht haben, um die begehrte Ware zu erhalten. Ein Gerichtstermin mit einem überraschenden Ende.

Von Uta Eisenhardt

Der Richter fragt den Zeugen. Was weiß er von dem Vorfall, in den sein Sohn verwickelt ist? "Ah, ick weeß", sagt der Vater. "Er wurde beraubt!" Nein, das hat der Richter nicht gemeint. Er hilft: "Ihr Sohn sollte Einkäufe nach Hause bringen und Sie standen im Döner-Laden." "Ick weeß jar nüscht mehr", sagt der Zeuge. Der Richter versucht es noch einmal: "Es ging um Socken, die verkauft werden sollten!" Ein Lächeln huscht über das tätowierte Gesicht: "Jetzt hab ick`s!"

Im August 2008 wurden der 12-jährige Christopher und dessen 14-jähriger Freund Max von einem Mann mit struppigem, schwarzen Bart angesprochen. Der fragte, ob er ihre Socken kaufen könne. "Verpiss dich!" soll der Ältere geantwortet haben. Der Mann sei in ihr Haus gefolgt, habe gerufen: "Verkauft mir Eure Socken jetzt!" Dann habe er den 12-Jährigen in den Würgegriff genommen und ihm ein Küchenmesser mit einer 20-Zentimeter-Klinge an den Hals gehalten. Hätte Kickboxer Max den Angreifer nicht mit einem beherzten Tritt ans Schienbein zu Boden gebracht, wäre es den Jungen nicht gelungen, sich in den Fahrstuhl zu flüchten - so berichteten sie es der Polizei.

Darum muss sich nun Matthias Nordmann* wegen versuchter räuberischer Erpressung verantworten. Der 36-Jährige wirkt scheu und unsicher. Seine dünnen, lockigen, schwarzen Haare sind ungeschnitten, am Hinterkopf klebt ein dünnes Zöpfchen. Seine blaue Hose ist zerbeult. Auch das graue Jackett, auf dessen Revers eine AIDS-Schleife prangt, sitzt nicht.

Schon einmal Socken käuflich erworben?

Der Richter mildert die Anklage auf versuchte Nötigung, schließlich wollte der Arbeitslose die Socken ja kaufen und somit nicht dem Vermögen seiner Opfer schaden. Dann berichtet der Angeklagte, wie er an diesem Abend mit dem Fahrrad in Marzahn unterwegs war, um DDR-Plattenbauten zu fotografieren, bevor sie abgerissen werden. Er stand gerade vor einem Hochhaus und rauchte, als er die Jungen erblickte, von denen er schon einmal getragene Socken erworben haben will. "Ach, da sei ihr ja wieder!", habe er zu ihnen gesagt. "Wollt ihr wieder verkaufen?"

Doch die beiden seien an ihm vorbeigegangen. Er sei dann zu einem fest installiertem Stadtplan und anschließend erneut in Richtung der Jungen gefahren, die bereits in ihrem Haus am Fahrstuhl standen. Plötzlich sei ein Mann - Christophers Vater - auf ihn zugerannt, habe ihn wütend angeschaut und verfolgt. Er sei davongeradelt, hilfeschreiend. Das ist alles, was der Angeklagte zu diesem Vorfall zu sagen hat. Er habe die Jungs zwar nach ihren Socken gefragt. "Aber ich bin weder ins Schienbein getreten worden, noch habe ich ein Messer an den Hals gehalten."

Für Tauschgeschäfte stets neue Strümpfe in der Tasche

Die Zuschauer bei diesem Gerichtsverfahren interessiert vor allem die Frage, wozu er die Socken braucht. "Das bespreche ich mit denen, die es etwas angeht", sagt der Fetischist freundlich, als er auf dem Gerichtsflur angesprochen wird. Sein Begleiter ist etwas weniger zugeknöpft: Der Freund würde diese sammeln, es gebe eben unterschiedliche Vorlieben. Dem Gericht erzählt der Angeklagte, er habe stets mehrere neue Strümpfe in seiner Fahrradtasche: "Weil ich immer mal welche tausche. Glauben Sie mir, ich frage oft nach Socken. Aber ich gehe immer freundlich auf die Leute zu. Die freuen sich darüber und winken mir über die Straße, wenn sie mich sehen." Zeuge Max berichtet: "Mein kleiner Kumpel, der ist neun Jahre, der hat ihm welche verkauft. Da gibt ´s immer zwei Euro dafür."

Dem Gericht geht es jedoch weniger um die Socken, sondern mehr um das Gewalt-Szenario, das die beiden Jungen zu Protokoll gaben. "Ne, das hat er nicht", sagt Christopher, als der Richter ihn nach dem Würgen fragt. Der Junge bleibt aber dabei, hinterrücks von dem Angeklagten angegriffen worden zu sein, er habe ein Messer an der rechten Halsseite gespürt. Sein Freund Max habe ihm später das Küchenmesser beschrieben und ein ähnliches gezeigt. "Messer?", fragt Max ungläubig den Richter. "Dit hab ick erzählt? Da weeß ick jar nüscht mehr davon." Auch Christophers Vater glaubt nicht an den Angriff: "Kinder erzählen viel. Der hat nüscht am Hals jehabt."

Gebrauchte Socken sind nicht das einzige Hobby

Am Ende weiß niemand mehr so genau, was an jenem Abend in der Mehrower Allee in Marzahn geschah. "Vielleicht hat der Kickboxer Max dem Angeklagten ins Knie getreten und dachte, es ist besser, ein Messer ins Spiel zu bringen", mutmaßt der Staatsanwalt. "Für Christopher mag das, was in der Anklage steht, die Wahrheit sein." Der Ankläger jedoch rückt von seinen Vorwürfen ab und fordert Freispruch. "Das Messer hat sich in Luft aufgelöst", sagt der Verteidiger. "Der es am Hals gehabt haben will, hat es nie gesehen. Und der es gesehen haben soll, kann sich daran nicht erinnern."

"Fest steht, dass der Angeklagte des öfteren Jungs anspricht, ihm ihre Socken zu verkaufen. Aber das ist nicht strafbar", urteilt der Richter und bestätigt die Forderung seiner Vorredner.

Über ein Jahr lang musste er sich mit diesem Kinderkram beschäftigen, obwohl er sich nichts vorzuwerfen habe, sagt Matthias Nordmann nach der Verhandlung. Dann überreicht er seinem Kumpel eine kleine Tasche. Staunend betrachtet der Beschenkte die kunstvoll genähten und gestickten Details des Miniatur-Linienbusses: Der Berliner Nahverkehr fasziniert Matthias Nordmann nämlich, neben den Socken, auch.

* Name von der Redaktion geändert

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