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"Icke muss vor Jericht": Der verliebte Geldwäscher

Ein Mann lernt im Internet eine Frau kennen. Das Paar will sich treffen, sie bittet ihn nur um einen Gefallen: Ob er sein Konto für eine kleine Geldtransaktion zur Verfügung stellen könne? Der verliebte Mann kann - und steht nun wegen Geldwäsche vor Gericht.

Von Uta Eisenhardt

Günter Nehse* fühlt sich unschuldig: "Ich wollte doch nur helfen! Ich habe das Geld ja nur erhalten. Ich wollte auch eine Frau haben und Irina sah nett aus!" Er lernte die St. Petersburgerin auf der Internet-Partnerbörse "DateInAsia" kennen. Dort inserieren überwiegend Frauen aus Thailand, Indonesien und den Philippinen - aber eben auch aus Russland. Seine gefühlte Liebe zu Irina brachte den berenteten Heizungsingenieur wegen Geldwäsche vor Gericht.

Im Januar 2008 begann die virtuelle Ost-West-Freundschaft. "Eine Zeit lang habe ich von ihr jeden Tag eine lange Seite bekommen", sagt der 62-Jährige. Manchmal rief die St. Petersburgerin ihn auch an - von ihrer Firma aus. "Wir wollten zusammen Kinder haben", sagt der dicke, graubärtige Mann. Als er den verständnislosen Blick der jungen Richterin bemerkt, schiebt er hinterher: "Irina war mir von Anfang an sympathisch!"

Ein Vierteljahr schrieben sich die beiden, dann sprachen sie über ein Treffen. Irina wollte für eine Woche nach Berlin kommen. Doch bei dem Deutschen herrschte Geldnot. Das Jugendamt bescheinigte Günter Nehse einen Unterhaltsrückstand für seinen 9-jährigen Sohn und lässt seine Rente bis auf einen Selbstbehalt von 575 Euro pfänden.

Geld von der Tante aus Kanada

Die Russin ließ sich davon nicht abschrecken. Sie berichtete ihrem Brieffreund von einer kanadischen Tante, die für Visa und Flugticket aufkommen wolle. Ob die Tante das Geld auf Günters Konto überweisen könne? Er sollte es dann per Reisebank an ihren Vater weiter leiten. "Irina sagte", erinnert sich der Angeklagte, "das ginge von Deutschland aus leichter". Er stimmte zu. Doch warum musste das Geld solche Umwege nehmen, fragt die Richterin. "Das macht mich heute auch stutzig", sagt Nehse.

Inzwischen weiß er, es gab keine kanadische Tante und wohl auch keine heiratswillige Irina. Das Geld kam vom Konto einer Online-Banking-Nutzerin aus Frankfurt am Main. Die hatte sich einen Trojaner auf ihrem Rechner eingefangen, der ihre Bankdaten nebst Passwort ausgespäht hatte. 4331 Euro transferierten Irina und ihre Bande von Frankfurt auf das Konto des Berliners. Der staunte nicht schlecht: "Ich hatte mit höchstens 1000 Euro gerechnet." Aber Irina habe ihm gesagt, ihr Vater wolle noch etwas für die Hausreparatur kaufen, erinnert sich der Angeklagte.

Er bemerkte auch, dass das Geld nicht aus Kanada kam. Misstrauisch sei er aber erst geworden, als ihm eine Mitarbeiterin von der Western Union Bank erklärte, dass "mit Russland viele nicht so korrekte Geschäfte" laufen würden. Darum müsse er beim Transfer von mehr als 500 Euro die Zustimmung der Zentrale einholen. Nehse wandte sich an die Polizei. Dort riet ihm eine freundliche Beamtin: "Überweisen Sie das Geld nicht nach Russland!"

Polizisten in Sicherheitswesten durchsuchen die Wohnung

Da stand der verliebte Mann nun mit den 2400 Euro, die er bereits von seinem Konto abgehoben hatte. Warum er das Geld damals weder nach Russland noch nach Frankfurt am Main zurück überwiesen habe, will die Richterin wissen. "Ich wollte doch überweisen!", rechtfertigt sich Nehse in puncto Russland. "Ich wusste ja nicht, dass da was Kriminelles ist, sonst hätte ich es zurück überwiesen!", lautet seine Erklärung für Frankfurt.

Tage nach der Geldabhebung tauchten drei Polizisten mit schusssicheren Westen bei ihm auf und durchsuchten seine Wohnung. Die hätten ihn aufgeklärt über die Masche, Männer im Internet für solche Transaktionen zu werben. "Für die Beamten war das Alltag", sagt Günter Nehse. "Für mich war es neu." Sein Konto sei dann gesperrt worden. Den Grund wollte ihm niemand nennen. Er schrieb Irina, dass da was mit der Bank nicht klar sei. "Da hat sie sich auf einmal nicht mehr gemeldet." Es klingt, als wundere Nehse sich noch heute über die plötzliche Untreue der Frau, zu der er bis dato "ein herzliches Verhältnis" gehabt habe.

Jetzt fehlt das Geld für Miete und Medikamente

Ihr Geld gab er in den folgenden Wochen aus. "Ich bin durch die Berliner Justiz in eine Notlage geraten!", sagt der Angeklagte. "Ich hatte nichts zu essen, nichts zu trinken, aber jeden Tag die Forderung im Postkasten, dass ich Gebühren zahlen soll. Da war die Sache mit der Irina nebensächlich für mich." Er habe immer gehofft, dass seine Pfändung aufgehoben werde und er das Geld zurückgeben könne. Doch das ist bis heute nicht geschehen. Von dem Rest seiner Rente kann der Diabetiker weder seine Miete noch die Zuzahlungen für seine Medikamente bestreiten. Ein halbes Jahr nach dem Trouble mit der Russin fehlte ihm das Geld für Insulin. Er erlitt einen Schlaganfall. Obendrein wurde er vor einer Woche aus seiner Wohnung geräumt und lebt nun in einem Obdachlosenheim. "Dabei gehöre ich zu den Männern, die ihren Unterhalt bezahlen", sagt der Angeklagte. Es belaste ihn, als Drückeberger dazustehen.

Für fehlerhafte Unterhaltsberechnungen fühlt sich die Richterin nicht zuständig. Sie versteht nicht, warum der Angeklagte gegen seinen Strafbefehl - so nennt man ein Urteil ohne Verhandlung - Einspruch eingelegt habe. Er habe doch die Geldwäsche gestanden. "Sie wussten doch, dass das Geld nicht koscher war", sagt die Richterin. "Sie haben es für sich verwandt, obwohl Sie wussten, dass es aus einer Straftat stammt!" "Ich wusste, dass da was nicht okay ist", rechtfertigt sich Nehse. "Aber was wirklich gelaufen ist, habe ich erst von der Polizei erfahren."

"Ich bin das Opfer der russischen Mafia!"

1800 Euro (100 Tagessätze) Geldstrafe lautete das Angebot im Strafbefehl. Aber wovon soll er das bezahlen? Wie abarbeiten? "Ich bin Rentner, ich habe 45 Jahre gearbeitet. Ich bin kein junger Hüpfer. Ich muss mit einem Stock laufen!", zetert Nehse, um dann auszurufen: "Ich nehme nichts zurück!" Also fordert die Staatsanwältin in ihrem Plädoyer wiederum eine Geldstrafe von 100 Tagessätzen, die Nehse mit dem Ruf quittiert: "Ich bin das Opfer von Irina und der russischen Mafia, weil die Staatsanwaltschaft die wahren Täter nicht kriegt!"

Doch die Richterin lässt sich von Unwissen, Geldnot und Verliebtheit nicht erweichen. Sie bestätigt den Antrag der Staatsanwältin und attestiert Nehse, leichtfertig all die vielen Hinweise auf die kriminelle Herkunft des Geldes ignoriert zu haben. Der Angeklagte ist mit dem Urteil nicht einverstanden: "Ich bin ja derjenige, der das Geld überwiesen bekam und nicht Sie!", sagt er zur Richterin und legt gegen das Urteil Berufung ein. Seine Begeisterung für die virtuelle Partnersuche hat sich der Rentner aber nicht nehmen lassen. In drei Wochen will ihn seine neue Freundin besuchen, die er ebenfalls auf "DateInAsia" gefunden hat. Nehse ist gespannt: "Mal sehen, ob das klappt."

* Name von der Redaktion geändert