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"Icke muss vor Jericht" Die Angst vor der Einsamkeit


Ein Rentner pflegt seine schwerkranke Frau. Was seine Kräfte übersteigt - doch er will sie nicht in ein Heim geben. Deshalb ignoriert er auch die Verletzungen, die sich seine Frau bei ihren Stürzen zuzieht - bis es fast zu spät ist.
Von Uta Eisenhardt

Sie sah schlimm aus, ihr Gesicht war ein einziger blauer Fleck. Die Rechtsmedizinerin, die Helga Berndt* untersuchte, fand kaum eine unverletzte Körperstelle - überall Einblutungen und Abschürfungen. Der Schädel wies eine handtellergroße Schwellung auf, unter der Hirnhaut diagnostizierte die Ärztin eine Blutung. Rippen und Wirbel waren gebrochen, das Schulterblatt abgerissen. Wie konnte sich die demente Parkinson-Patientin so verletzen? Ihr Mann soll Antworten geben und steht nun deshalb vor Gericht.

Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft schlug er seine Frau. Wolfgang Berndt* ist ein massiger, rotgesichtiger Mann. Das weiße Haar ordentlich frisiert, sitzt er kerzengerade auf seinem Stuhl. Vor Gericht bewahrt man Haltung.

Angst vor der Zukunft

Wie geht es Ihrer Frau", fragt ihn die Richterin. "Nicht gut", antwortet der Rentner. "Sie siecht vor sich hin." Auch ihm selbst gehe es schlecht. Er mache sich Sorgen um seine Frau und habe Angst vor der Zukunft. Jeden Tag fahre er zu ihr ins Heim, in dem sie nun seit fast einem Jahr lebt. Manchmal erkenne sie ihn, manchmal aber auch nicht.

Fünf, sechs Jahre ist es her, da fiel ihm erstmals die Vergesslichkeit seiner Gattin auf. Vor einer Urlaubsreise packte sie ihre Sachen ein und wieder aus, weil sie nicht mehr wusste, was sich bereits im Koffer befand. Bald darauf trat der Wirtschaftsingenieur und Bauleiter den Ruhestand an, um die Pflegebedürftige zu betreuen.

Tag für Tag wusch, bekochte und fütterte er die ihm Angetraute, zog sie an und stützte sie auf allen Wegen. Er schlief noch mit ihr, sinnvolle Gespräche aber waren nicht mehr möglich. Vier Jahre lang übte der Rentner diesen 24-Stunden-Job aus, der ihn seelisch und körperlich allmählich überforderte. Immer wieder sprang die kleine, zierliche Frau unvermittelt auf. Einmal fiel sie ihm vor der Abfahrt aus dem Auto, ein anderes Mal beim Schuhe anziehen in den hölzernen Garderobenständer. "Ich kann sie nicht mehr selber halten", sagt der 68-Jährige.

"Wie ein Stück hilfloses Fleisch"

Er habe sie in der Wanne gebadet. Beim Herausheben sei sie ihm aus den nassen Händen gerutscht: "Ich hab sie nicht richtig heraus gekriegt." Die kleine Zierliche sei auf den Badewannenrand gegrätscht. "Wie ein Stück hilfloses Fleisch", sagt der Angeklagte mit weinerlichem Unterton.

Drei Tage später habe er seine Frau eine Treppe mit neun Stufen herunter geführt. "Ich bin rückwärts gegangen, beide Hände an ihr. Dann habe ich irgendwie einen zu langen Schritt gemacht..." Er sei gestürzt und seine Frau über ihn hinweg an die Hauswand gefallen. Dabei hätte sie sich am Schädel verletzt. "Ich habe keinen Arzt geholt, weil ich annahm, dass nichts Wesentliches passiert ist", sagt der Rentner.

Helga Berndt musste sich noch ein weiteres Mal verletzen, bevor er Hilfe holte. In den frühen Morgenstunden des übernächsten Tages sei sie aus dem Bett gefallen. "Die wollte wahrscheinlich aufstehen, was sie nicht mehr konnte", erklärt der Angeklagte. Er habe sie ins Bett legen wollen, es aber nicht mehr geschafft. Darum habe er sie auf dem Teppichboden liegen lassen und zugedeckt. "Dann ging das Grübeln los."

"Geschlagen habe ich sie nicht"

Er wollte seine Frau nicht in ein Heim geben: "Ich habe mich festgeklammert an ihr. Ich wollte nicht allein sein. Ich hatte gedacht, dass wir es schaffen, dass wir so weiter leben können", erklärt er weinend der Richterin. Auch seine Frau habe nicht in ein Heim gewollt.

Fünf Stunden lag die lebensgefährlich Verletzte auf der Erde, bis er endlich "112" wählte. "Warum haben Sie den Arzt gerufen", fragt die Richterin. "Weil ich gesehen hab, dass sie ein mächtiges Hämatom im Kopfbereich hatte", sagt der Angeklagte. Er fühle sich schuldig. "Ich sehe ein, dass ich zu spät reagiert habe:" Geschlagen habe er sie nicht. "Das kann ich ausschließen."

Kann man Wolfgang Berndt glauben? Die Rechtsmedizinerin vermag nicht zu beurteilen, ob die Verletzungen durch Schläge entstanden oder durch Parkinson-typische Stürze. Sie spricht von "massiver, stumpfer und breitflächiger Gewalt", die sie so ausgeprägt noch nie gesehen habe.

Eine Frage der Moral

Die Patientin habe damals schreiende Laute von sich gegeben, sagt die behandelnde Unfallchirurgin. Diese muss auch der Angeklagte gehört haben. Oder wollte er sie nicht wahrnehmen?

Das Gericht lässt sich von einer Psychiaterin beraten. Der erzählte Wolfgang Berndt von seiner Ehe mit der lebenslustigen, allseits beliebten Verkäuferin. Als diese kurz vor Erreichen des Rentenalters erkrankte, sei es für ihn eine Frage der Moral gewesen, die Pflege zu übernehmen. Mit seinen Gefühlen, seiner Wut und Enttäuschung über den zerstörten Lebensabend, hat sich der pensionierte Wirtschaftsingenieur nie auseinander gesetzt. "Das hat seine Generation nicht gelernt", sagt die Gutachterin.

Der Rentner hofft auf ein Wunder

Der Rentner hoffte auf ein Wunder, alle anderen Gefühle unterdrückte er. In der permanenten Überforderungssituation könnten sich diese aggressiv entladen haben, meint die Psychiaterin. Allerdings muss er seine Frau nicht geschlagen haben, auch das Ignorieren der Schmerzenslaute und Verletzungen sei eine Form von Aggression.

Ob der Angeklagte schlug oder nicht, mag schlussendlich auch die Staatsanwältin nicht entscheiden. "Es war eine Quälerei. Sie haben genau gewusst, dass Ihre Frau nicht mehr nach Hause kommt, wenn Sie zum Arzt gehen. Seien Sie bloß froh, dass Sie nicht ihren Tod verursacht haben. Das würden Sie sich nie verzeihen!" Für die Misshandlung von Schutzbefohlenen soll Wolfgang Berndt fünf Monate Haft zur Bewährung bekommen. "Damit kann man das bewenden lassen", sagt die Anklägerin mit Blick auf den weinenden Mann. "Ist ja gleich vorbei", tröstet ihn seine Verteidigerin.

Keine Zeit für eine Psychotherapie

Die Richterin schließt sich der Staatsanwältin an. Der reuige, geständige und vermindert schuldfähige Angeklagte habe so lange wie möglich sein gewohntes Leben fortsetzen wollen, viel zu lange. Einige der gefundenen Verletzungen waren sieben Tage alt. "So lange musste Ihre Frau Schmerzen aushalten", sagt die Richterin. Sie ist sicher, dass Helga Berndt sich entsprechend artikulierte. Der Angeklagte habe dies aus egoistischen Motiven ignoriert. Am Ende ihrer Rede lobt sie ihn für die Übernahme der Pflege: "Eine Verpflichtung, die heutzutage nicht von jedem empfunden wird."

Sie empfiehlt eine Psychotherapie, immerhin habe er den Tod seines Sohnes, der sich vor über zehn Jahren das Leben nahm, nie verarbeitet. Nein, sagt Wolfgang Berndt, er habe keine Zeit, er sei jeden Tag bei seiner Frau. Die Richterin lässt nicht locker: "Wenn es Ihnen gut geht, spürt das auch Ihre Frau!" Nein, versichert der Angesprochene. Bei seiner Frau fühle er sich am wohlsten.

* Namen von der Redaktion geändert


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