"Icke muss vor Jericht" Die doppelte Christel


Eine alte Dame steht vor Gericht: Man wirft ihr vor, Sozialleistungen doppelt kassiert zu haben. Doch für den betrügerisch gestellten Zweit-Antrag soll die Schwester der Angeklagten verantwortlich sein. Das Gericht bemühte sich, die verwickelte Geschichte zu verstehen.
Von Uta Eisenhardt

Am Ende der zweitägigen Verhandlung sitzen Richter, Staatsanwältin, Verteidiger und sogar der Ermittler von der Kriminalpolizei im Saal 3108 und können ihrer Ratlosigkeit nur noch mit Lauten Ausdruck verleihen. "Oi, joi, joi", sagt der Ermittler und der Verteidiger stimmt ihm zu: "Das wird in die best of meiner Fälle eingehen!" Die Sprachlosigkeit hat einen Grund: Trotz mehrstündiger Verhandlung steht das Gericht vor einem Berg von Fakten, von denen sich ungewöhnlich viele dagegen sträuben, ihren Platz im Puzzle einzunehmen. Weder die Angeklagte, noch diverse Zeugen können diese ordnen, manche wollen es auch nicht.

Dabei war Christel Jansen* nur ein simpel ausgeführter Betrug angelastet worden. Sieben Monate lang soll die 70-jährige Rentnerin doppelt - in Berlin und Freiburg - Grundsicherung beantragt und dadurch 1500 Euro zu Unrecht kassiert haben. Doch die burschikos wirkende Frau mit den kurzen, weißen Locken sagt, sie habe nur einen einzigen Antrag gestellt, nämlich den in Freiburg. Den anderen soll ihre Schwester Sigrid Perlick* in Berlin abgegeben haben - als falsche "Christel Jansen". Über Jahre und bislang ohne Konsequenzen habe diese nämlich mit zwei Identitäten jongliert.

Christel Jansen alias Sigrid Perlick

Unter falschem Namen soll die Schwester der Angeklagten nicht nur Sozialleistungen kassiert haben. Auch bei einer Eheschließung, bei einer Wohnungsanmietung und bei einem Verkehrsunfall zückte Sigrid Perlick den Personalausweis ihrer Schwester. "Dann war sie die Christel Jansen", sagt die Angeklagte über ihre Schwester. "Nur wenn die dann Schulden hatte, war ich die Christel Jansen."

Doch wie war das möglich? 15 Jahre lebte die Angeklagte nicht in Deutschland. Als sie ihre Reise startete, hatte sich die damals 50-Jährige nirgendwo abgemeldet. Ihre im Familienbesitz befindliche Wohnung, wurde nach ihrer Abreise von Angehörigen aufgelöst. Möglicherweise geriet Sigrid Perlick auf diese Weise in den Besitz der notwendigen Dokumente.

Jahrelang reiste die Angeklagte per Anhalter durch Europa: In Österreich, Italien, Frankreich und England lebte die ehemalige Animierdame ohne Arbeit und ohne festen Wohnsitz. "Was wollten Sie im Ausland", will der Richter wissen. "Solche Fragen stellen sich nicht, wenn man auf der Straße lebt", antwortet ihm die alte Dame. "Das ergibt sich durch Zufall, das plant man nicht." Der Richter kann sich nicht vorstellen, wie sie dort ohne Geld gelebt hat. "Das kann nur jemand fragen, der sich nicht auskennt", beteuert die Angeklagte, die zur Verhandlung im hellen, sommerlichen Herrenanzug erscheint. Dusche, Kleidung, Unterkunft - alles könne man ohne Geld bekommen, sagt sie.

Heirat mit falscher Identität

In der Zeit ihrer Abwesenheit pflegte Jansen einmal jährlich bei ihrem Bruder in Deutschland anzurufen. Zu ihrer drei Jahre jüngeren Schwester Sigrid Perlick hatte sie keinen Kontakt. Diese sei "tückisch geworden", seitdem sie vor vierzig Jahren aus Amerika zurückkehrte - mit drei kleinen Kindern und ohne finanzielle Unterstützung. Später dann, als die Angeklagte durch Europa tourte, nutzte ihre Schwester die eine Identität zum Empfang von Sozialleistungen, während sie mit der anderen im Büro einer Arztpraxis arbeitete, sagt Jansen vor Gericht.

In dieser Zeit, es ist über zehn Jahre her, schloss Sigrid Perlick auch eine Ehe mit einem 15 Jahre jüngeren Mann. Zum Heiraten schlüpfte sie in ihre Zweit-Identität - so wurde Jansen in Abwesenheit vermählt. Damit noch nicht genug: Als Perlick betrunken einen Verkehrsunfall verursachte, zeigte sie den Beamten den Führerschein ihrer Schwester. Der Unfallfahrerin wurde Blut abgenommen, später wurde sie als "Christel Jansen" wegen Trunkenheit im Straßenverkehr verurteilt.

2003 kehrte die echte Christel Jansen wieder nach Deutschland zurück. Dort erfuhr sie von ihrer Heirat. "Ich habe zuerst gelacht. Was hätte ich denn machen sollen?", erklärt sie dem Richter. "Eine Scheidung kann ich doch nicht beantragen, weil ich gar nicht geheiratet habe." Anfechten wollte sie die Ehe auch nicht: "Ich bin eine alte Frau. Ich wollte mir keine Feinde machen", erklärt sie. Darum akzeptierte sie den Vorschlag ihrer Schwester Sigrid und gab nun als Familienstand "getrennt lebend" an.

Durch Zufall erfuhr Jansen auch von ihrer Verurteilung wegen der Trunkenheitsfahrt. Polizisten wollten nämlich ihren Führerschein einziehen, der sich aber im Besitz von Schwester Sigrid befand. Sie stutzten, als ihnen Jansen erklärte, sie besäße seit Jahren keinen Führerschein. So kam ein Verwechslungsspiel ans Licht, das mit jeder volkstümlichen Komödie mithalten kann. Jansen und ihr Anwalt kümmerten sich um die Wiederaufnahme des Verkehrsunfall-Verfahrens. Vor zwei Jahren gelang es ihnen durch den Vergleich der Blutproben, Sigrid Perlick als wahre Trunkenheitsfahrerin zu identifizieren. Jansen wurde rehabilitiert.

"So sieht man seine Ehemänner"

Nun sitzt sie wieder vor einem Richter und soll für eine Tat verurteilt werden, die ihre Schwester begangen haben muss. Sigrid Perlick ist als Zeugin ins Amtsgericht bestellt worden. Dort erscheint die 67-Jährige mit angeklatschten gelblich-weißen Haaren und grauen Plastik-Schlappen an den nackten Füßen. Sie hinterlässt einen erbärmlichen Eindruck. Auf die Worte, die der Richter zu ihr spricht, reagiert sie nicht. Aber sie hat sich vor der Verhandlung über ihre Rechte informiert. Wortlos schlurft sie zum Richtertisch, kramt einen Zettel aus einer Plastiktüte und liest stockend vor: "Ich mache von meinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch." Als Verwandte der Angeklagten steht ihr das zu. Den Auftritt ihrer Schwester hält die Angeklagte für eine kalkulierte Show, mit der Perlick beabsichtige, als nicht zurechnungsfähig zu gelten. "Sie sieht sonst gepflegter aus", sagt Jansen dem Richter.

Auch der bosnische Ehemann ist als Zeuge geladen. Er erkennt in der Frau mit den Badeschlappen diejenige, die er "am Dienstag, den 24. Januar 1997 um 13 Uhr" als "Christel Jansen" geehelicht hat. Er habe in einem kleinen Sauna-Bordell als Masseur gearbeitet und sie dort als Tante der Chefin kennen gelernt. Er habe sie geheiratet und drei Jahre mit ihr zusammen gelebt, sagt der hagere Physiotherapeut. "Da muss Ihnen doch aufgefallen sein, dass sie Perlick heißt", sagt der Richter. Nein, diesen Namen kennt der feminin wirkende Mann mit den dunkel gefärbten Löckchen nicht. "Sie hat gemacht getrennt", sagt er in gebrochenem Deutsch, ein Antrag auf Scheidung sei gestellt. Zur Sicherheit fragt der Richter auch die Angeklagte: "Den Herrn da kennen Sie nicht?" Nein, sagt Jansen. Zynisch sagt der Richter: "So sieht man mal seine Ehemänner."

Star der Potsdamer Straße

Um das mysteriöse Verfahren perfekt zu machen, erhielt das Gericht auch einen anonymen Brief. Da steht etwas von der "Hure Christel Jansen", die ihren Sohn und ihre Zwillingsschwester in den Selbstmord getrieben habe. "Nun ist die andere Schwester dran", steht in dem giftigen Brief, den Sigrid Perlick verfasst haben könnte. Diffamierend heißt es weiter, Christel Jansen alias Perücken-Ingrid sei früher der Star der Potsdamer Straße gewesen - einer alten Berliner Rotlicht-Gegend. "Kennen Sie diese Fotos", fragt der Richter und zeigt der Angeklagten eine dem Brief beigelegte Aufnahme. Sie zeigt Jansen im Strasskleid mit Perücke. "Das bin ich", sagt die Befragte. "Das ist ganz lange her, da war ich noch ganz jung."

Die Schrift in dem Brief sei ihre eigene, sagt die Angeklagte, auch die Sache mit der Potsdamer Straße würde stimmen. "Aber ich habe das nicht geschrieben. Wie kommt das?", fragt die alte Frau den Richter. Der kann nur mit den Schultern zucken. Der Fall ist ihm suspekt, wie können sich Behörden so täuschen lassen, murmelt er fragend vor sich hin. Die Angeklagte weiß es: "Es wird nicht nachgeprüft, weil solche Fälle nie vorkommen." Jansens Verteidiger glaubt, das Vorgehen von Sigrid Perlick würde die Phantasie der deutschen Ermittler überfordern. Die Hypothese des Richters, der zunächst an ein geschicktes Zusammenwirken der beiden Schwestern glaubte, ist nun nicht mehr zu halten.

Freispruch gefordert

Staatsanwältin und Verteidiger fordern einhellig den Freispruch der Angeklagten, weil deren Personalien offensichtlich missbraucht wurden. Der Richter folgt diesen Forderungen. "Ich bin Ihnen auf diesem Weg lange nicht gefolgt", sagt er zur Angeklagten. Lange habe er seine Zweifel gehabt, doch das Ergebnis der DNA-Analyse und die Aussage des bosnischen Ehemannes hätten ihn überzeugt. Es müsse in Zukunft noch einiges richtig gestellt werden - dann, wenn die Angeklagte Sigrid Perlick heißt. "Es wird interessant, wie Sie sich da verhalten", sagt der Richter. "Ob sie sich hinter ihrem Aussageverweigerungsrecht verstecken oder ob sie helfen, das Ganze aufzuklären."

Seit einigen Monaten ermittelt die Berliner Staatsanwaltschaft nun gegen Sigrid Perlick - wegen Betruges und Missbrauchs von Ausweispapieren.

* Namen von der Redaktion geändert


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