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"Icke muss vor Jericht": Die Kollegin "Langfinger"

Eine Beamtin aus dem Sozialamt bestiehlt ihre Kollegin und möglicherweise auch eine Praktikantin. In ihrer schwierigen Lebenssituation habe ihr das Stehlen einen Kick verschafft, so die wenig reuige Angeklagte.

Von Uta Eisenhardt

Morgens, wenn ihre Kollegin den Raum verlassen hatte, ging die Angeklagte an das Portemonnaie und stahl Geld

Morgens, wenn ihre Kollegin den Raum verlassen hatte, ging die Angeklagte an das Portemonnaie und stahl Geld

Der Praktikantin wurde Geld gestohlen! Die Nachricht elektrisierte die Kollegen im Sozialamt. Der Täter konnte nur aus der Abteilung "Soziale Wohnungshilfe" kommen, die Bestohlene hatte ihr Geld stets im Büro aufbewahrt. Doch wer tat so etwas Mieses? Noch während sich die Kaffeerunde über den Täter entrüstete, schlug dieser erneut zu.

Diesmal traf es Irene Keller*, eine ältere Sachbearbeiterin, der bei Dienstschluss 50 Euro fehlten. Drei Tage später, es war ein Freitag, passierte dasselbe, ebenso am folgenden Dienstag und Donnerstag. In der dritten Woche stahl der Dieb von Montag bis Mittwoch, immer in der Zeit von 7 bis 7.20 Uhr, immer aus Kellers Geldbörse. Am Donnerstag baute das Berliner Landeskriminalamt eine Falle: Man präparierte einen Zehn- und einen Zwanzig-Euro-Schein mit einem Pulver, das nur unter UV-Licht sichtbar ist. Außerdem installierte man in Kellers Zimmer eine Kamera. Gegen halb acht zitierte man die Kollegen ins Besprechungszimmer - zum Händezeigen.

Angeklagte streitet Taten ab

Birgit Henschke* wurde als Diebin überführt. Sie wurde suspendiert und noch am gleichen Tag vernommen. Die Beamtin gab alle Diebstähle zu, auch die 40 Euro, die der Praktikantin fehlten. Sie sprach von einem Kick, erinnert sich der Mann vom Landeskriminalamt, der als Zeuge im Prozess gegen die kleine, zierliche Frau mit den kurzen rotblonden Haaren erscheint. Damals sei sie noch "unplugged" gewesen, ohne die Beratung eines Anwalts.

Kerzengerade sitzt die 33-Jährige vor dem Richter, mit getuschten Wimpern, die auch am Ende der Verhandlung noch vorzeigbar sind, denn Henschke weint nicht, wie reuige Sünderinnen es häufig tun. Nur ihre helle Haut ist rot gefleckt - vor Aufregung, weil ihr Auftritt den Richter überzeugen muss?

Acht Diebstähle und einen Versuch wirft man ihr vor, acht Taten zu Lasten von Keller, eine zu Lasten der Praktikantin. Doch obwohl die Angeklagte gleich nach ihrer Entdeckung 250 Euro - das Geld aus sieben Diebstählen - Irene Keller überbrachte, gibt sie vor Gericht nur noch sechs erfolgreiche Diebstähle zu. Auch die Praktikantin habe sie nicht bestohlen, nein, im Gegenteil. Erst durch die Nachricht von diesem Diebstahl sei sie auf diese Idee gekommen.

Birgit Henschke weiß, warum sie das erklärt: Die Beweislage ist schlecht. Warum sie aber alle Taten bei ihrer Vernehmung zugab, will der Richter wissen. "Ich war überfordert, ich hätte alles gestanden. Ich dachte, ich muss weg, meine Kinder abholen. Der Beamte sagte, wenn ich nicht mitwirke, werde ich dem Haftrichter vorgeführt." Sie sagt es überzeugend, doch man glaubt ihr ungern. Der Richter streicht die beiden Vorwürfe, er stellt sie ein. Das Strafmass wird davon kaum beeinflusst. Nur die ehemalige Praktikantin, eine arbeitslose Wirtschaftskauffrau, kann ihr Geld jetzt nicht mehr zurück fordern.

Druck vom Elternhaus

Wie aber entwickelt jemand die Idee, seine Kolleginnen zu bestehlen? Diese Frage will eine psychiatrische Sachverständige anhand von Henschkes Biografie beantworten. Die Ostdeutsche wurde als älteste Tochter eines Staatsbürgerkunde-Lehrers geboren, berichtet die Gutachterin. Obendrein hatte sie das Pech, jene zehnklassige Schule zu besuchen, an der ihr Vater die Dogmen über die entwickelte sozialistische Gesellschaft verbreitete. Er habe sie auf Leistung und Erfolg gedrillt, ihre Hausaufgaben kontrolliert und über ihren Freundeskreis gewacht. So sei sie zur Außenseiterin geworden, die wegen ihres Vaters gehänselt wurde und Mitschüler nicht mit nach Hause nehmen durfte.

Als sie zwölf Jahre alt war, fiel die Mauer. Ihr Vater, der möglicherweise auch für die Staatssicherheit gearbeitet hatte, wurde arbeitslos. Ihre Mutter, eine Wirtschaftskauffrau arbeitet heute als Küchenkraft. Die finanzielle Situation der Eltern sei desolat, sie konnten sich an die veränderten Verhältnisse nicht gewöhnen.

Hauptsache Funktionieren

Henschke dagegen bestand mit Bestnoten ihr Fachabitur und ihren Abschluss als Verwaltungsangestellte, dann fing sie im Sozialamt an. Sie mochte ihre Arbeit, ihre Vorgesetzten waren zufrieden. Sie heiratete einen Augenoptiker. Ihr erstes Kind ist gehbehindert und muss therapeutisch intensiv betreut werden. Ein Jahr nach der Geburt eines weiteren Kindes ging Henschke wieder arbeiten - weil sie es von ihren Eltern so kannte und weil sie wieder Geld verdienen wollte, so schilderte sie es der Psychiaterin.

Die Angeklagte habe sich nun zwischen Beruf, Haushalt und Kindern nebst Arzt- und Therapieterminen verschlissen. Die selbstunsichere, nach Perfektion strebende Frau glaubte, alles schaffen zu müssen. In Ess- und Brechanfällen, die sie bereits als Teenager provozierte, suchte sie ihr seelisches Gleichgewicht. Ein halbes Jahr später stockte sie dann ihre Arbeitszeit auf: "Aus Angst nicht mehr Vollzeit arbeiten zu können, außerdem hatte sie ihre Eltern vor Augen, deren Lage sie als Horror empfand", sagt die Gutachterin. "Sie hatte Angst vor dem Abrutschen in die soziale Randständigkeit."

Neid auf wohlhabende Kollegin

Henschke stand nun morgens um halb fünf auf und habe den ganzen Tag nur noch funktioniert. Für ihre Seele hätten die bulimischen Anfälle nicht mehr ausgereicht. Da entdeckte sie den Reiz des Stehlens. Das Geld gab sie im Alltag aus. Sie wählte Keller zum Opfer, weil diese im Kollegenkreis oft von ihrem Wohlstand und dem Bargeld sprach, mit dem sie alles bezahle.

Die Angeklagte fühlte Neid auf ihre Kollegin, die aufgrund ihres Alters mehr verdiente, aber nicht mit Haushalt und krankem Kind belastet war. Zudem habe sie Keller oft bei Computer-Problemen unterstützen müssen und geglaubt, einen Anspruch auf das Geld zu besitzen. Vor Gericht räumt die Psychiaterin ein, es können auch praktische Gründe gewesen sein, warum Irene Keller bestohlen wurde: Sie verließ regelmäßig das Zimmer zum Rauchen.

Der Richter bleibt skeptisch

Nach Entdeckung ihrer Taten habe sich die Angeklagte in therapeutische Behandlung begeben. Sie leide an einer Anpassungsstörung, die von einer Depression ausgelöst wurde, meint die Gutachterin und bescheinigt Henschke für die Tatzeit eine verminderte Schuldfähigkeit.

Die Staatsanwältin tut sich mit dieser Diagnose schwer: Es gäbe ähnlich belastete Menschen, die dennoch nicht ihre Kollegen bestehlen. Sie fordert 3600 Euro Geldstrafe (90 Tagessätze). Der Verteidiger zählt alle Vorzüge seiner nicht vorbestraften Mandantin auf und erinnert an das bevorstehende Disziplinarverfahren. Er hält 2400 Euro (60 Tagessätze) für ausreichend. Die sollen nur gezahlt werden, wenn die Angeklagte erneut straffällig wird.

"Es tut mir außerordentlich leid, was passiert ist", sagt Henschke, bevor das Urteil fällt. Sie spricht ruhig und flüssig, wie vorbereitet. "Ich sehe es als Chance, mein Leben zu ändern. Ich habe erkannt, dass ich viele Dinge falsch gemacht habe. Ich will durch die Therapie lernen, nicht mehr in eine solche Situation zu kommen, in der ich so überfordert bin. Ich will durch meine Mitarbeit das Vertrauen meines Dienstherren wieder erlangen. Ich hoffe, dass mir eine zweite Chance gegeben wird."

Der Richter, der bekundet, "etwas widerwillig" die verminderte Schuldfähigkeit zur Kenntnis genommen zu haben, entscheidet auf 2700 Euro (70 Tagessätze) Geldstrafe. Er rechnet der Angeklagten Geständnis, Wiedergutmachung und den nicht erheblichen Schaden an. Verwerflich sei, dass die Tat am Arbeitsplatz geschah, an dem man sich seine Mitmenschen bekanntlich nicht aussuchen kann. Zum Schluss seiner Rede meint er: "Sie haben sich selbst am meisten gedemütigt." Den Prozess verfolgen auch etliche Kollegen aus dem Sozialamt. Sie sagen, es sei kein Geld mehr aus den Geldbörsen der Mitarbeiter verschwunden - seit Henschkes Suspendierung.

* Namen von der Redaktion geändert

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