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"Icke muss vor Jericht": Die Party-Schnorrer

Wenn in Berlin die Prominenten feiern, geht es exklusiv zu. Wer nicht berühmt ist, schafft es nur mit Tricks auf Bälle und Empfänge. Ein älteres Ehepaar trieb es besonders bunt: Journalisten berichteten, wie sie sich im Windschatten eines bekannten Politikers auf eine Party schlichen. Und das offenbar nicht zum ersten Mal.

Von Uta Eisenhardt

Sekt trinken mit den Reichen und Schönen: Mit allerlei Tricks schaffte es ein älteres Pärchen auf die Promi-Partys von Berlin

Sekt trinken mit den Reichen und Schönen: Mit allerlei Tricks schaffte es ein älteres Pärchen auf die Promi-Partys von Berlin

Melitta Schneider* ist empört: "Seit Jahren zieht die Presse über uns her. Angeblich schmuggeln wir uns ständig ohne Einladung auf irgendwelche Events. Wir sind das Opfer einer Intrige!" Verantwortlich dafür seien die Klatsch-Reporterin Nicole Müller-Lehmanns* und deren Kollege von der "Berliner Zeitung". Letzterer bezeichnete Frau Schneider gar als "stadtbekannte Party-Einschleicherin aus Kleinmachnow", der es im September 2006 gelang, den damaligen Parteivorsitzenden der Grünen Reinhard Bütikofer als lebende Eintrittskarte zu missbrauchen: Im Windschatten des Politikers schlüpfte sie unkontrolliert auf die Bertelsmann-Party.

Unerwartete Prominenz

Dieses Husarenstück bekam Nicole Müller-Lehmanns aus dem Augenwinkel mit und berichtete darüber in der "Revue". Das ärgerte die Schneiders so sehr, dass sie zur Polizei fuhren und die Klatschreporterin wegen Verleumdung anzeigten. Es sollte ein Bumerang werden: Der Artikel sei zwar nicht in allen Punkten, aber im Kern richtig, ermittelte die Staatsanwaltschaft und eröffnete nun gegen die Schneiders ein Verfahren wegen falscher Verdächtigung. So kam das Paar doch noch zu einer Einladung - ausgestellt vom Amtsgericht.

Auf dem Gerichtsflur sind die beiden nicht zu übersehen: Sie mogeln sich nicht nur auf Partys ein, sondern mit Turbo-Bräune, Jeans und Turnschuhen auch ihr Alter weg. Der 70-jährige Klaus federt - so gut es geht - in den Knien und färbt sein schütteres Haar nebst Oberlippenbart. Die 64-jährige Melitta verjüngt sich mit blonden Strähnen, die ihr starres und auffallend glattes Gesicht umrahmen. Für den Gang vor den Richter hat die angebliche Heilpraktikerin eine quietschgelbe, nietenbesetzte Lederjacke angezogen. Gern wirft sie sich mit mädchenhaft eingeknickter Hüfte in Pose.

Vermeintlich intrigante Reporter

"Sie bekennen sich als nicht schuldig", sagt ihr Verteidiger, bevor er seiner Mandantin das Feld überlässt. Die bezeichnet die Artikel aus der "Revue" und der "Berliner Zeitung" als persönlichen Racheakt. "Es gibt Tausende Journalisten. Keiner tut uns was, nur Müller-Lehmanns und ihr Journalistenfreund", sagt die Blondine. Ihre Gesundheit habe unter dieser Kampagne gelitten. Auch ihr Haus in Kleinmachnow, wo das Paar seinen Lebensabend verbringen wollte, hätten sie deswegen verkaufen müssen. Das Haus sei von der Presse umlagert und in der Zeitung abgebildet worden. Eines Abends wurde es ausgeräumt - da feierten die Schneiders gerade die Verleihung des Autopreises "Das goldene Lenkrad".

Man könne auf keine Party mehr gehen, ergänzt ihr Mann. Die beiden Journalisten würden auf die Einladungsliste schauen und Kontrollen durch die Gastgeber veranlassen, wenn der Name "Schneider" dort nicht stünde. Um all diese Intrigen "aktenkundig" zu machen, hätten er und seine Frau die Klatschreporterin angezeigt.

Ein bekannter Zeuge

"Ich will nicht als Party-Einschleicherin da stehen!", sagt Melitta Schneider. Sie habe es nicht nötig, vor dem Eingang der Bertelsmann-Party herumzulungern, um eine VIP abzupassen, wie in der "Revue" zu lesen war. Vielmehr hätte das Paar den Parteivorsitzenden wenige Stunden zuvor auf einem Empfang in der Chinesischen Botschaft getroffen. Bütikofer habe sich mit dem Hinweis auf die Bertelsmann-Party bedauernd von ihnen verabschieden wollen. Da habe Klaus Schneider den Politiker gefragt, ob der nicht seine Frau auf die Party mitnehmen könne. Die habe keine Einladung. Er selbst wolle mit einem südafrikanischen Diplomaten nachkommen. Reinhard Bütikofer habe sofort eingewilligt, behaupten Klaus und Melitta Schneider.

Der aber widerspricht. Klaus Schneider habe ihn gefragt, ob er seine Frau im Taxi mitnehmen könne. "Ich kannte die Schneiders nicht so gut, dass ich davon nicht überrascht gewesen wäre", sagt der Politiker im Zeugenstand. "In einer vergleichbaren Situation hätte ich nicht gefragt: Nehmen Sie meine Frau mit?" Er habe schließlich eingewilligt. Am Ziel angekommen, habe er sich bemüht, nicht den Eindruck zu erwecken, als sei Melitta Schneider seine Begleiterin. Er sei davon ausgegangen, sie sei eingeladen. "Hätte sie mich um eine Schleusertätigkeit gebeten, hätte ich gesagt: Was soll denn das?", versichert Bütikofer. Mit Sicherheit sei nicht die Rede davon gewesen, das Fehlen einer Einladung zu überspielen.

Sichtlich genervter Bütikofer

"Sie haben mir doch noch die Bertelsmann-Chefin vorgestellt - die hat mich sogar später in der Semperoper wieder erkannt", begehrt Melitta Schneider auf. "Und Sie haben mich gefragt: ‚Darf ich Sie allein lassen?" "Ja", antwortet ihr der Politiker. "Das war die höfliche Form, Ihnen deutlich zu machen, dass ich nicht möchte, dass Sie sich weiter an mich klammern." Bütikofer ist sichtlich genervt vom Diskussionsgegenstand, von den Schneiders und von seiner Rolle als Zeuge.

"Entschuldigen Sie die Unannehmlichkeiten, die Ihnen entstanden sind", schmeichelt sich Klaus Schneider heran. "Aber wenn sie als Politiker jemanden eingeschleust haben, bleibt Ihnen doch nicht anderes übrig, als sich geschickt aus der Affäre zu ziehen!" "Wollen Sie sagen, er lügt", fragt der Richter. Nein, so direkt will Klaus Schneider das nicht äußern. Der Grüne darf nun den Zeugenstand der Klatschreporterin überlassen.

Die Lücke im System

"Als Herr Bütikofer am Eingang gefragt wurde, ob er mit Begleitung gekommen sei, gab er keine Antwort", erinnert sich die attraktive Brünette, die im kurzen Rock und hochhackigen Pumps erscheint. Aus Respekt vor dem Politiker habe die junge Hostess nicht nachgehakt. Melitta Schneider habe sich ständig bei Bütikofer für das Mitnehmen bedankt, während dem Politiker die Situation unangenehm gewesen sei, sagt die Zeugin.

Die Schneiders beim Einschleichen zu beobachten, sei seit Jahren "ein Gaudi von uns Gesellschaftsjournalisten". Köstlich hätten sich die anwesenden Reporter darüber amüsiert, dass die Party-Schummlerin diesmal den Grünen-Chef erwischte. "Ich denke, der wusste gar nicht, was ihm da passiert", sagt Müller-Lehmanns. Dabei war dieses Manöver bei der Bertelsmann-Party gar nicht so einfach, denn wegen der Bundeskanzlerin galt dort Sicherheitsstufe. Selbst Journalisten mussten sich zuvor mit ihrem Personalausweis anmelden. Dennoch fand Melitta Schneider die Lücke im System.

Zwanzig Jahre sei sie schon im Geschäft, sagt Müller-Lehmanns. Sie habe Klaus Schneider schon erlebt, wie der als angeblicher Chauffeur des früheren Berliner Bürgermeisters Eberhard Diepgen oder des brandenburgischen Innenministers Jörg Schönbohm diverse Einlasskontrollen überwand. Er sei auch schon als falscher Major aufgetreten und habe wegen Amtsanmaßung eine saftige Geldstrafe zahlen müssen. Melitta Schneider dagegen schwindele oft: "Mein Mann ist mit den Karten schon drin." Auf den Partys würde sich das Pärchen dann gern an Prominente kletten und mit denen fotografieren lassen.

Die Bumerang-Anzeige

Melitta Schneider kann das Ganze immer noch nicht fassen: "Wir haben eine Anzeige aufgegeben und sind jetzt angeklagt", sagt sie zu der als Zeugin erschienenen Polizeibeamtin, welche im Dezember 2006 die Anzeige der Schneiders bearbeitete. Wahrscheinlich seien sie falsch verstanden worden, sagt Klaus Schneider. Zwei Stunden hätten sie sich mit der Beamtin unterhalten, schilderten die Lügen, die man über sie verbreitet hätte. Wo sie doch Wochen vorher auf die Bertelsmann-Party eingeladen wurden!

Das schrieb die Beamtin ins Protokoll, welches die Schneiders ungelesen unterschrieben haben wollen. Ihre Augen seien so schlecht und dummerweise habe sie ihre Brille nicht dabei gehabt, sagt die Angeklagte, die einräumt, dass nur für ihren Mann Wochen vorher klar war, dass er den südafrikanischen Diplomaten auf die Party begleiten könne. Sie hätten sich blind auf die Beamtin verlassen, dass die ihre Angaben richtig aufschreibt. Doch diese Ausrede lässt der Richter nicht gelten: Dann hätten sie die Polizistin eben bitten müssen, den Text vorzulesen.

Er verurteilt die beiden zu jeweils 600 Euro (30 Tagessätze) Geldstrafe. Auch wenn die Klatschreporterin nichts von der Begegnung in der Chinesischen Botschaft wusste, habe sie "gar nicht so falsch geschrieben", sagt der Richter. "Sie haben sich bei der Polizei geriert, als ob Sie eine Einladung hatten und die böse Frau Müller-Lehmanns falsch berichtet hätte."

Stumm vor Wut sitzt das Paar neben seinem Verteidiger. Melitta Schneider gewinnt als erste die Fassung. "An wen muss ich mich denn wegen der Anzeige gegen Frau Müller-Lehmanns wenden", will sie vom Gericht wissen. Die habe nämlich geschrieben, Melitta Schneider habe sich auf das Boot der Schönbohms eingeladen. Dabei sei es doch umgekehrt gewesen: Frau Schönbohm sei auf dem großen Schiff der Schneiders zu Gast gewesen! Der Richter verweist sie an die Polizei. "An die Polizei soll ich mich wenden", fragt Frau Melitta. "Damit ich dann wieder hier sitze?"

* Namen von der Redaktion geändert