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"Icke muss vor Jericht": Die Rettung des verlorenen Sohnes

Ein Mann muss zusehen, wie sich sein drogenabhängiger Sohn zu Grunde richtet. Alle Therapien scheitern, und eines Tages versucht der Drogensüchtige, seinen Vater vor einen Zug zu stoßen. Doch dieser Vorfall gibt dem Vater die einmalige Möglichkeit, seinen Sohn in ein drogenfreies Leben zu zwingen. Dafür wird er zum Straftäter.

Von Uta Eisenhardt

Der Sohn des Angeklagten war Drogenkonsument, er rauchte Cannabis. Um ihn in ein normales Leben zurückzuholen, wurde der Vater zum Straftäter

Der Sohn des Angeklagten war Drogenkonsument, er rauchte Cannabis. Um ihn in ein normales Leben zurückzuholen, wurde der Vater zum Straftäter

Mai 2007, am S-Bahnhof Berlin-Alexanderplatz. Zwei Männer stehen auf dem Bahnsteig, ein jüngerer und ein älterer. Eine Bahn fährt ein, als plötzlich der Jüngere den Älteren bespuckt, ihn schlägt und versucht, auf die Gleise zu schubsen. Der Attackierte hat Glück: Er kann den Stoß abfangen. "Ich habe nur die Flucht ergriffen", erinnert sich Thomas Jurzek*. Der Angreifer war sein Sohn.

Der Vater zeigte ihn an und sagte dem Ermittlungsrichter: "Mein Sohn wollte mich töten." Doch im Prozess vor dem Berliner Landgericht, der ein halbes Jahr nach dieser Aussage stattfand, behauptete Thomas Jurzek das Gegenteil. Darum steht der 58-Jährige nun selbst wegen uneidlicher Falschaussage vor dem Amtsgericht. "Ich habe mich noch nie so unschuldig gefühlt", sagt der Glatzkopf mit dem kurzen, grauen Bart.

Das Cannabis, das der Sohn rauchte, legte einen Schalter im Kopf um

Zwei Söhne hat der ehemalige Kaufhaus-Leiter und arbeitslose Betriebswirt von der Frau, mit der er alt werden wollte. Der Älteste habe seinen Eltern kaum Sorgen bereitet. Umso mehr Probleme gab es mit dem heute 27-jährigen Patrick. Der Junge war acht Jahre alt, als sich dessen Mutter von ihm trennte, sagt Thomas Jurzek. Sein Sohn habe das wohl nicht verkraftet. Mit 16 Jahren begann der Gymnasiast mit dem Cannabis-Rauchen.

Im Vergleich zu jenem harmlosen Gras, das in seiner 68er-Jugend geraucht worden sei, enthielten die neueren Cannabis-Züchtungen die zehn- bis dreißigfache Dosis THC, weiß der Angeklagte: "Das muss man sich wie die Veredlung von Tomaten vorstellen." Das Gift wirke wie ein Schalter, der im Gehirn umgelegt wird. Menschen mit entsprechender Veranlagung würden in kürzester Zeit an Psychosen erkranken - wie sein Sohn. Die psychiatrischen Krankenhäuser wären überfüllt mit solchen Patienten, sagt Thomas Jurzek. Er hat sich intensiv mit diesem Thema beschäftigt.

"Ständig schwebte seine Todesmeldung über mir."

"Es war die schlimmste Zeit meines Lebens", sagt der Angeklagte über die zehnjährige Drogenabhängigkeit seines Jüngsten. "Ständig schwebte seine Todesmeldung über mir." Nachts sei er von der Polizei geweckt worden, weil Patrick den Straßenverkehr regeln wollte. Er sah, wie der Verwahrloste auf der Straße mit einer Burgerking-Krone auf dem Kopf herumlief. "Das tut weh", sagt Thomas Jurzek. Regelmäßig habe ihn sein Sohn bedroht und beleidigt. Dennoch habe er keine Möglichkeit ausgelassen, um dem Kranken zu helfen, habe sich an Ämter und Behörden gewandt. Mehrere Aufenthalte in der Psychiatrie scheiterten: Patrick flüchtete aus den Krankenhäusern oder hörte gleich nach der Entlassung auf, die Medikamente zu nehmen. Er blieb drogenabhängig und krank.

Einen Tag nun, nachdem Thomas Jurzek dem Ermittlungsrichter von dem Vorfall auf dem Bahnsteig berichtet hatte, wurde sein Sohn in den Maßregelvollzug - so heißt die gesicherte Einrichtung für psychisch kranke Rechtsbrecher - eingeliefert. Hier kam der junge Mann nicht mehr an Drogen und konnte sich der Behandlung nicht entziehen. "Es wurde zunehmend möglich, mit ihm zu reden", sagt sein Vater. Seit eineinhalb Jahren sei Patrick clean und nehme seine Medikamente. Er habe seine Aggressionen abgelegt, sich mithilfe seiner Eltern eine eigene Wohnung eingerichtet und sogar um eine berufliche Perspektive gekümmert. "Wenn er die Tabletten nimmt, hat er reelle Chancen, ein normales Leben zu führen", sagt der Angeklagte.

Der Vater litt unter Alpträumen und Panikattacken

Patrick Jurzek würde aber noch heute für unbestimmte Zeit hinter Gittern sitzen, hätte sein Vater nicht ein halbes Jahr später seine Aussage abgeändert. Der Fall musste vor dem Berliner Landgericht verhandelt werden, weil nur ein solches Gericht einen dauerhaften Maßregelvollzug anordnen kann. Dort bekundete er nun: Mein Sohn hat mich nicht vor den Zug stoßen wollen. Er wäre dazu körperlich gar nicht in der Lage. Die Richter mussten den Antrag der Staatsanwaltschaft auf Unterbringung des jungen Mannes im Maßregelvollzug ablehnen, denn es gab für jenen Vorfall weder Videoaufzeichnungen vom Bahnsteig, noch andere Zeugen - nur die widersprüchlichen Angaben des Vaters. Der Sohn, mittlerweile auf dem Weg der Besserung, kam auf freien Fuß. Der Vater hatte sein Ziel erreicht.

Das Gericht hatte argumentiert, Thomas Jurzek sei offensichtlich vom Ermittlungsrichter missverstanden worden. Möglicherweise habe er die Bedrohung seines Sohnes übertrieben dargestellt. Doch die Staatsanwaltschaft betrachtete die beiden Aussagen nicht mit der gleichen Milde. Sie leitete ein Verfahren wegen uneidlicher Falschaussage ein.

In dem daraus resultierenden Prozess vor dem Amtsgericht versuchen sich Thomas Jurzek und seine Verteidigerin an einer salomonischen Erklärung: Obwohl objektiv eine der beiden Aussagen falsch sein müsse, hätten subjektiv beide gestimmt, trägt die Anwältin vor. Ihr Mandant habe damals, als ihn sein Sohn angriff, körperlich und seelisch an den Spätfolgen eines Herzinfarktes gelitten: Er sei im Jahr davor in einer Ferienanlage zusammengebrochen. Auf dem Weg ins Krankenhaus hatte der Krankenwagen einen Unfall. "Es verging Zeit, die wir nicht hatten", sagt der Angeklagte. Dennoch hatte er Glück, die Bypass-Operation verlief erfolgreich. Körperlich ging es ihm bald besser, aber seine Seele beschäftigte sich noch lange mit der ausgestandenen Todesangst: Er litt unter Alpträumen und Panikattacken. Darum habe er wohl geglaubt, sein Sohn habe ihn umbringen wollen.

Der verzweifelte Vater wollte den Sohn zum Entzug zwingen

Kurz vor dem Prozess gegen Patrick sei es ihm wieder besser gegangen. Er habe sich gefragt, ob er die Bedrohung damals falsch eingeschätzt habe, zumal ihm Familienangehörige und Freunde sein panisches Verhalten in der Vergangenheit schilderten. Patrick habe zu ihm gesagt: "Papa, wie kannst du nur annehmen, dass ich dich umbringen wollte!" Die Mutter seines Sohnes habe auf ihn eingewirkt. "Ich war wahnsinnig verunsichert", sagt der Angeklagte. Er habe sich gefragt, ob er seinen Sohn zu Unrecht belastet und in seiner Aussage übertrieben habe. Heute sei er der Meinung, er hätte vor dem Landgericht auf seine gesundheitlichen Probleme hinweisen müssen, "um nicht den Eindruck einer Falschaussage entstehen zu lassen".

Es ist eine hübsche Erklärung, doch jeder im Saal ahnt, was diesen intelligenten Mann tatsächlich zu seinen verschiedenen Aussagen bewog: Der verzweifelte Vater, der die regulären, behördlichen Möglichkeiten als ausgeschöpft betrachtete, sah für seinen Sohn keine andere Chance, als ihn per Maßregelvollzug zum Entzug und zur Medikamenteneinnahme zu zwingen. Als sich dort der gewünschte Behandlungserfolg einstellte, wollte er Patrick zur Freiheit verhelfen. Dazu musste er seine Aussage bis zur Unkenntlichkeit abschwächen. All dies ist menschlich nachvollziehbar, die Richterin möchte das Verfahren gegen Thomas Jurzek wegen dessen geringer Schuld einstellen - der Angeklagte solle im Gegenzug 150 Sozialstunden ableisten. Doch die Staatsanwältin erreicht ihren Vorgesetzten nicht und darf dieser Lösung nicht zustimmen. Es muss also plädiert und ein Urteil gefällt werden.

Die Staatsanwältin hat Verständnis, bleibt aber hart

Die Staatsanwältin hat Verständnis für den Angeklagten, der nicht böswillig, sondern in Not gehandelt habe. Sie sagt aber auch: "Hier ist nichts missverstanden worden." Sie glaubt lediglich an die Aussage vor dem Ermittlungsrichter. Beide Eltern seien damals zur Polizei gegangen. "Patricks Mutter hat die Anzeige unterstützt. Das ist ein Indiz dafür, wie ernst die Sache genommen wurde", sagt sie. Ihrer Meinung nach habe Thomas Jurzek vor dem Landgericht für seinen Sohn gelogen.

"Wir sind aber darauf angewiesen, dass Zeugen die Wahrheit sagen", sagt die Staatsanwältin. Sie verlangt eine Mindeststrafe von drei Monaten Haft, die man für den bislang nicht Vorbestraften in eine Geldstrafe von 1350 Euro (90 Tagessätze) umwandeln könne. Die Verteidigerin beharrt darauf, ihr Mandant habe nach bestem Gewissen ausgesagt: "In der jeweiligen Situation war er der festen Überzeugung, der Sachverhalt stimmt." Sie fordert für Thomas Jurzek den Freispruch.

"Die Situation ist tragisch"

"Die Situation ist tragisch", sagt die Richterin: "Unter dem Druck der Familie haben Sie eine Falschaussage in Kauf genommen." Dies hätte nicht sein müssen, denn der Gesetzgeber erlaubt den nahen Angehörigen eines Angeklagten, die Aussage zu verweigern. Dies habe er nicht getan, weil er seinem Sohn mit jeder seiner Aussagen helfen wollte. So habe sich der Vater bewusst für eine Falschaussage entschieden.

Die Richterin bestätigt die von der Staatsanwältin geforderte Strafe.

Thomas Jurzek nimmt das Urteil an. Er wird seine Strafe abarbeiten. Ein Tagessatz, von denen er 90 bekommt, bedeutet sechs Stunden gemeinnütziger Arbeit. Es wird ihm leicht fallen, denn sie ist gering angesichts dessen, was er mit seiner Tat erreichte: Er hat seinen Sohn zurückbekommen.

* Namen von der Redaktion geändert