HOME

"Icke muss vor Jericht": Ebay, Frau W. und die illegalen Pelze

Eine Frau kauft und verkauft bei Ebay Kleidungsstücke aus dem Fell einer bedrohten Katzenart - eine Genehmigung für ihre Offerten hat sie nicht. Von den schönen Pelzen bleibt am Ende eine drastische Strafe wegen des Verstoßes gegen das Bundesnaturschutzgesetz, berichtet Uta Eisenhardt in ihrer Gerichtskolumne.

Eine Frage hätte der Staatsanwalt noch. Wozu, fragt er die Angeklagte, brauchen Sie fünf Ozelot-Jacken? So viel kann man doch gar nicht tragen! Der farblose, grauhaarige Staatsanwalt stellt diese Frage einer schlanken, gepflegten Mittfünfzigerin. Die erklärt ihm gern, wie unterschiedlich fünf Jacken aus ein und demselben Material aussehen können. "Die sind alle anders geschnitten. Manche haben zum Beispiel einen aufwändigen Kragen, manche einen ganz einfachen", sagt die sorgfältig frisierte Blondine. Im Amtsgericht trägt sie ein schwarzes Kostüm mit tailliertem Schoß, dessen Ärmel und Ausschnitt dezent weiß abgesetzt sind. Es sieht teuer aus.

Gabriele Wolter* sitzt das erste Mal in ihrem Leben auf der Anklagebank. Der 44-fache Verstoß gegen das Bundesnaturschutzgesetz brachte sie dorthin. Die arbeitslose Bilanzbuchhalterin kaufte und verkaufte im Internet Mäntel, Jacken und Kappen aus dem Fell einer getupft-gefleckten Wildkatze namens Ozelot. Doch weil sich zu viele Frauen für die Haut dieses Tieres begeisterten, ist es vom Aussterben bedroht. Darum darf sein Fell nur mit einer Vermarktungsgenehmigung gehandelt werden.

So eine Genehmigung bekommt man problemlos beim Umweltamt, sofern die Pelze bereits ein Kleidungsstück waren, bevor die Internationale Handelskonvention zum Schutz bedrohter Tier- und Pflanzenarten (CITES) in Kraft trat. Doch zu spät interessierte sich die Pelzliebhaberin für die Bestimmungen des Naturschutzes.

Am Anfang war die Omi

Ausgangspunkt ihres Verhängnisses ist ein Erbstück: Ende der siebziger Jahre schenkte Gabrieles Großmutter ihrer Enkelin einen Ozelot-Pelzmantel. "Die Liebe zu Pelzen muss in der Familie liegen", sagt die Angeklagte. Jahrzehntelang trug sie Omas Mantel bis sie vor sechs Jahren die Möglichkeiten des world wide web und ihre Pelzliebe in Übereinstimmung zu bringen suchte. Auf Ebay, so stellte Gabriele Wolter fest, könne man günstig Pelze erwerben. In drei Jahren kauft sie elf Mäntel, Jacken und Kappen. Dann verhält sich "gabilein"* wie jeder Ebay-Nutzer: Sie kauft, probiert und was nicht passt oder gefällt, versucht sie weiter zu veräußern. Zwei Stücke verkauft sie erfolgreich weiter. Weitere missliebige Kreationen stellt sie 31 Mal ein. Doch obwohl sie die Ladenhüter stets mit einem neuen Text bewarb - sie mal mit "Luxus und Eleganz" etikettierte, mal mit "Luxus pur" und mal mit "Edel-Luxus" - wollte sich kein Käufer finden.

Dabei hatte "gabilein" sogar "mit CITES" in ihre Auktionen geschrieben, denn nur mit diesem merkwürdigen Zusatz, so hatte sie es bei anderen Pelzhändlern beobachtet, würde Ebay ihre Angebote nicht sofort löschen. Doch was bedeuten jene mysteriösen fünf Buchstaben? Für die Lösung, nur ein paar Klicks von Ebay entfernt, interessierte sich die Blondine nicht.

Der Zoll braucht nicht zu suchen

Doch für den Zoll sind Ebay-Auktionen eine Fundgrube. Regelmäßig stöbern die Beamten in den Angeboten, ob wer "CITES" schreibt, auch CITES hat. Eines Tages stand darum ein Fünfertrupp vor Wolters Wohnungstür, drei Kriminalpolizisten und zwei Mitarbeiter der Naturschutzbehörde begehrten Einlass zur Hausdurchsuchung. "Sie brauchen nicht zu suchen", sagte Gabriele Wolter und führte die Männer bereitwillig zu ihrem Kleiderschrank. Als sie sich von den ungebetenen Gästen verabschiedete, blieb sie ohne Pelze zurück. Die waren alle beschlagnahmt.

Auch die beiden Pelze, die Gabriele bereits verkauft hatte, forderte der Zoll von deren neuen Besitzern zurück. Brav erstattete die Bilanzbuchhalterin denen auch das Geld: "Es lag nicht in meiner Absicht, jemanden zu schädigen", sagt sie. Damals, als die Pelze beschlagnahmt wurden, glaubte Gabriele Wolter noch nicht an eine drastische Strafe. "Ich dachte, das wird nicht so schlimm, ich kann das doch alles erklären", sagt sie. Erst als ihr die Anklage zugestellt wird, begreift sie den Ernst ihrer Lage.

Überraschend strenger Naturschutz

"Das war eben eine unbedachte Geschichte", hält ihr der Staatsanwalt zu gute. Noch immer ist er nicht davon überzeugt, dass eine einzige Frau fünf Ozelot-Jacken benötigt. Auch wenn alle Stücke in der gleichen Konfektionsgröße erworben wurden, ist die Angeklagte für ihn eine gewerbsmäßige Händlerin, eine, die sich ihr Arbeitslosengeld mit dem Handel von Pelzen aufbessern wollte und eine, die sich mit elf Pelzen 44 Mal strafbar machte. Der Staatsanwalt ist kein Frauenversteher und kein erfahrener Ebayer. Er fordert ein Jahr Haft zur Bewährung für Gabriele Wolter und eine Geldbuße von 1200 Euro.

Die Richterin kommt einige Minuten später zu demselben Ergebnis. Für sie ist die Angeklagte zwar keine gewerbsmäßige Händlerin, dafür eine gewohnheitsmäßige. "Das ist nicht viel besser", gibt die Juristin zu. Sie kreidet Wolter vor allem ihre Sorglosigkeit an.

Die Angeklagte ist überrascht. Mit einer so harten Strafe hatte sie nicht gerechnet. Für eine solche hätte sie ganz andere Dinge anstellen, hätte betrügen, fälschen, unterschlagen können. Gabriele Wolter ahnte nicht, dass Naturschutz so streng sein kann. Nach dem Urteil bleibt ihr ein einziger Trost: Ihr Erbstück, der Mantel ihrer Oma, darf nun wieder zurück in ihren vom Zoll geplünderten Kleiderschrank.

*Namen von der Redaktion geändert