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"Icke muss vor Jericht": Ein Ärzteleben verpufft

Ein Kieferchirurg will weniger Miete zahlen, doch der Eigentümer will nicht verhandeln. Also versucht der Arzt seinen Arbeitsplatz zu verkaufen. Am Ende sieht er keinen anderen Ausweg, als die Praxis in die Luft zu sprengen.

Von Uta Eisenhardt

Es war eine warme Sommernacht. Im Rückspiegel sah Dr. Dr. Joachim Landgrebe*, wie das Blut an seinem Kopf herunter lief. Allmählich begannen die Brandverletzungen an seinen Händen zu schmerzen. Der Kieferchirurg fühlte sich ausgebrannt und leer. "Ich war wie im Vakuum", sagt der 60-Jährige, der seine Praxis in die Luft sprengte.

Kaum drei Monate später findet der Prozess gegen den sportlichen, schnauzbärtigen Mann statt. Es werden viele Fotos und Tatort-Skizzen am Richtertisch betrachtet. Dann steht Landgrebe dort mit schlaff herunterhängenden Armen - wie ein geprügeltes Kind. Es gibt aber auch den trotzigen Landgrebe, der mit nach oben gerecktem Kinn zwischen seinen beiden Verteidigern sitzt.

Die Geschichte beginnt mit einer Kündigung. Der Arzt schickte sie an seinen Vermieter, "weil ich erreichen wollte, dass sich der Mietzins für die Praxis ändert." Der Schachzug wurde zum Schachmatt, denn der Empfänger war froh, den unbequemen Mieter loszuwerden, der mit all seinen Nachbarn im Streit lag: So soll er eine Steuerberaterin im gemeinsam genutzten Aufgang eingeschlossen und die unter seiner Praxis befindliche Rechtsanwaltskanzlei mit Wasserschäden geärgert haben. Eine Videokamera filmte ihn, als er im Parkhaus das Auto eines Allgemeinmediziners zerkratzte.

Wenig Patienten, weil "grob und ruppig"

Der Vermieter ließ sich auch nicht durch Briefe erweichen, in denen ihm der Kieferchirurg drohend mitteilte, der würde versuchen, "seine Lebens-Arbeits-Leistung zu vernichten". Erfolglos bemühte sich der Arzt um andere Räume, schließlich bot er seine Praxis zum Verkauf. Kurz vor Ende seines Mietverhältnisses im Dezember 2008 schien ihm dieser zu glücken. Ein Kieferchirurg aus der Schweiz wollte die Praxis für 250.000 Euro kaufen und zahlte 10.000 Franken an.

Für die Übergabe erwirkte der gekündigte Praxisinhaber einen Aufschub bis Juni 2009. Doch zwei, drei Monate nach Abschluss des Vorvertrages sagte der Schweizer ab: Dessen Bank hätte bei der Ärztekammer die Patientenzahlen geprüft und die Praxis für unrentabel gehalten. Er fühle sich nun getäuscht in den Angaben zum wirtschaftlichen Ertrag der Praxis. Tatsächlich seien immer weniger Patienten gekommen, bestätigt Landgrebes einzige Mitarbeiterin vor Gericht: Es könne daran gelegen haben, dass ihr Chef zu seinen Patienten "ruppig und grob" war.

Patiententermine auch noch nach Auszugstermin

Landgrebe beharrte auf der Vereinbarung mit seinem Vertragspartner aus der Schweiz. Anwälte sollten die Angelegenheit klären, doch dem Praxisverkäufer lief die Zeit davon. Bis zuletzt hoffte er auf das Einlenken des Vermieters. Er wollte das drohende Ende nicht wahrhaben. So bestellte er zur Verwunderung seiner Mitarbeiterin über den Auszugstermin hinaus noch Patienten in die Praxis.

Hoffnung keimte auf, als sich in der letzten Woche plötzlich ein weiterer Interessent, ein Zahnarzt meldete. Doch der Kieferchirurg konnte sich mit diesem weder über den Preis einigen noch ihm die Weiterführung des Mietvertrages garantieren. "Es müsste eigentlich gehen", soll der Anwalt des Vermieters gesagt haben. "Das ist keine Grundlage, um eine Praxis zu betreiben", sagt der Interessent. Am Donnerstag, den 25. Juni 2009 erklärte er die Verhandlungen für gescheitert.

Praxis soll in Containern verschwinden

Am nächsten Tag, dem letzten als Mieter seiner Praxis, besprach Landgrebe mit einer Firma die Modalitäten für die Einlagerung seines Mobiliars. Dann schrieb er seiner einzigen Angestellten die Kündigung und ein Arbeitszeugnis. Anschließend schaffte er einige persönliche Gegenstände aus der Praxis, die er laut Videoaufzeichnung um 16.27 Uhr verließ.

Den Freitagabend verbrachte der Single vor dem Fernseher: Abendschau, Krimi, anschließend noch eine Talkshow. Ab 22.30 Uhr erfasste ihn ein zunehmende Unruhe: "Mir wurde klar, dass die Praxis, die ich jahrelang mit hohem Engagement aufgebaut hatte, in Containern verschwinden sollte." Er versuchte, die bedrückende Situation mit Beruhigungstabletten zu bekämpfen. Alle halbe Stunde nahm er eine, sechs Stück insgesamt.

Dann soll gleich alles verschwinden

Die erhoffte Wirkung blieb aus. Gegen ein Uhr nachts hielt er die Situation nicht mehr aus. "Wenn das, was ich in einem Jahrzehnt geschaffen habe, verschwinden muss, kann ich mich auch selbst auslöschen", habe er gedacht. Er ging in den Keller und holte drei Kanister Benzin: Zwei große mit 20 Litern und einen mittleren mit zehn Litern. Minütlich, sekündlich habe er zwischen "Das ist nicht das richtige Ende" und "Anders geht es gar nicht" geschwankt. Schließlich fuhr er zur Praxis, parkte das Auto in einer Seitenstraße und schleppte die Kanister in den vierten Stock des modernen Geschäftshauses.

Je zwanzig Liter Benzin kippte er an die Wände der beiden Operationssäle, tränkte insbesondere die OP-Stühle, "das Herzstück einer Arztpraxis", wie es sein Verteidiger formuliert. Zehn Liter Benzin verteilte er auf Flur, Arbeitszimmer und Eingangsbereich. Anschließend erklomm er einen OP-Stuhl mit Rädern und klebte acht von 15 Sprinklerauslässen mit Alufolie ab. "Das war eine wacklige Angelegenheit", sagt der Angeklagte. Er habe damit einen Wasserschaden für die unter seiner Praxis befindliche Rechtsanwaltskanzlei verhindern wollen - eine glücklicherweise unsinnige Maßnahme, wie der Brandsachverständige erklärte.

Aus Versehen Streichholz entzündet

"Stehend in einer Pfütze von Benzin", habe der Arzt eine Streichholzpackung aus der Tasche gezogen. Er habe im Feuer sterben, seine Probleme sofort erledigen wollen: "Ich fühlte mich in einen Trichter getrieben, aus dem ich nicht mehr heraus kam." Dann erklärt der Angeklagte, er habe in letzter Sekunde das Streichholz wieder in die Packung legen wollen. Diesen Satz leitet er ein mit den Worten: "Das wird Ihnen bizarr vorkommen." Beim Zurückpacken sei das Streichholz an die Reibefläche geraten und habe sich entzündet. Das leuchtet weder dem Gericht noch der Staatsanwältin ein. "Meine Hände waren nicht mehr ruhig", erklärt Landgrebe. Außerdem sei er als Nichtraucher ungeübt im Umgang mit Streichhölzern. Er habe die Flamme mit den Daumenspitzen ausdrücken wollen: "Es hat in dieser Sekunde nicht mehr geklappt."

Eine ungeheure Hitze entwickelte sich. Er habe einen Eimer zum Löschen holen wollen. Dabei sei er auf dem benzingetränkten Teppich ausgerutscht und auf den rechten Ellenbogen gefallen. So sei es auch dort zu einer Brandverletzung gekommen. Dann sei ihm noch eine Tür an den Kopf geflogen. Kurz nach Verlassen der Praxis hörte er hinter sich einen Knall. Den verursachte die Druckwelle, die nach zwei Seiten entwich: Auf der einen drückte sie zwei Fenster aus dem Gebäude, die auf den menschenleeren Gehweg fielen. Auf der anderen Seite wurde die Praxis-Eingangstür bis in den Fahrstuhlschacht geschleudert.

Am nächsten Tag bis zum Vormittag geschlafen

Landgrebe fuhr nach Hause, ging in die Badewanne und schlief bis zum späten Vormittag. Am nächsten Tag erschien er bei der Kriminalpolizei. Trotz Hitze trug er einen dicken, langärmligen Fleece-Pullover, erinnert sich eine Beamtin. Befragt nach seinen Verletzungen, reagierte der Arzt ausweichend: Die an den Fingern könnten von einer Desinfektionsmittelallergie stammen, die Kopfverletzung habe er sich bei einem Fahrradsturz zugezogen. "Ich hatte zu der Zeit überhaupt noch keine Beziehung zu dem, was ich getan habe", sagt der Angeklagte. "Ich habe selbst nicht geglaubt, dass ich das überlebt habe." Eine Woche nach seiner Tat wurde Landgrebe verhaftet.

Warum aber zerstört einer das, was ihm am meisten bedeutete? Wie so oft liegen die Ursachen in der Kindheit. Im konkreten Fall war es ein menschenverachtender, despotischer, prügelnder Vater, dessen Anerkennung der Angeklagte vergeblich suchte. Als ausgebildeter Zahnarzt war er in den Augen des Landarzt-Vaters kein vollwertiger Mediziner. Selbst als Landgrebe mit über vierzig Jahren obendrein noch Humanmedizin studiert hatte und dieses Fach ebenfalls mit einer Promotion abschloss, tat der Vater diese Leistungen ab: Das sei für einen Arzt nichts Besonderes. Wütend brach der Sohn den Kontakt zu seinen Eltern ab, die Kränkung blieb.

Depressiv und sozial vereinsamt

Der Angeklagte sei depressiv und sozial vereinsamt, meint der psychiatrische Gutachter. Es sei ihm schwer gefallen, die richtige Distanz zu seinen Mitmenschen zu finden. So berichtet sein Praxisnachbar von einer zunächst sehr guten Freundschaft zu Landgrebe, bis dieser dem urlaubenden Allgemeinmediziner eine bitterböse SMS schickte, in der er dem Verreisten vorwarf, verschwunden zu sein, ohne sich zu verabschieden.

Auf der Suche nach dem seelischen Gleichgewicht betätigte sich der Kieferchirurg als Marathonläufer, Rennfahrer und Kunstflieger. Hinzu kamen Phasen massiven Alkohol- und Tranquilizer-Missbrauchs. Der Psychiater spricht von einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung, deren "Ausprägung vom Erziehungsstil des Vaters begünstigt wurde". Landgrebe sei abnorm empfindlich für Kränkungen: "Gott verzeiht, ein Narzisst nie", so der Gutachter. "Der Angeklagte wollte nicht unbedingt sterben, er konnte nur nicht mit der Kränkung umgehen." Zur Tatzeit sei dieser vermindert schuldfähig gewesen, die hohe Dosis Tranquilizer habe ihn zusätzlich enthemmt. Allerdings gehöre er nicht in die Psychiatrie: "Nichts lässt darauf schließen, dass Dr. Landgrebe erneut fremdgefährlich handelt."

"Aus dem Leben geschossen"

Vier Jahre Haft fordert die Staatsanwältin für die Brandstiftung und das Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion. Sie glaubt nicht an die Geschichte mit dem versehentlich entzündeten Streichholz und an die Löschversuche, auch nicht an die Suizidabsichten: "Bei seiner geschilderten Version hätte er den Brand nicht überlebt." Die Anklägerin geht davon aus, dass sich der Mediziner einen Fluchtweg offen hielt.

Sein Verteidiger sagt, Landgrebe habe sich mit seiner Tat, "aus dem Leben heraus geschossen." Zeitlebens werde er für den Schaden aufkommen müssen. Über eine Million Euro kostete die Rekonstruktion der Praxisräume sowie die Trocknung und Renovierung der übrigen Flächen. Hinzu kommen noch die Kosten für die mehrmonatige Betriebsunterbrechung seiner Nachbarn. Der Angeklagte selbst sagt, er wolle "in der Restzeit, die ich zur Verfügung habe, den Schaden in einen Rahmen bringen, der zeigt, dass ich versucht habe, ihn wieder gut zu machen."

Eine wuchtige Straftat

"Die Straftat kommt wuchtig daher", argumentiert sein Verteidiger. "Da hat man das Gefühl, das kann nicht in den Bereich einer Bewährung kommen." Aber man könne nicht vorsätzlich eine Benzindampfexplosion auslösen, das habe der Brandsachverständige erläutert. Der Verteidiger plädiert für eine Bewährungsstrafe, also für maximal zwei Jahre Haft.

"Die Tat ist Ausdruck einer verzweifelten Wut, des schwer in seiner Ehre gekränkten, narzisstisch gestörten Angeklagten", sagt die Richterin. Zugunsten von Landgrebe glaubt sie dessen Selbstmordabsichten und daran, dass dieser nicht plante, andere Menschen mit der Tat zu gefährden. Dem Angeklagten sei aber der hohe Sachschaden und dessen Folgen anzukreiden: Seit Monaten können seine ehemaligen Nachbarn nicht mehr ihre Räume nutzen - wie der Allgemeinmediziner, der zur Zeit nur halbtags praktizieren kann und den Verlust von Patienten befürchtet.

Landgrebe soll nach dem Urteil des Gerichts in Haft: Für drei Jahre und sechs Monate.

*Name von der Redaktion geändert