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"Icke muss vor Jericht": Ein Mann, ein Kind, ein Schubser

Drei Jungen spielen Fangen im Supermarkt. Ein Paar fühlt sich davon gestört. Als es dann angerempelt wird, verliert der Mann die Beherrschung und fährt mit seinem Einkaufswagen eines der Kinder um. Es ist nicht das erste Mal, dass der 47-Jährige Probleme mit seinem Jähzorn hat.

Von Uta Eisenhardt

Ein großer, blonder Mann, dessen Haare schon leicht ergraut sind, betritt den Gerichtssaal. Zügig strebt er in die von der Richterin gewiesene Richtung. Er läuft zu weit. Erst hinter einer kleinen Balustrade lässt er sich nieder. Hier sitzen in der Regel die inhaftierten Missetäter, denn in seinem Rücken befindet sich der Zuführgang zur Justizvollzugsanstalt Moabit. Doch Detlef Brauner* möchte seinen Schutzwall mit Rundumblick gar nicht verlassen.

Brav beantwortet der 47-jährige Klinik-Hausarbeiter alle Fragen der Richterin - auch die nach seiner Gesundheit. Krank sei er nicht, nur eine Thrombose bereite ihm Probleme. Drogen würde er ebenfalls nicht nehmen, sein einziges Laster sei das Rauchen. "Das sollte Sie bei Thrombose eigentlich lassen", tadelt die Richterin. "Ja, da haben Sie Recht!", sagt Brauner. Lammfromm und leicht lenkbar wirkt der Mann, der nach der Hauptschule seine Malerlehre abgebrochen hat. Nur schwer bringt man ihn mit der Anklage in Verbindung: Er soll mit seinem Einkaufswagen ein Kind geschubst haben.

Ein Supermarkt ist kein Kinderspielplatz

Samstagnachmittags bummeln Detlef Brauner und seine langjährige Freundin gern durch einen riesigen Supermarkt. Auch an jenem Tag führte ihr Weg zunächst in die Medienabteilung, zu den Fernseh- und Hunde-Zeitschriften. "Wir sind auch sehr CD-interessiert", erzählt Rita Wendel*, eine kleine, dicke Brillenträgerin dem Gericht. Doch diesmal wurde ihr Lese-Vergnügen von drei lärmenden Jungen geschmälert, die durch die Gänge tobten.

Die Zehnjährigen umkreisten den Einkaufswagen des Paares. "Wie die Irren", sagt der Angeklagte. Das ist kein Spielplatz, rief er ihnen zu. Die Kinder habe das nicht interessiert, irgendwelche Eltern waren auch nicht zu sehen. Das habe ihn gewundert, denn "auch Ältere machen noch Mist", sagt der kinderlose Brauner.

Als einer der Jungen dann auch noch seinen Wagen anrempelte, verlor er die Beherrschung. Das nächste Kind, das aus einem der Gänge hervor sprang, schubste er mit dem Wagen in eine Palette mit Nudeln, die dort als Sonderangebot aufgebahrt waren. "Aus Wut, nur aus Wut", habe er so reagiert, sagt der Angeklagte. Es sei ein großer Fehler, ein Ausrutscher gewesen: "Aber ich habe sie vorher gewarnt!"

Umgefahren mit dem Einkaufswagen

Marc Beyer* kommt direkt von der Schule in den Gerichtssaal. Einfühlsam erklärt die Richterin dem aufgeweckten Jungen mit dem gegelten Haarkamm, wen er hier vor sich hat. "Ich bin die Richterin und die andere Fledermaus ist die Staatsanwältin." Ohne Stocken erzählt der Zehnjährige von seinem Besuch im Supermarkt. Der Vater seines Freundes habe in der oberen Etage ein paar Einkäufe erledigt. "Wir sollten bei den Gameboy-Spielen bleiben." Was solltet ihr dort tun, will die Richterin von dem Jungen wissen. "Warten, Spiele angucken, keine Ahnung", erhält sie zur Antwort. "Wir sind dann rumgerannt. Mein Freund ist raus aus den Gängen an einem Einkaufswagen vorbei", sagt Marc. "Hat Herr Brauner gesagt, das ist kein Spielplatz", fragt die Richterin. Das hat der Junge nicht gehört: "Vielleicht die anderen, ich war weiter hinten." Detlef Brauner habe dann gesagt: "Jetzt reicht es mir!" und ihn mit dem Wagen angefahren. Marc fiel hin, verletzte sich an den Rippen und der Hand: "Da habe ich geweint." Erschrocken sei er gewesen und ängstlich, dass Brauner "es noch mal macht." Fandest du das in Ordnung, was du und deine Freunde dort veranstaltet haben, will die Richterin wissen. "Ne", sagt der Junge, "nicht wirklich."

Er sei dann zum Vater seines Freundes, einem Arzt, gelaufen und habe ihm seinen Unterarm gezeigt. "Ich habe eine Prellmarke erkannt", sagt der Vater dem Gericht. Er sprach Detlef Brauner an. "Der Vater war sehr ruhig. Er sagte: Sie haben mein Kind verletzt'", beschreibt Rita Wendel, die Freundin des Angeklagten, diese Situation. Detlef Brauner habe daraufhin den Vater beleidigt.

Probleme mit der Selbstbeherrschung

"Er hat mich beschimpft", sagt der Arzt. Da er mit dem erregten Mann kein Gespräch führen konnte, wandte sich der Vater an den Sicherheitsdienst. Der rief die Polizei. "Die Beamten sagten, das sind ja nur Kinder, wir Erwachsenen hätten das zu ignorieren", sagt Rita Wendel. "Ich bin auch erzogen worden, ich hätte mir das nicht erlauben können!" Am empörendsten findet die 56-Jährige, dass die Polizisten dem Paar unterstellt hätten, es würde auf Spielplätze gehen und dort auch Kinder schubsen.

Rita Wendel kennt ihren Freund seit neun Jahren und weiß: "Er ist sehr aufbrausend, wenn ihm was nicht passt. Er wird sehr laut, er hat ja sowieso eine sehr laute Aussprache." Vor drei Jahren wurde der Angeklagte schon einmal wegen Beleidigung zu einer Geldstrafe verurteilt. Damals sei er von einem Auto angefahren worden und habe dann fluchend dessen Nummernschild demoliert. "Ich habe den Eindruck, Herr Brauner, Sie müssen ein bisschen an Ihrer Selbstbeherrschung arbeiten!", sagt die Richterin. "Sie haben vollkommen Recht", sagt der Mann hinter der Balustrade nun schon zum zweiten Mal.

Die Richterin und die Staatsanwältin wollen Marcs Freunde nicht mehr als Zeugen hören. Außerdem entscheiden sie, dass ein Einkaufswagen kein gefährliches Werkzeug sei. Man habe hier nur über eine einfache statt über eine gefährliche Körperverletzung zu entscheiden. Letztere würde eine Strafe von mindestens sechs Monaten Haft nach sich ziehen.

Eine Geldstrafe für den Angeklagten

Die Staatsanwältin kann nachvollziehen, dass man sich darüber ärgert, wenn Kinder im Supermarkt spielen: "Aber es ist weder Ihr Laden, noch Ihr Kind." Der Angeklagte will etwas entgegnen. "Herr Brauner!", mahnt die Richterin und legt ihren Zeigefinger auf den Mund. Erschrocken wie ein ertapptes Kind legt nun auch der Angesprochene seine Hand auf den Mund - und schweigt.

Die Staatsanwältin argumentiert weiter, eine permanente Aufsicht der drei Jungen sei nicht nötig gewesen: "Das sind Zehnjährige. Die kann man kurze Zeit unbeaufsichtigt lassen in der Meinung, sie beschäftigen sich mit Videospielen!" Aber Kinder seien nun mal Kinder: "Sie benehmen sich oft nicht so, wie es sich die Erwachsenen wünschen!" Das Paar hätte weggehen und in zehn Minuten wieder kommen können: "Es gibt immer eine andere Möglichkeit, als Kinder zu schubsen", sagt die Anklägerin und fordert eine Geldstrafe von 1000 Euro (25 Tagessätze).

Die Richterin bestätigt diese Strafe. Es sei nicht schön, wenn Kinder den Einkaufsladen mit einem Spielplatz verwechseln würden, aber "das sind Zehnjährige, da hat ein Erwachsener die Beherrschung zu behalten!" "Ist ja richtig", sagt Detlef Brauner. Die Richterin hofft, dass ihm der Prozess gezeigt habe, dass er seine Wut nicht einfach so raus lassen dürfe. Ob er das Urteil annehmen will?

"Ich nehme es dann, was soll ich groß drum herum reden", sagt Brauner. In Zukunft solle er in so einem Fall die Eltern oder die Aufsicht im Laden ansprechen, empfiehlt ihm die Richterin: "Oder Sie knirschen mit den Zähnen und gehen weg!" Dann wendet sie sich an die drei Jungen. Die sollen das Fangespielen auf dem Spielplatz erledigen und nicht im Geschäft. Die drei Schulfreunde nicken brav.

* Namen von der Redaktion geändert