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"Icke muss vor Jericht": Ein Mann will nach oben

Ein windiger Unternehmer betreibt eine Hostessen-Agentur und gerät in finanzielle Bedrängnis. Statt den Hostessen ihr Honorar zu zahlen, schreibt er ihnen einen Brief: "Warten ist die einzige Möglichkeit, jemals sein Geld zu sehen!" Der Brief erleichtert dem Richter die Arbeit.

Von Uta Eisenhardt

Sein Mandant verspäte sich eine Viertelstunde, sagt der Verteidiger. Allerdings habe er bei seiner Kundschaft desöfteren die Erfahrung machen müssen, dass eine angekündigte Viertelstunde einer tatsächlichen halben Stunde entspräche. "In diesem Beruf wird man pessimistisch", sagt der Anwalt und ruft seinen Mandanten noch einmal an. Der sitzt inzwischen im Bus und beteuert seine Unschuld. Die S-Bahn sei durch einen "Personenschaden" an der Weiterfahrt gehindert worden. "Das prüfen wir nach!", sagt der Protokollant zum Richter, während die Staatsanwältin über die Zunahme von "Personenschäden" bei der Bahn sinniert. Das sei die Umschreibung für Selbstmord, weiß der Verteidiger. Die Bahn verschleiere die Wahrheit wegen der potentiellen Nachahmer.

In diese Unterhaltung platzt ein großer, dunkelblonder Mann mit blassen Augen. Sein Gesicht wird von einer großen Nase dominiert. Maik Krull* trägt einen schwarzen Anzug, seine Schuhe sind geputzt, der schwarze Mantel und ein edler Schal behaupten den erfolgreichen Unternehmer. Doch der 40-Jährige segelt finanziell am Abgrund.

Ein Leben auf 600-Euro-Basis

600 Euro verdient er im Monat. "Ich lebe spartanisch", sagt Krull. Die Hälfte seiner Einnahmen geht für die Wohnung im Mahrzahner Plattenbau drauf, in die er vor kurzem wegen der günstigen Miete zog. Von dort organisiert der umtriebige Mann eine bundesweite Miss-Wahl. Außerdem ist seine Wohnung der Sitz eines Online-Reisebüros und des Personalbüros "Schönste Schönheiten"*. "Das läuft eher schlecht", sagt der Angeklagte. Im vergangenen Jahr zeigten ihn sieben Hosts und Hostessen an, weil er ihnen das Honorar nicht zahlte. Krull schuldet ihnen Beträge zwischen 250 und 1000 Euro, insgesamt sind es 3500 Euro. Schon beim Abschluss der Arbeitsverträge habe er vorgehabt, mit dem Hostessen-Honorar andere Löcher seines finanziell angeschlagenen Unternehmens zu stopfen, wirft ihm die Staatsanwältin vor.

Das gibt der Angeklagte auch zu. Er habe im vergangenen Jahr Aufträge verloren, die übrigen seien nicht so lukrativ: "Ich hab halt nicht die Kontakte." Als dann noch zwei Kunden ihre Rechnungen nicht bezahlt hätten, sei es "zu größeren Verzögerungen" gekommen. Permanent hätten die jungen Männer und Frauen nach ihrem Geld gefragt. "Wenn jeden Tag das Telefon klingelt, kann man nicht mehr arbeiten", sagt Krull.

Darum verfasste er im Juni letzten Jahres einen Brief. An etwa 40 Gläubiger schrieb er, sie sollen sofort ihre Mahnverfahren stoppen. Seit nunmehr sechs bis acht Monaten laufe es bei ihm schlecht. Es gäbe bei ihm auch nichts zu pfänden - kein Auto, keine Wertsachen. Die Empfänger des Briefes mögen "Dinge wie Anwälte und Zinsen vermeiden", bat Krull. "Jede Mahnung erhöht die Summe der Schulden!" Er hoffe, mit viel Arbeit die kritische Phase zu überstehen und appellierte: "Denken Sie an die über einhundert Praktikanten, deren Zeugnis wertlos wäre, wenn 'Schönste Schönheiten' nicht mehr existiert! Warten ist die einzige Möglichkeit!", erklärte der Unterzeichner des Briefes.

"Promoter für Messen gibt es genug"

Krull versteht nicht, warum er sich nun vor Gericht verantworten muss: "Wir bestreiten das ja nicht!" Der Richter versucht, es ihm zu erklären: "Hätten Sie den Damen und Herren gesagt, meine Geschäfte laufen schlecht, zahlen kann ich nicht. Dann hätten die nicht für sie gearbeitet!" "Möglicherweise", sagt der bislang nicht vorbestrafte Angeklagte. "Das war mir nicht klar, dass das Betrug ist."

Er habe inzwischen fast alles beglichen, verteidigt sich Krull. Nur von einer Frau habe er in seinem Berg von Mahnungen keine Bankverbindung finden können. "Aber das können wir auch sofort bezahlen." Er überreicht dem Gericht seine Einzahlungsbelege. "12:56 Uhr", verliest der Protokollant mit vorwurfsvollem Unterton - eine Stunde vor dem Verhandlungstermin wurden die seit einem Jahr bestehenden Schulden beglichen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Welche Strafe der Angeklagte erhält.

Ob diese Menschen noch für ihn arbeiten werden, fragt der Richter. "Promoter für Messen gibt es genug", sagt der Angeklagte. Die Antwort klingt gleichmütig und enthält kein Zögern, keine Scham. Früher habe er die Hostessen auf der Straße oder auf Messen gesucht, heute fände er sie im Internet. Dort gibt es die Seite "Model-Online", auch bei StudiVZ und Facebook existieren Modelgruppen.

"Das erlebt man selten"

"Wer ist denn 'wir'", will die Staatsanwältin wissen. "Vier Praktikanten und ich", sagt der Einzel-Unternehmer und entschuldigt sich: "Ich bin das so gewohnt, 'wir' zu sagen." Seine Mitarbeiter vermittle ihm die Arbeitsagentur. "Glücklicherweise gibt es genügend Praktikanten", lautet der nächste schamlose Satz aus Krulls Mund. "Lohnkosten habe ich Null. Das mache ich seit Jahren. Das läuft sehr gut", sagt der Angeklagte. Allein ginge es gar nicht, denn die Arbeit sei sehr zeitaufwändig. Man müsse viel telefonieren und recherchieren.

Ein moralisches Urteil über Krulls Geschäftsgebaren steht dem Gericht nicht zu, es bewertet lediglich die Strafbarkeit seines Verhaltens. Die Staatsanwältin hegt den Verdacht, dass mit der Anklage nur die Spitze des Eisberges getroffen wurde: "Nicht jeder stellt eine Anzeige", sagt sie in ihrem Plädoyer und will den Angeklagten wegen gewerbsmäßigen Betruges mit 14 Monaten Haft zur Bewährung bestrafen. Der Verteidiger preist die Schadenswiedergutmachung seines Mandanten: "Das erlebt man selten." Er plädiert auf eine Bewährungsstrafe von nicht mehr als einem Jahr.

Eine seltsame Misswahl

Der "Schönste Schönheiten"-Inhaber hat Glück, denn er ist heute nicht der einzige Betrüger, den der Richter verurteilen muss. Der Delinquent vor ihm scheiterte mit einem Online-Reisebüro und hinterließ bei 25 Kunden einen bislang nicht beglichenen Schaden von 50.000 Euro. Die Quittung dafür waren 17 Monate Haft auf Bewährung. Daran gemessen bekommt Maik Krull nun fünf Monate weniger zugesprochen. "Dass Sie die Taten wieder gut gemacht haben, unterscheidet Sie von dem Herrn heute vormittag", sagt der Richter. Drei Jahre lang muss Krull sich bewähren, "drei Mal die Erde um die Sonne", mahnt der Richter. "Das wird nicht einfach, Sie leben in einem gefährlichen Bereich!"

Der Richter erklärt dem vor ihm Sitzenden auch, warum er ihn verurteilen konnte, denn Zahlungsunfähigkeit allein ist nicht strafbar. Nur durch die Täuschung über seine finanzielle Lage wurde daraus ein Betrug. Meist sei die Täuschungsabsicht nur schwer nachweisbar, verrät der Richter. Doch Krulls Brief, in dem er von den bereits Monate vor Abschluss der Honorarverträge bestehenden Schwierigkeiten berichtete, käme einem Geständnis gleich.

Diese Lektion hat der windige Unternehmer garantiert begriffen. Ob er nun ehrlichere Geschäfte machen wird, darf man bezweifeln. Derzeit kursieren Berichte über die von Krull ins Leben gerufene Misswahl: Auch dort würde es nicht mit rechten Dingen zugehen.

* Name von der Redaktion geändert