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"Icke muss vor Jericht": Eine Geschichte über die Lüge

Es gibt bisweilen bizarre Lösungen für vermeintliche Notsituationen: So im Fall einer jungen Berlinerin: Die berichtete der Polizei, sie sei vergewaltigt worden. Zwei Freundinnen hatten ihr zu dem Schritt geraten. Kurze Zeit später stand sie vor Gericht: Als Angeklagte.

Von Uta Eisenhardt

Bei manchen Verhandlungen dringt die eigentliche Geschichte, um die es geht, nur zaghaft an die Öffentlichkeit: Scheu lugt sie mit dem Kopf aus dem schmutzig-roten Deckel der Gerichtsakte hervor, während ihr Hintern zwischen den darin abgehefteten Dokumenten förmlich stecken bleibt. Das ist der Verteidigungstaktik, manchmal auch der Prozessökonomie geschuldet: Es reicht, wenn das Gericht die Fakten kennt.

Zu einem solchen Prozess humpelt Gabriele Kunz*, auf eine Gehhilfe gestützt, in den Sitzungssaal. Der ist riesig, denn das vor über 100 Jahren erbaute "Caiserliche Criminal-Gericht" wollte mit seinen extrem hohen Decken bewusst Angst einflößen. Einige Meter muss die junge Frau bis zu ihrem Platz zurück legen. Dort sitzt sie Auge in Auge mit dem grauhaarigen, bärtigen Richter. Der hatte es abgelehnt, der 29-Jährigen einfach einen Strafbefehl - also ein Urteil ohne Verhandlung - zu schicken. Er will sich selbst ein Bild von der arbeits- und berufslosen Frau machen, die wahrheitswidrig bei der Polizei eine Vergewaltigung anzeigte und dieses Vortäuschen einer Straftat so ungewöhnlich begründete.

Kein Flehen nutzte

Da sitzt sie nun vor ihm: Eine große, füllige Rothaarige mit Stupsnase und kurzem Pferdeschwanz, aus dem sich einzelne Strähnen lösen, die hinter ihren Ohren Halt suchen. Ihr mit Schmetterlingen übersätes, türkisfarbenes T-Shirt und die bestickte Jeans behaupten eine Lebensfreude, die gänzlich im Kontrast zu ihrer Geschichte steht.

"Es war psychisch eine schwere Zeit", sagt die Angeklagte mit einem tiefen Seufzer über den vergangenen Jahreswechsel. Ihre beiden besten Freundinnen seien aus Berlin weggezogen. Der Abschied von ihnen sei ihr sehr schwer gefallen. Sie habe die beiden Frauen angefleht, sie mögen doch bleiben. Um sie von ihrem Entschluss abzubringen, erzählte sie den Freundinnen, jemand habe sie vergewaltigt. Sie hoffte, dass man Mitleid mit ihr haben, dass man sie in dieser Situation nicht allein lassen würde.

Anzeige gegen Unbekannt

Doch die Freundinnen reagierten pragmatisch, sie empfahlen den Gang zur Polizei. "Das haben Sie dann gemacht", sagt der Richter mit einem Blick in die Akte. Die Angeklagte nickt. Anfang Januar rief sie beim Berliner Polizeipräsidium an und erstattete Anzeige gegen Unbekannt. Doch die erfahrenen Beamten bemerkten die Widersprüche und Ungereimtheiten in ihren Angaben. Mehrmals luden sie die junge Frau zur Vernehmung - bis sie die Wahrheit erfuhren.

"Ist Ihnen das klar, dass Sie wegen der ganzen Lügerei die Polizei von der Arbeit abgehalten haben?" fragt der Richter. "Das ist mir bewusst", haucht die Angeklagte. Sie sehe ein, dass das falsch war, es tue ihr sehr leid. Und die Freundinnen, haben die den Hilfeschrei erhört und sind geblieben? Nein, sagt Gabriele Kunz. Die eine sei weggezogen. Mit der anderen habe sie keinen Kontakt mehr: "Es gab Meinungsverschiedenheiten, wir haben uns verstritten", stammelt die junge Frau.

Eine richterliche Mahnung statt Strafe

Die Akte auf dem Richtertisch enthält auch ein Attest, in dem ein Arzt der Angeklagten psychische Probleme bescheinigt. Der Richter hat genug erfahren. Er will sich nun hinter verschlossenen Türen mit der Staatsanwältin und der Verteidigerin beraten. Gabriele Kunz muss noch einmal aus dem Saal humpeln, bevor sie fünf Minuten später erfährt, dass das Verfahren ohne jede Auflagen eingestellt wird. Bis zu drei Jahren Haft oder Geldstrafe hätte das Gericht verhängen können. Eine letzte, richterliche Mahnung begleitet die Rothaarige auf ihrem Weg zum Ausgang: "Machen Sie so etwas nie wieder, Frau Kunz!"

* Name von der Redaktion geändert