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"Icke muss vor Jericht": Einkaufen mit der Nagelschere

Eine 60-Jährige steht vor dem Richter, weil sie einen Diebstahl mit Waffen begangen haben soll. Doch die Nagelschere, die sie ins Kaufhaus mitgebracht hatte, diente einem gänzlich anderen Zweck.

Eine Nagelschere brachte eine Frau in Verdacht, einen bewaffneten Diebstahl begangen zu haben

Eine Nagelschere brachte eine Frau in Verdacht, einen bewaffneten Diebstahl begangen zu haben

Diebstahl mit Waffen ist ein ernster Vorwurf, sagt der Richter. Und eine Nagelschere sei nun mal eine Waffe. "Stellen Sie sich mal vor, Sie wären an einen nicht so netten Detektiv geraten und dann fällt Ihnen ein, die Nagelschere auch einzusetzen!" Mindestens sechs Monate Haft ziehe eine solche Tat nach sich. "Ich habe die Nagelschere nicht mitgenommen, um jemanden anzugreifen, sondern um mir die Haare zu schneiden!", sagt Gabriela Kerner* "Ich weiß, das klingt lustig. Aber seit zehn Jahren gehe ich in dieses Kaufhaus und schneide mir in der Umkleidekabine die Haare, weil es dort einen großen Spiegel gibt, wo man sich von hinten begucken kann."

Als die kleine, füllige Frau mit den tiefrot gefärbten Haaren im April letzten Jahres auf dem Weg zu ihrem Frisierspiegel war, sah sie ein T-Shirt, das ihr gefiel. Sie probierte es in der Kabine an. "Es passte gut zu meinem Pullover", sagt die 60-jährige Ernährungswissenschaftlerin. Sie beschloss, dass sechs Euro teure Stück anzubehalten. Mit der Nagelschere schnitt sie die "die Pieps-Dinger" heraus und legte sie in ihre Tasche: "Weil ich der Kassiererin die Etiketten geben wollte."

Probleme, sich etwas zu merken

Dies hätte wohl auch geklappt, wenn die an Multiple Sklerose erkrankte Frau nicht anschließend in die Lebensmittel-Abteilung gegangen wäre. Die Krankheit führt nämlich zu motorischen und kognitiven Defiziten: Gabriela Kerner habe Probleme, sich zu konzentrieren und etwas zu merken - so steht es in dem ärztlichen Attest, das sie dem Richter überreicht.

Über ihrem halbstündigen Einkauf vergaß die Kundin nicht nur die abgetrennten Sicherungsetiketten, auch das neue T-Shirt auf ihrem Leib war ihr nicht mehr präsent. Es fiel ihr auch nicht ein, als sie ihre Lebensmittel bezahlen wollte und mit den Etiketten in ihrer Tasche einen Alarm auslöste.

"Völlig perplex"

"Ich war total geschockt, völlig perplex", sagt die Angeklagte dem Richter. Ein herbei geeilter Detektiv schaute in ihre Tasche, in der er zunächst nur eine Nagelschere, eine Tüte und ein Schlüsselbund entdeckte. Ob sie ein Kleidungsstück mit einer Wäschesicherung trage? Gabriela Kerner wusste es nicht. Aus einer kleinen Seitentasche förderte der Detektiv die abgetrennten Etiketten zutage. Aber selbst deren Anblick setzte die Erinnerung der Kundin nicht in Gang.

Erst als sie sich in Gegenwart einer Kassiererin ausziehen sollte, fiel es ihr ein. "Ich habe es zum ersten Mal gemacht", soll sie dem Detektiv gesagt haben. "Das glaube ich der Dame, denn sie wurde knallrot", sagt der Zeuge dem Gericht. Er kann sich noch sehr gut an diese Kundin erinnern: "Sie war sehr höflich und sachlich." Auch Gabriela Kerner fühlte sich von ihm gut behandelt: "Sie haben Ihren Job sehr souverän gemacht und keine Geringschätzung gezeigt", lobt sie ihn von der Anklagebank.

"Nicht mit Vorsatz geklaut"

"Ich habe nicht mit Vorsatz geklaut, sonst hätte ich die Etiketten weggeschmissen. Das waren sechs Euro, das kann ich mir leisten", sagt die Frau, die seit der Schließung ihres kleinen Bio-Ladens einen 500-Euro-Job als geronto-psychologische Betreuerin von Demenzkranken ausübt. "Formaljuristisch ist das ein Diebstahl", sagt Gabriela Kerner. Ihre halbe Familie einschließlich ihrer Tochter seien studierte Juristen. "Aber die wissen nicht, dass ich hier bin", sagt sie mit spitzbübischem Lächeln.

Der Richter gibt sich noch immer skeptisch: Wieso schneide sich die Angeklagte ihre Haare ausgerechnet mit einer Nagelschere? Das dauere doch ewig? "Ich schneide die doch nicht gerade!", erwidert Gabriela Kerner. "Ich ratsche die mit der Schere so ab, damit das ein bisschen wuscheliger aussieht." Und das funktioniere mit einer Nagelschere, fragt der Richter noch immer staunend. "Ganz toll!", versichert ihm sein Gegenüber. "Mir wurden noch nie die Haare mit einer Nagelschere geschnitten", stellt der Richter fest, der sein glattes Haar zur Seite gescheitelt trägt. Die Angeklagte pariert: "Sie haben ja auch eine gerade Schnittkante! Ich dagegen will die Strähnen durcheinander haben!" Und wo sind die abgeschnittenen Haare geblieben? In einer Tüte, die sie auf dem Weg zur Lebensmittelabteilung in einen Abfalleimer getan habe.

Staatsanwalt fordert Bewährungsstrafe

Den jungen Vertreter der Staatsanwaltschaft überzeugt diese Erklärung nicht. Er fordert sechs Monate Haft zur Bewährung. Doch der Richter spricht Gabriela Kerner frei - mit einem Lächeln in den Mundwinkeln. "Objektiv haben Sie einen Diebstahl begangen, aber subjektiv? Ich kann es Ihnen nicht nachweisen."

Er hege trotz ihrer absolut einzigartigen Erklärung Zweifel, dass sie vorsätzlich gehandelt habe. Wenn man schon so professionell die Etiketten abschneide, würde man diese hinterher auch wegschmeißen. "Und wenn man dann erwischt wird, dann denkt man sich eine andere Geschichte aus, als diese hier. Sie sagen ja selbst, Ihre Erklärung klingt absurd." Der Richter glaube ihr nicht zuletzt deshalb, weil er in der Verhandlung einen Eindruck von der Angeklagten gewonnen habe: "Man mag Sie als exzentrisch bezeichnen - dazu gehört Haare schneiden in der Umkleidekabine."

"Ich bin sehr froh über dieses Urteil", sagt Gabriela Kerner. Ein wenig muss der Richter ihre Freude dämpfen: Die Staatsanwaltschaft kann sich eine Woche lang überlegen, ob sie gegen das Urteil in Berufung geht.

* Name von der Redaktion geändert