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"Icke muss vor Jericht": Gescheiterte Familienzusammenführung

Eine Kenianerin soll ihre Tochter mit einer Peitsche geschlagen und ihre Enkelin in ihre Heimat verschleppt haben. Vor Gericht stellt sich plötzlich einiges an dem Fall anders dar - selbst, was die Verwandtschaftsverhältnisse von Mutter und Tochter angeht.

Von Uta Eisenhardt

Eine Peitsche liegt auf dem Richtertisch. Als die Zeugin Viktoria Mabuko* sie sieht, fängt sie an zu weinen. "Natürlich kenne ich diese Peitsche", sagt die kleine 19-Jährige unter Tränen. "Mama hat mich damit geschlagen." Die hübsche Kenianerin, die mit ihrem herzfömigen Gesicht und ihrem großen Schmollmund an eine Manga-Comic-Zeichnung erinnert, ist die Hauptbelastungszeugin im Prozess gegen Scholastica Beyer*: Die soll ihre Tochter geschlagen und obendrein ihre heute sechsjährige Enkelin nach Kenia verschleppt haben.

In ihrer Heimat hat die Angeklagte als Schauspielerin bei der Kenya Broadcasting Corporation gearbeitet, bevor sie ihrem Mann nach Deutschland folgte. Jetzt habe sie angefangen, Geologie zu studieren, sagt die füllige 46-Jährige. Sie ist ungeschminkt, ihr kurzes krauses Haar wirkt fusselig - ganz im Gegensatz zu ihrer Tochter, ihrer Schwester und ihrer Nichte, die sich figurbetont kleiden, die Lippen anmalen, das Haar färben, glätten oder flechten.

"Ich habe nur diese Mama"

Im Dezember 2005 reisten Viktoria Mabuko und ihre fast dreijährige Tochter June* nach Berlin. Sie zogen zu Scholastica Beyer und deren Mann Michael. Die waren damals bereits seit fünf Jahren verheiratet. Mutter und Tochter hatten sich in dieser Zeit nur besuchsweise gesehen. In Deutschland wollte die junge Kenianerin eine Ausbildung zur Krankenschwester machen. Doch keine zwei Wochen später geriet die 16-Jährige mit ihrer Mutter in Streit. Da sei die Peitsche das erste Mal eingesetzt worden, sagt Viktoria Mabuko.

Während die junge Frau vor Gericht aussagt, meldet sich der Experte für die DNA-Spuren zu Wort. Er wundert sich über die Bezeichnung Mutter und Tochter, welche die Angeklagte und die Zeugin verwenden. "Die sind miteinander verwandt", sagt der Fachmann, "aber nicht ersten Grades!" Er tippt auf Cousine oder Tante, genauer könne er das nicht sagen. Viktoria Mabuko versichert daraufhin dem Gericht, sie sei die Tochter der Angeklagten: "Ich habe nur diese Mama." Das war am ersten Verhandlungstag.

Vier Wochen später, am letzten Verhandlungstag, gibt die Angeklagte unter dem Druck der wissenschaftlichen Erkenntnisse eine Erklärung ab. "Ich bin nicht die leibliche Mutter", trägt ihr Anwalt vor.

Viktoria Mabuko sei das Kind ihrer Schwester Florence. Sie habe das Kind angenommen und aufgezogen, weil dessen leibliche Mutter bei Viktorias Geburt arbeitslos war und sich nicht um das Kind kümmern konnte. Adoptiert habe sie die junge Frau nicht. "Aber nach kenianischem Recht bin ich die Mutter und fühle mich auch so." Für ihre eigentlich jetzt leibliche Nichte ist diese Information völlig neu.

Mit dem Peitschengriff ins Gesicht

Viktoria Mabuko berichtet, sie sei schon für kleinste Versäumnisse gezüchtigt worden. Das erste Mal anlässlich einer Verspätung: Die Neu-Berlinerin verirrte sich auf dem Rückweg von der Volkshochschule, an der sie die deutsche Sprache erlernen sollte.

Anschließend habe ihre Tante sie mit der Hand und dem Peitschengriff ins Gesicht geschlagen. Wenn sie nicht ordentlich putzte, habe sie Hiebe auf die Finger bekommen. Ein anderes Mal zeigte sie dem Kontrolleur in der S-Bahn die falsche Fahrkarte. Die Rechnung über das erhöhte Beförderungsentgelt soll Scholastica Beyer ebenfalls mit dem Peitschengriff geahndet haben.

Möglicherweise musste sich die Jugendliche damals auch vor die Angeklagte stellen, während sie auf der Couch gesessen und sie mit der Peitsche traktiert habe. So genau weiß Viktoria das nicht mehr. Zu oft sei sie geschlagen und beschimpft worden, jede Woche mindestens einmal. Der Dolmetscher übersetzt ihre Worte. Mabuko spricht nur wenig Deutsch: "Mama hat mich zu Hause wie eine Sklavin benutzt." So habe sich etwa mit dem benutzten Waschwasser ihrer Stiefmutter säubern müssen.

Von den Schlägen habe sie zwar nicht geblutet, aber dunkle Flecken an den Fingern bekommen und darum zuweilen die Schule nicht besuchen dürfen. Dazu erklärt der Rechtsmediziner dem Gericht, bei Dunkelhäutigen seien Hämatome nicht rot-blau, sondern schwarz. Außerdem skizziert Viktoria Mabuko dem Gericht die streifenförmigen Verletzungen, welche der zwei Meter lange, geflochtene Riemen auf ihrem Rücken hinterlassen habe.

Deutschlehrerin war einzige Vetrauensperson

Doch wie kann die junge Frau, die der sitzenden Stiefmutter gegenüberstand, an der abgewandten Seite verletzt worden sein? Auch diese Frage beantwortet der Rechtsmediziner: Die Peitsche wickele sich um den Körper. Dabei beschleunige sich vor allem das dünne Ende und hinterlasse schon bei mäßigen Schlägen Prellungen. Bei stärkeren Schlägen könne die Haut sogar platzen.

Ein Jahr wohnte Viktoria Mabuko bei den Beyers. Dann berichtete die inzwischen 17-jährige Kenianerin ihrer Deutschlehrerin von den erlittenen Demütigungen und wurde beim Jugendnotdienst untergebracht. Ihre nun vierjährige Tochter, deren Vormund Scholastica Beyer war, ließ sie zurück. Aus Angst vor ihrer Stiefmutter habe sie sich nicht getraut, die Kleine zu sich zu holen, berichtet die Sozialarbeiterin vom Jugendamt.

Kurz nach Mabukos Flucht schrieb ihre Stiefmutter einen Brief an die Ausländerbehörde und erkundigte sich, ob sie ihre Tochter und ihre Enkelin nach Kenia zurück schicken könne. In einem Nebensatz erwähnte sie, Viktoria Mabuko würde ihr Kind schlagen. Daraufhin wurde die Jugendliche von der Polizei vernommen und bekundete dort, sie sei nicht die Schlägerin sondern diejenige, die geschlagen werde. Diese Angaben führten zu Ermittlungen gegen Scholastica Beyer.

"Ich weiß, was Schläge sind"

Die Angeklagte bestreitet jedoch, ihre Stieftochter geschlagen zu haben. Sie glaubt vielmehr, Viktoria Mabuko sei zum Jugendnotdienst gerannt, weil sie von den Beyers nicht nach Kenia zurück geschickt werden wollte. Später habe sich die junge Frau die Schläge mit der Peitsche ausgedacht, um der Bestrafung wegen der Misshandlung von June zu entgehen - so argumentiert ihre Stiefmutter.

Auch deren Mann Michael glaubt an diese Version. Ein Auspeitschen hat der Versicherungsangestellte nicht beobachtet. Dafür berichtet er, Viktoria habe ihre Tochter beschimpft, auf den Boden geworfen und ins Gesicht geschlagen. "Ich bin mit fünf Geschwistern aufgewachsen. Ich weiß, was Schläge sind", sagt der Zeuge.

Im Sommer 2007, sieben Monate nach Mabukos Flucht, flog die Angeklagte mit ihrer Enkelin nach Kenia. Den Pass ihrer Stieftochter, in dem June Mabuko eingetragen war, nahm sie mit. In Afrika hätten sich die beiden erholt und angeblich vier Monate auf Junes Mutter gewartet, sagt Beyer. Doch wie sollte die ohne Pass reisen?

Selbst der Staatsanwalt glaubt an die Unschuld der Angeklagten

Seitdem lebe das kleine Mädchen in Mombasa bei Beyers Schwester Florence. "Viktoria weiß das", sagt die Angeklagte. Ihre Stieftochter habe auch telefonischen Kontakt zu der inzwischen Sechsjährigen. "Aber sie hat nicht gesagt, dass sie June zurück haben will." Scholastica Beyer verteidigt sich, sie habe ihre Enkelin nach Kenia gebracht, um sie zu schützen. Viktoria Mabuko sei "nicht ganz dicht im Kopf" und würde Drogen nehmen. Weil die Kleine von ihrer Mutter geschlagen worden sei, habe sie nach jeder Begegnung mit ihr Albträume bekommen und ins Bett gemacht.

Der Richter hat noch etwas in Erfahrung gebracht: In Kenia habe sich die Angeklagte mit ihrer Schwester Florence über das Sorgerecht für June gestritten. Das Gericht bestimmte Florence zum Vormund. Außerdem habe das Ministery for Gender and Child Cares angeordnet, June Mabuko dürfe das Land nur mit Erlaubnis des Ministeriums und nur in Begleitung ihrer Mutter verlassen. Der Richter wundert sich: Wie passe das zusammen, die Sicherheit der Enkelin und der Streit mit ihrem gesetzlichen Vormund?

Dennoch ist der Staatsanwalt nicht mehr von der Schuld der Angeklagten überzeugt. Für ihn stellt sich die Situation nun anders als in seinen Akten dar. Die Schläge hält er "für möglich, aber nicht für bewiesen." An der Peitsche, die erst fast zwei Jahre nach Mabukos Auszug untersucht wurde, fanden sich weder Blutspuren und noch Hautpartikel. Trotzdem hielt ein Gutachter die Züchtigungen für möglich. Der Staatsanwalt bleibt skeptisch: "Ich habe Schwierigkeiten, mir vorzustellen, dass sich vom Sofa sitzend die Peitsche so herumgeschlängelt haben soll."

Gewalt gehörte zum Alltag

Seiner Meinung nach habe die Angeklagte ihre Stieftochter auch nicht daran gehindert, June Mabuko aus Mombasa zu holen. Es habe lediglich am Pass und an Mabukos Willen gefehlt. Er fordert den Freispruch, genauso wie der Verteidiger. Der verweist auf Viktorias Tante und deren Cousine, die vor Gericht bekundet hatten, die junge Frau würde öfter nicht die Wahrheit sagen. Außerdem habe die Angeklagte nach einer äußerst knappen Belehrung im Vormundschaftsgericht nicht gewusst, dass sie beim Aufenthaltsort immer den Wunsch der leiblichen Mutter beachten müsse.

Eine halbe Stunde will der Richter mit seinen Schöffen beraten. Eine halbe Stunde, in der Scholastica Beyer auf ihren Freispruch und auf Entschädigung für eine elftägige Untersuchungshaft hofft. Unterdessen testet der Richter im Beratungszimmer mit seinen beiden Schöffinnen, ob sich die Peitsche beim Schlagen wirklich um den Körper herumwickeln würde.

Er kommt zu dem Schluss: "Ja, das kann so gewesen sein." Seiner Meinung nach wollte die Angeklagte ihre Stieftochter demütigen. "Das war in ihren Augen das geeignete Mittel, um deren Erziehung voranzutreiben", sagt der Richter. Man habe Viktoria Mabuko geglaubt, weil der Gutachter die von ihr beschriebenen Verletzungen bestätigte. "Entweder ist sie geschlagen worden oder sie hat Kenntnisse der forensischen Medizin, was ich nicht annehme", sagt der Richter.

Auch der Kindesentziehung habe sich die Angeklagte schuldig gemacht, indem sie ihrer Stieftochter den Pass wegnahm: Darum konnte Viktoria Mabuko bis heute nicht ihre Tochter besuchen. 18 Monate Haft auf Bewährung gibt es für die Entziehung von Minderjährigen und die gefährlichen Körperverletzungen, von denen das Gericht mindestens drei für bewiesen hält. Außerdem soll die Angeklagte 300 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten und ihrer Stieftochter bei der Beschaffung ihres Passes behilflich sein.

Das wäre das Ende einer gründlich gescheiterten Familienzusammenführung.

* Namen von der Redaktion geändert