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"Icke muss vor Jericht": Hasi, Mausi und die Sache mit der Urne

Einst waren sie einander "Hasi" und "Mausi", doch als sie sich trennten, wurde "Hasi" zum Stalker. Drohend forderte er ein letztes Mal Sex. Als ihm das verweigert wurde, griff er zu härteren Mitteln.

Von Uta Eisenhardt

Mit einem Brief beendete "Hasi" seine fast 16-jährige Beziehung zu "Mausi". Die war darüber gar nicht traurig, auch sie hatte schon über eine Trennung nachgedacht. Alles schien einvernehmlich, bis "Hasi" einen Haken schlug. Er schrieb, der Brief täte ihm leid und wäre nicht so gemeint. So sehr "Hasi" auch bettelte und drohte - per SMS, Anruf und persönlichem Besuch - "Mausi" bestand auf getrennten Lebenswegen. Sie ließ sich auch nicht von zerstochenen Reifen ins Bett locken. Als sie erfuhr, dass die Urne ihres Vater verschwunden ist, erlitt sie einen Nervenzusammenbruch.

"Hasi" bekam einen Strafbefehl zugeschickt, er sollte 750 Euro (50 Tagessätze) für die "Störung der Totenruhe" zahlen. Der 45-jährige Frührentner legte Einspruch ein. Darüber und über die 80 unerwünschten Kontaktversuche zu seiner Verflossenen verhandelt nun das Gericht.

Frank Kamenz* beharrte auf der Verabredung, die er der Verängstigten Ex-Freundin abgerungen hatte: Wenn sie frei sein wolle, müsse sie sich noch einmal mit ihm treffen und ein letztes Mal mit ihm schlafen: "Wir haben einen Deal, halte dich daran. Die zwei Stunden bekomme ich", tippte er ins Telefon. "Ich komme irgendwann, vielleicht schon morgen. Es wird vielleicht brutal." "Es kann auch ein Transporter sein, wo die Tür...", drohte er der Frau, die einst Opfer einer Vergewaltigung geworden war. Als sie ihm dann seinen letzten Wunsch endgültig abschlug, "ging es richtig los", berichtet die 42-jährige Verwaltungsangestellte dem Gericht.

Todesdrohung per Geburtsurkunde

Er schrieb, sie solle an den gemeinsamen Sohn Daniel denken: "Was ist, wenn er allein aufwachsen muss?" Zur Illustration steckte er die Geburtsurkunde des Sohnes in ihren Briefkasten, auf der die Namen der beiden Elternteile durchgestrichen waren.

Breitbeinig und breitschultrig sitzt der große Mann mit Bauch auf seinem Stuhl. Dunkel umwölkt sind seine Augen im fleischigen, großporigen Gesicht. Zur Verhandlung hat er seine Zukünftige mitgenommen: Eine schlanke, große Blondine - wie seine Verflossene. Seit einem halben Jahr kennen sie sich, nächsten Monat wollen sie heiraten.

Unterdessen trägt die Staatsanwältin den Text der 31. unerwünschten Kurznachricht aus der Anklage vor: "Noch bin ich artig. Ich kann auch gern jemand umbetten am Friedhof. Gern mache ich das nicht." Beim 36. Fall entfährt der Anklägerin ein Stöhnen. Fast eine Stunde dauert es, bis sie das mehrseitige Papier verlesen hat.

Frank Kamenz bestreitet nicht, die Briefe und Kurznachrichten verfasst zu haben. Es täte ihm leid, aber "viele SMS kann ich nicht nachvollziehen. Da habe ich wohl getrunken", entschuldigt sich der Angeklagte. Bis zu zwei Flaschen Schnaps habe er damals am Tag konsumiert.

Ein Leben, das völlig aus den Fugen gerät

Über den Verbleib der Urne möchte er nichts sagen, murmelt er, als ihn der Anwalt seiner Ex danach fragt. Auch zu den acht zerstochenen Reifen bekennt er sich nicht, obwohl die versandten SMS recht eindeutige Hinweise enthalten: "Dein Bus zur Arbeit geht um 6:21 Uhr", schrieb er. "Vier neue Socken kosten 230 Euro. Guck mal in dein Portemonnaie, ob du das nicht beenden willst!"

Ihr Leben sei völlig aus den Fugen geraten, berichtet Katrin Denzin*. Sie verlasse derzeit ihr Haus "wie ein scheues Reh", zucke bei jedem Geräusch im Haus zusammen, gehe kaum ans Telefon und meide die Dunkelheit. Oft bat sie ihre Mutter, die Nacht bei ihr zu verbringen. Bekannte begleiten sie regelmäßig auf dem Weg vom Haus zu ihrem Auto.

Kurz nach der Trennung hinterließ ihr Ex-Freund auf dem Anrufbeantworter eine beunruhigende Nachricht: "Sollte ich erst jemand ausbuddeln müssen, habe ich natürlich mehr Arbeit gehabt. Dann sehen wir uns nicht nur einmal, sondern zehn Mal." Katrin Denzin wandte sich an die Friedhofsverwaltung und bat diese, öfter nach dem Grab ihres Vaters zu schauen. Sie selbst traute sich nicht mehr dorthin.

"Jetzt kannst du dir an deiner Muschi spielen."

Zwei Wochen später überbrachte man ihr die Nachricht, man habe am Grab 675 nur noch ein Loch mit aufgewühlter Erde gefunden. Als sie das erzählt, weint die große, herbe Frau mit dem strohigen Blondhaar. Damals erlitt sie einen Nervenzusammenbruch, magerte ab und konnte wochenlang nicht arbeiten. "Warum hat er sich das ausgedacht", fragt die Richterin. "Weil er ganz genau weiß, womit er mich trifft", antwortet die Zeugin. "Ich hing sehr an meinem Vater. Ich bin auch nach so vielen Jahren noch nicht darüber hinweg, dass er gestorben ist." Nun sei ihr der Ort für ihre Trauer genommen.

Der Verlust scheint endgültig: Eine Hausdurchsuchung bei Frank Kamenz brachte keine Urne zutage. Stattdessen fand man bei dem damaligen Mitarbeiter der Berliner Stadtreinigung Laubsäcke aus dem Besitz seines Arbeitgebers. Die Entdeckung dieses Diebstahls zog die Kündigung nach sich. "Habe meinen Spind ausgeräumt bei der Arbeit, nach zwanzig Jahren und zehn Tagen", schrieb der Müllmann seiner Ex und ergänzte: "Jetzt kannst du dir an deiner Muschi spielen!"

"Unsachliche Äußerungen" nur wegen Alkoholeinfluss

Sieben Monate Haft auf Bewährung fordert die Staatsanwältin für den Terror. Der sei nach Angaben von Katrin Denzin erst zwei Wochen vor dem Prozess abgeflaut. Der Verteidiger bittet um eine milde Strafe: Die Sache mit der Urne und den zerstochenen Reifen sei dem Angeklagten nicht nachzuweisen. Außerdem sei der größte Teil der Belästigungen in den ersten Trennungswochen erfolgt und basierte auf dem vermeintlichen Einverständnis der Verflossenen, dem Angeklagten seinen Wunsch nach einem letzten Geschlechtsverkehr zu gewähren. "Es war ein Fehler, nicht zu sagen, dass die Zeugin nicht den Wunsch verspürte", sagt der Verteidiger. Die zuweilen "unsachlichen Äußerungen" seines Mandaten führt der Anwalt auf dessen Alkoholmissbrauch zurück. Inzwischen habe Frank Kamenz einen stationären Entzug absolviert und eine Psychotherapie begonnen.

Sechs Monate Haft auf Bewährung entscheidet die Richterin und macht dem Angeklagten zur Auflage, in der dreijährigen Bewährungszeit keinen Kontakt zu Katrin Denzin aufzunehmen, sonst müsse er ins Gefängnis. Verständlicherweise hätte dessen Ex-Freundin große Angst vor "einem Mann mit so ´ner Statur", der sogar vor der Schändung eines Grabes nicht zurückschrecke. Allerdings habe der Angeklagte unter Alkoholeinfluss und damit im Zustand verminderter Schuldfähigkeit gehandelt. "Ich habe die Hoffnung, dass Sie auf dem richtigen Weg sind", sagt die Richterin.

Anwalt rät von Feuerbestattung ab

Die Urne wird wohl nicht mehr auftauchen. Man könne Frank Kamenz vor einem Zivilgericht auf Herausgabe verklagen, sagt der Anwalt von Katrin Denzin. Doch fehle es an Beweisen, dass er die Urne tatsächlich stahl - das Zivilrecht stellt andere Anforderungen als das Strafrecht. Möglicherweise habe der Ex-Müllmann diese in einer Verbrennungsanlage verschwinden lassen, glaubt der Anwalt und rät: "Machen Sie keine Feuerbestattung! Ein Sarg lässt sich nicht so leicht transportieren." Noch sicherer sei es, die Asche des Toten immer bei sich zu führen - in einem Ring oder Anhänger.

* Namen von der Redaktion geändert

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